Im Herbst 2020 wurde der Mobilitätspakt Aalen-Heidenheim gegründet. Ende Oktober unterzeichneten 16 Partner eine gemeinsame Absichtserklärung, in der festgeschrieben ist, dass die Verkehrssituation im Wirtschaftsraum Aalen-Heidenheim verbessert werden soll. Dem vorausgegangen war die Erkenntnis, dass die bestehenden Verkehrswege zwischen den beiden Städten völlig überlastet sind. Im Fokus: die B19, insbesondere in Königsbronn. Denn hier leiden die Menschen schon seit Jahren unter dem immer mehr steigenden Verkehrsdruck, der in erster Linie durch Pendler verursacht wird, die bei den großen Unternehmen in der Region arbeiten und täglich die Straßen verstopfen.
Demzufolge heißt es in der Gründungserklärung des Paktes, der unter der Schirmherrschaft von Verkehrsminister Winfried Hermann steht: „Der Raum ist erheblich mit täglichen Verkehrsstaus belastet, von denen auch der öffentliche Nahverkehr betroffen ist. Daraus resultieren nachteilige Auswirkungen für die Bevölkerung sowie für Klima und Umwelt. Zur Vermeidung von Emissionen muss die verkehrliche Situation mit Blick auf die Belange der Bürgerinnen und Bürger, Kommunen und Unternehmen deutlich verbessert werden. Es geht darum, ein Bewusstsein für ein verändertes, nachhaltiges Mobilitätsverhalten zu schaffen, genauso wie auch die Attraktivität der Arbeitgeber und Bildungseinrichtungen im Raum Aalen/Heidenheim und darüber hinaus in der Region Ostwürttemberg zu fördern“.
Die Laufzeit endet im Oktober
Der Mobilitätspakt ist auf fünf Jahre angelegt – und endet damit im Oktober 2025. Doch was ist geblieben von den hehren Zielen, die die 16 Partner aus Wirtschaft, Politik, Kommunen und Hochschulen vereinbart hatten? Hat sich an der Verkehrssituation irgendetwas verbessert? Gibt es überhaupt eine Vorstellung davon, wie die Menschen in Königsbronn tatsächlich entlastet werden können? Denn die wichtigste Zielsetzung des Paktes ist laut Homepage doch: „Durch Verbesserungen bei ÖPNV, Rad- und Fußverkehr und die Vernetzung untereinander sowie mit dem motorisierten Individualverkehr ist eine Entlastung der Straßeninfrastruktur möglich und es werden gleichzeitig die Voraussetzungen für eine aus Klimaschutzgründen notwendige, neue und vernetzte Mobilität geschaffen.“
Und heute, fünf Jahre später? Die B19 und die Zanger Straße in Königsbronn sind zu Spitzenzeiten noch immer verstopft, wer aus Seitenstraßen auf die Bundesstraße einfahren will, muss teils minutenlang warten, bis sich eine Lücke bildet. Dabei hatte Verkehrsminister Winfried Hermann im Interview mit der HZ im März 2020 gesagt: „Ich gehe davon aus, dass so ein Pakt fünf Jahre laufen sollte. Mit dieser Laufzeit unterscheiden wir uns stark vom Bund. Der macht gern Gipfel und dann passiert nichts.“ Und weiter: „Ein Mobilitätspakt meint immer, dass man nicht nur über ein Problem spricht, sondern Lösungen vereinbart und in kürzerer Zeit als sonst üblich umsetzt.“ Also müsste es nach fünf Jahren doch deutlich spürbare Verbesserungen geben. Und die waren auch erwartet worden. So sagte Hermann im Interview im November 2020: „Es ist mir wichtig, dass man sich auch um kurzfristige Verbesserungen kümmert, damit auch Erfolge dieser neuartigen Kooperation sichtbar werden. Die mittelfristigen Vorhaben sind dann auch in fünf Jahren lösbar.“
19.000 Fahrzeuge pro Tag
Die Situation ist jedoch unverändert dramatisch: Knapp 19.000 Fahrzeuge innerhalb von 24 Stunden wurden bei einer Verkehrszählung an der Ampelanlage zur Zanger Straße im Februar 2024 ermittelt. Dass unter ihnen sehr viele Pendler sind, zeigt die Tatsache, dass zwischen 6 und 8 Uhr sowie zwischen 16 und 18 Uhr 500 Fahrzeuge innerhalb einer Viertelstunde die Kreuzung passierten. Auch der über die Zanger Straße fließende Verkehr ist enorm: Mehr als 9000 Fahrzeuge befahren täglich die Brücke über die Bahnlinie.
