Zeiss reagiert auf Kritik der Gewerkschaft: „Verunsicherung ist unvermeidlich“
Seit Anfang Juni wissen die Beschäftigten der Zeiss-Gruppe, dass ihr Arbeitgeber mehrere hundert Millionen Euro pro Jahr einsparen will und dass dabei Stellen wegfallen. Was das für den Hauptstandort Oberkochen bedeutet, weiß bis heute niemand. Auf Anfrage der „Schwäbischen Post“ nimmt der Konzern nun erstmals Stellung zu der Kritik an der Informationspolitik durch die IG Metall Aalen. Die Antwort fällt deutlicher aus als erwartet.
Zeiss hält die zwischenzeitliche Verunsicherung der Beschäftigten für unvermeidbar: „Durch die frühzeitige Kommunikation ist eine zwischenzeitliche Verunsicherung unvermeidlich“, teilt ein Unternehmenssprecher mit. „Veränderungen träfen anderenfalls eine unvorbereitete Belegschaft. Das kann in niemandes Interesse sein.“ Man habe intern frühzeitig und offen kommuniziert, warum Einsparungen und zugleich weitere Investitionen in Märkte und Innovationen geplant seien. Die Details würden derzeit ausgearbeitet. Sobald in den kommenden Monaten belastbare Planungen vorlägen, würden diese im Rahmen der Mitbestimmung beraten.
IG Metall fordert endlich Klarheit
Die IG Metall Aalen hatte sich bereits vor dieser Stellungnahme deutlich positioniert. „Eine solche Ankündigung ist wie das Platzen einer Bombe – und anschließend werden die Beschäftigten über Wochen im Ungewissen gelassen“, sagt Fabian Fink, Zweiter Bevollmächtigter der Geschäftsstelle. „Das halten wir für nicht akzeptabel.“ Solange Zeiss nicht benenne, welche Bereiche und Standorte betroffen seien und welches Ziel der Konzern verfolge, könne die Gewerkschaft nicht in Verhandlungen einsteigen. Die IG Metall hat das Unternehmen deshalb aufgefordert, die Pläne offenzulegen und eine klare Informationsphase einzuleiten.
Vorbereitet ist man: Betriebsräte und Gewerkschaft haben laut Fink bereits eine dreiwöchige Schulung absolviert, um für mögliche Verhandlungen eine gemeinsame Wissensgrundlage zu haben. Der Streit hat eine wirtschaftliche Vorgeschichte, die auf den ersten Blick nicht zu einem Sparprogramm passt. Im ersten Halbjahr steigerte die Zeiss-Gruppe ihren Umsatz um ein Prozent auf 5,841 Milliarden Euro, das operative Ergebnis legte auf 955 Millionen Euro zu. Trotzdem kündigte Vorstandschef Andreas Pecher im Juni Einsparungen an. Über drei Jahre sollen mehrere hundert Millionen Euro pro Jahr eingespart werden – dabei sei auch ein Abbau von Stellen zu erwarten.
Als Grund nannte Pecher eine „seit mehreren Jahren abnehmende Dynamik“ in drei der vier Sparten. Gleichzeitig hätten sich Strukturen aus den Wachstumsjahren entwickelt, die „nicht mehr überall effizient sind“. Finanzvorstand Stefan Müller sprach vor einer Frage der Balance. Zeiss wolle handeln, „bevor uns die Umstände zum Handeln zwingen“.
Sparprogramm bei Zeiss sorgt für Unruhe: IG Metall klagt über fehlende Informationen
Die Bombe ist geplatzt – jetzt heißt es warten: Gewerkschaftsbevollmächtigter Fabian Fink erklärt, warum konkrete Verhandlungen noch nicht möglich sind.Streit um 222 Millionen Euro
Genau dieses Argument hat die Gewerkschaft bereits im Juni zurückgewiesen. Sie warf dem Konzern im Juni vor, trotz Milliardengewinnen auf Kosten der Beschäftigten zu sparen, und verwies auf staatliche Beihilfen für die Halbleiterbranche. Daraus könnten rund 222 Millionen Euro an Zeiss fließen. „Unternehmen, die öffentliche Gelder erhalten, stehen in besonderer Verantwortung gegenüber ihren Beschäftigten“, heißt es in der Mitteilung. Zu diesem Vorwurf äußert sich Zeiss in seiner Stellungnahme nicht. Dass die Folgen auch vor Ort spürbar sind, zeigt der Blick nach Aalen. Dort standen zuletzt rund 250 Stellen in der Brillenglasfertigung gefährdet. Nach Angaben der IG Metall gelang es Betriebsräten und Gewerkschaft, die schlimmsten Einschnitte zu verhindern und die Produktionsstandorte in Aalen und Göttingen zu sichern.

Deutschland darf in Halbleiterfabriken investieren: 222 Millionen Euro Staatshilfe für Zeiss
Die EU-Kommission gibt grünes Licht für die Unterstützung zweier Hightech-Bauprojekte. Was Zeiss und Zadient in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt planen.Weiter ist inzwischen die börsennotierte Tochter Carl Zeiss Meditec. Sie hatte bereits im Mai ein eigenes Umbauprogramm angekündigt. Bis zum Geschäftsjahr 2028/29 soll das Ergebnis um mehr als 200 Millionen Euro jährlich verbessert werden, die Marge auf mindestens 15 Prozent steigen. Im Mai war von weltweit bis zu 1000 betroffenen Stellen die Rede. Anfang August konkretisierte Finanzvorstand Justus Felix Wehmer die Größenordnung. Weil das Unternehmen an anderen Standorten – etwa in China und Indien – gleichzeitig Personal aufbaut, dürften unter dem Strich 600 bis 700 Arbeitsplätze wegfallen. Wie viele davon auf Deutschland entfallen, ließ er offen. „Eine Zahl für Oberkochen kann und will ich heute nicht nennen.“ Meditec beschäftigt weltweit rund 9000 Menschen, davon etwa 2500 in Deutschland und rund 900 in Oberkochen.
Meditec-Finanzvorstand: „Bis zu 700 Stellen fallen tatsächlich weg“
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Bei Konzern und Tochter zeigt sich damit dasselbe Muster. Die Richtung ist vorgegeben, die Summen stehen, die Auswirkungen auf einzelne Standorte werden erst später festgelegt. Bei Meditec ist immerhin absehbar, welche Größenordnung insgesamt im Raum steht. Beim Mutterkonzern fehlt bislang selbst diese Zahl. Einen Zeitplan nennt keine der beiden Seiten. Zeiss spricht von „den kommenden Monaten“, die IG Metall wartet auf die Informationsphase, feste Termine gibt es nach Finks Angaben nicht. Wehmer hoffte im August, im Frühsommer 2027 erste Effekte vorweisen zu können. Für die Beschäftigten in Oberkochen heißt das: Sie wissen inzwischen ziemlich genau, wie viel Geld ihr Arbeitgeber sparen will – und weiterhin nicht, was das für sie bedeutet.
