Die Voraussetzungen für das HZ-Fotoshooting waren nicht gleich. Während Marvin Staudenmaier vom RKV Herbrechtingen bereits mit fünf Jahren mit dem Kunstradfahren anfing, legte Philipp Jehle beim SV Mergelstetten erst mit zehn Jahren los. Kein Wunder also, dass beide nicht auf dem gleichen Niveau fahren, was Jehle aber bewusst ist.
Philipp, Marvin, warum um Gottes Willen Kunstradfahren?
Philipp Jehle: Ich glaube nicht, dass jeder es schafft, auf dem Lenker seines Rads zu stehen. Bei uns ist sehr viel Körperspannung gefragt. Das lag mir schon immer. Anfangs bin ich geschwommen, dann hat meine Mama eine Anzeige fürs Kunstradfahren gesehen.
Marvin Staudenmaier: Beim Kunstradfahren geht es um Kraft und Körperspannung. Es ist Akrobatik auf dem Fahrrad. Es ist faszinierend, was man auf dem Fahrrad alles machen kann, was da alles funktioniert, zum Beispiel ein Sprung vom Sattel auf den Lenker.

Philipp, Deine Mama wird jetzt wohl etwas traurig sein?
Philipp Jehle: Das kann sein. Die baden-württembergischen Meisterschaften werden mein letzter Wettkampf sein. Danach höre ich auf.
Warum?
Philipp Jehle: Sonst fahre ich bei Kreis- und Bezirksmeisterschaften. Jetzt habe ich mich zum ersten Mal für die baden-württembergischen Meisterschaften qualifiziert. Es wird ein schöner Abschluss sein. Ich möchte diesen Höhepunkt vor heimischem Publikum genießen.
Und was kommt danach?
Philipp Jehle: Das weiß ich noch nicht so genau. Ich möchte einfach etwas Neues ausprobieren. Deshalb schaue ich mir Baseball an, vielleicht wird’s auch Fußball.

Der Weg nach oben im Kunstradfahren ist sehr schwierig, oder?
Philipp Jehle: Ja, ich habe sehr spät damit angefangen. Das merkt man dann schon. Ich schaue auf jeden Fall gerne zu, wenn Marvin Programm fährt.
Um es besser einordnen zu können: Wie ist euer Leistungslevel?
Philipp Jehle: Ich stelle bei meinem Programm 93 Punkte auf, Marvin 191. Da liegen Welten dazwischen. Der Amateur und der Profi, sozusagen. (lacht)

Das heißt, Du hast andere sportliche Ziele, Marvin?
Marvin Staudenmaier: Für mich ging es schon zu deutschen Meisterschaften, die Weltmeisterschaft wäre das ganz große Ziel. Aber die Konkurrenz ist enorm stark.
Wie realistisch ist das?
Marvin Staudenmaier: Wenn die beiden Handstände noch kommen, steigen die Chancen. (lacht) Das sind die beiden schwierigsten Übungen.
Was fehlt Dir dazu?
Marvin Staudenmaier: Es geht um den Lenkerhandstand und den Sattellenkerhandstand. Ich fahre beide in einem Kreis, sollte sie aber als Achter zeigen. Manchmal denke ich, dass ich die Kraft dafür nicht habe. Aber da ist viel Kopfsache.
Dabei sehen Kunstradfahrer sehr durchtrainiert aus. Geht ihr oft ins Fitnessstudio?
Marvin Staudenmaier: Nein, nie. Die Muskeln bekommt man durchs Trainieren auf dem Fahrrad.
Okay, bleiben wir bei den Übungen. Wie lange benötigt man, um eine Übung zu beherrschen?
Marvin Staudenmaier: Für einen Handstand habe ich vier Jahre trainiert.
Du bist 26 …
Marvin Staudenmaier: (unterbricht) Der Rentner. (lacht)

