Produktion in China und Indien

Meditec-Finanzvorstand: „Bis zu 700 Stellen fallen tatsächlich weg“

Im Interview erklärt CFO Justus Felix Wehmer, warum Zeiss Meditec künftig stärker in China und Indien produzieren will und wann sich die Lage entspannen soll.

Umsatz und Gewinn geben nach: Carl Zeiss Meditec hat seine Zahlen für die ersten neun Monate des laufenden Geschäftsjahres vorgelegt. Der Umsatz sank um 2,9 Prozent auf rund 1,55 Milliarden Euro, das bereinigte operative Ergebnis (EBITA) brach um fast 30 Prozent auf 124,5 Millionen Euro ein – die Marge fiel von 11,1 auf 8,0 Prozent. Vor allem das schwache China-Geschäft macht dem Medizintechnikkonzern weiterhin zu schaffen. Gleichzeitig kommt das im Mai angekündigte Sparprogramm nun in die konkrete Umsetzung, wie Finanzvorstand Justus Felix Wehmer im Interview erläutert.

Herr Wehmer, im Mai hatten Sie ein Sparprogramm für Zeiss Meditec angekündigt, unter anderem sollen weltweit bis zu 1000 Stellen wegfallen. Wie ist der aktuelle Stand?

Justus Felix Wehmer: 1000 Stellen waren immer die Obergrenze – die Zahl der Stellen, die weltweit im schlimmsten Fall betroffen sein könnte. Jetzt können wir konkreter werden: An einigen Standorten, etwa in China und Indien, bauen wir gleichzeitig neues Personal auf. Zieht man das ab, werden wir am Ende voraussichtlich zwischen 600 und 700 Arbeitsplätze tatsächlich abbauen.

Und wie viele davon in Deutschland?

Wehmer: Wie viele von diesen möglicherweise 600 bis 700 Stellen auf Deutschland entfallen, können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Wir sind in Gesprächen mit den Betriebsräten, die konstruktiv und vertrauensvoll verlaufen.

Was heißt das konkret für Oberkochen?

Wehmer: Eine Zahl für Oberkochen kann und will ich heute nicht nennen. Sobald es hierzu etwas Konkretes gibt, informieren wir die Beschäftigten.

Was passiert mit den Menschen, deren Stellen wegfallen?

Wehmer: Zuerst versuchen wir, sie innerhalb des Konzerns zu vermitteln. Gerade in unserer Halbleitersparte wächst die Nachfrage, dort entsteht Bedarf an Personal. Für Beschäftigte in Oberkochen könnte das heißen: eine neue Stelle nicht in einer anderen Stadt, sondern buchstäblich ein Haus weiter. Wo das nicht klappt, wollen wir möglichst sozialverträgliche Lösungen finden, mit angemessenen Abfindungen. Wir wollen das im Sinne von Zeiss tun – als Unternehmen, das sich seiner sozialen Verantwortung bewusst ist und auch in schwierigen Zeiten als verlässlicher Sozialpartner auftritt.

Warum ist dieser Einschnitt überhaupt nötig geworden?

Wehmer: Weil zwei Märkte uns das Wachstum gerade sehr schwer machen: China und die USA, zusammen fast die Hälfte unseres Umsatzes. Wenn beide gleichzeitig schwächeln, kann selbst ein gutes Europa-Geschäft das nicht auffangen. Und genau das ist passiert: In Europa sind wir um gut 5,4 Prozent gewachsen. In China schrumpft unser Geschäft weiterhin. In den USA war es zu Jahresbeginn ebenfalls rückläufig, zuletzt haben wir uns dort wieder leicht ins Plus gearbeitet. In Summe reicht das nicht, um unsere eigenen Ansprüche an Wachstum und Profitabilität zu erfüllen – deshalb greifen wir jetzt ein, statt zu warten, bis es noch enger wird.

Was genau läuft in China schief?

Wehmer: Zwei Dinge gleichzeitig. Erstens: Die Kauflaune der Konsumenten ist seit dem Ende der Coronazeit historisch schlecht, viele schieben Behandlungen auf, die sie selbst bezahlen müssten. Zweitens: Chinesische Wettbewerber holen auf – nicht mehr nur mit billigeren, sondern inzwischen auch mit technisch hochwertigen Produkten, genau in den Bereichen, in denen wir bislang stark waren.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wehmer: Die Laserbehandlung gegen Kurzsichtigkeit mit unserer SMILE-Technologie. Das zahlt keine Krankenkasse, das ist eine private Entscheidung – und private Ausgaben sind das Erste, was Menschen in unsicheren Zeiten streichen. In China gibt es besonders viele kurzsichtige Menschen, das Geschäft ist uns dort jahrelang zweistellig gewachsen. Jetzt bremst es deutlich.

Ist das ein vorübergehendes Problem, oder rechnen Sie langfristig mit diesen schwierigeren Bedingungen?

Wehmer: Wir gehen nicht davon aus, dass sich das in den nächsten fünf bis zehn Jahren wieder zurückdreht. Deshalb reicht es nicht, einfach zu sparen – wir müssen das Unternehmen umbauen. Bislang exportieren wir sehr viel aus Deutschland in die Welt. Das wird in Zukunft nicht mehr überall funktionieren.

Warum nicht?

Wehmer: China ist der größte Markt für Augenheilkunde weltweit – dort wollen und müssen wir vertreten sein. Aber chinesische Ausschreibungen verlangen zunehmend, dass die Produkte auch in China hergestellt werden. Wer dort nicht lokal produziert, ist bei diesen Ausschreibungen schlicht nicht mehr im Rennen. Deshalb bauen wir dort eigene Fertigungen auf. Das hat im Übrigen nichts mit den Motiven zu tun, mit denen vor 10 oder 20 Jahren Unternehmen ihre Produktion in sogenannte Billiglohnländer verlagert haben – das war schlicht kapitalistischer Opportunismus. Uns geht es darum, in den wichtigsten Zukunftsmärkten überhaupt präsent bleiben zu können. Deshalb sprechen wir auch lieber von einem Transformations- als von einem reinen Sparprogramm.

Was bedeutet das für die Standorte in Deutschland, für Oberkochen?

Wehmer: Wir prüfen derzeit, wie unser weltweites Netzwerk künftig aussehen soll. Was das für einzelne Standorte heißt, kann ich heute noch nicht sagen.

Wir haben uns ausführlich über die Herausforderungen unterhalten – wann, glauben Sie, wird sich die Lage bei Zeiss Meditec entspannen?

Wehmer: Ich hoffe, dass wir im Frühsommer nächsten Jahres sagen können: Der Kurs stimmt, erste Effekte sind sichtbar. Was ich allerdings nicht versprechen kann: dass die Welt uns dabei in Ruhe lässt. Neben dem Krieg in der Ukraine kommt jetzt auch noch der im Nahen Osten hinzu – solche Krisen sind herausfordernd für jede Geschäftsentwicklung.

Justus Felix Wehmer

Justus Felix Wehmer ist seit Oktober 2018 Finanzvorstand der Carl Zeiss Meditec AG. Er verantwortet dort unter anderem Finanzen und Controlling, Investor Relations, IT, Recht, Steuern sowie weitere Konzernfunktionen. Wehmer, geboren 1965, studierte Betriebswirtschaft an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Essen und erwarb einen MBA an der London Business School. Zuvor war er in verschiedenen Führungspositionen innerhalb des Zeiss-Konzerns sowie bei NXP Semiconductors tätig.