Soll heißen?
Marvin Staudenmaier: Ich bin jetzt schon der Älteste, der noch fährt. (lacht) Alle anderen haben nach und nach aufgehört. Meine Konkurrenten sind 21, 22 Jahre alt. Im Kunstradfahren ist das schon ein großer Altersunterschied.
Das heißt, wie lange möchtest Du noch fahren?
Marvin Staudenmaier: Noch bis nächstes Jahr. Da wird die Weltmeisterschaft in Frankreich ausgetragen…
Und danach?
Marvin Staudenmaier: Zumindest kein Kunstradfahren mehr. (lacht)
Ausgebremst wurdest Du auch durch eine größere Verletzung?
Marvin Staudenmaier: Das schon. Ich habe mir mit 16 das rechte Handgelenk gebrochen, als ich rückwärts vom Rad gefallen bin und mich abgestützt habe. Es ist schief verwachsen und musste korrigiert werden. Das war schon eine längere Pause.
Philipp Jehle: Deswegen ist er noch nicht Weltmeister. (lacht)
Im Gespräch sind auch Begriffe wie „Bilder“ oder „Figuren“ gefallen. Was sagt man denn nun?
Marvin Staudenmaier: Eigentlich Übungen.
Oder sagen Profis Bilder?
Marvin Staudenmaier: Nee.
Philipp Jehle: Wir haben uns nur Deiner Sprache angepasst. (lacht)

Danke dafür! Der Weltmeister startet auch in Mergelstetten?
Marvin Staudenmaier: Ja, Philipp-Thies Rapp.
Philipp Jehle: Mein Vorname ist schon mal dabei. (lacht)
Den gilt es zu schlagen?
Marvin Staudenmaier: Ich sage mal so: Das ist unmöglich. Trotzdem ist es schön, dass die Besten dabei sind.
Am Sonntag geht es um 9 Uhr los – 30 Übungen in fünf Minuten
Beim Einer-Kunstradfahren geht es darum, verschiedene Übungen auf einem speziellen Fahrrad zu zeigen. Für jede Übung gibt es eine bestimmte Punktzahl. Bei missglückten Übungen oder Stürzen gibt es Punktabzüge. Fahrer stellen vor jedem Programm eine bestimmte Anzahl an Punkten (für die von ihnen geplanten Übungen) auf, zum Beispiel 140. Am Ende zählen aber die ausgefahrenen Punkte, Abzüge inklusive, zum Beispiel 131,5 Punkte. Neben Elementen wie Stillstand und Rückwärtsfahren werden Handstände, Drehungen oder Sprünge (vom Sattel zum Lenker) gezeigt.
Die speziellen Räder können bis zu 3.000 Euro kosten. Die Reifen sind mit 14 bar (vorne und hinten) sehr fest. Am Hinterrad (links und rechts) sind sogenannte Dornen befestigt, auf denen man stehen kann. „Es ist unangenehm, wenn man länger draufstehen muss“, sagt Marvin Staudenmaier aus Erfahrung. Die Fahrer haben nämlich nur dünne Schuhe an, die wie normale Gymnastikschuhe aussehen.
Philipp Jehle, der auf den Reutenen wohnt, macht gerade eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Marvin Staudenmaier ist Industriemechaniker (Meister) bei Schwenk. Sein drei Jahre älterer Bruder Torben fährt ebenfalls Kunstrad, zusammen mit seiner Freundin Sonja Stalter im „Zweier“. Beide gehen bei den baden-württembergischen Meisterschaften in Mergelstetten ebenfalls an den Start.
Die Wettbewerbe in der Turn- und Festhalle Mergelstetten beginnen am Sonntag um 9 Uhr mit dem Einer der Frauen. Hier wird unter anderem Lara Füller vom RKV Poppenweiler, die Weltmeisterin von 2024 und amtierende Europameisterin, an den Start gehen.
Torben Staudenmaier und Sonja Stalter sind im Zweier-Wettkampf ab 11.20 Uhr gefordert. Sie messen sich unter anderem mit den Vize-Europameistern von 2026, Patrick Tisch und Julia Hämmerli (RV Pfeil Magstadt).
Marvin Staudenmaier und Philipp Jehle sind ab 13.36 Uhr im Einer an der Reihe. Sie messen sich unter anderem mit Philipp-Thies Rapp (RSV Tailfingen), Weltmeister von 2025 und Europameister 2026, Linus Weber (SV Kirchdorf), Vize-Weltmeister von 2025, und Simon Halter (RSV Erlenbach), Vize-Europameister 2026.