Um die Situation zu verbessern, wurden im Mobilitätspakt sechs Handlungsfelder definiert: Betriebliches und behördliches Mobilitätsmanagement, Rad- und Fußverkehr, Motorisierter Individualverkehr, ÖPNV, Schieneninfrastruktur und -betrieb sowie Vernetzung und Innovation. Später hinzu kam noch die „Integrierte Maßnahme“, die sich um die Anbindung und Mobilität des Gewerbegebietes Tallage Oberkochen/Königsbronn kümmert.
Mit jedem dieser Handlungsfelder hat sich über die Jahre hinweg jeweils eine Arbeitsgruppe beschäftigt. Besetzt waren diese Gruppen mit Vertreterinnen und Vertretern aus unterschiedlichen Bereichen wie der Wirtschaft, den Hochschulen und der Politik, aber auch mit Experten aus dem Verkehrsministerium. Bis zum 3. Januar 2021 hatten Bürgerinnen und Bürger insgesamt 638 Anregungen und Wünsche für ein besseres und leistungsfähigeres Verkehrssystem über die Bürgerbeteiligung auf der Website des Mobilitätspaktes eingebracht. Diese Ideen wurden von den Arbeitsgruppen untersucht und bearbeitet. Darüber hinaus gibt es die Koordinierungskreisebene, welche auf Grundlage der Facharbeit in den Arbeitsgruppen die Entscheidungen vorbereitet sowie die Steuerkreisebene, welche die strategischen Entscheidungen trifft. Diese drei verschiedenen Arbeitsebenen treffen sich im unterschiedlichen Rhythmus.
Maßnahmenpaket mit mehr als 40 Punkten
Bei der ersten Sitzung des sogenannten Steuerkreises, der die strategischen Entscheidungen trifft, und der unter der Leitung von Verkehrsminister Winfried Hermann arbeitet, haben die Partner des Mobilitätspaktes am 2. Juli 2021 „ein 42 Maßnahmen umfassendes Paket beschlossen, um die verkehrlich überlastete Raumschaft zwischen Aalen und Heidenheim lebenswert zu erhalten und ein zukunftsfähiges Mobilitätskonzept zu entwickeln“, hieß es in einer Pressemitteilung. Der Steuerkreis sollte jährlich einmal tagen und die Ergebnisse der Arbeitsgruppen bewerten.
In den ersten Jahren nach Gründung des Mobilitätspaktes kamen immer wieder Pressemitteilungen von Seiten des Verkehrsministeriums, in denen über Zwischenstände berichtet wurde. Doch schon lange ist es ruhig geworden um den Pakt, die letzte Pressemitteilung stammt vom 30. April 2024. Auf der Homepage des Mobilitätspaktes ist zu sehen, dass alle mehr als 42 Maßnahmen abgearbeitet wurden und als erledigt eingestuft sind. Ende Oktober endet der Pakt nach fünf Jahren.
Auf Nachfrage ist vom Verkehrsministerium zu erfahren, dass sich die Laufzeit des Mobilitätspakts dem Ende zuneigt und er auch schon bewertet wurde: „Die Evaluation hat bestätigt, dass der Mobilitätspakt ein erfolgreiches Instrument für die Lösung von Verkehrsproblemen in der Region ist.“ Und das, obwohl sich bisher sichtbar kaum etwas getan hat, der Verkehrskollaps nach wie vor kurz bevorsteht.
Mehrere Beiträge
In den kommenden Wochen wird die Heidenheimer Zeitung in mehreren Artikeln den Mobilitätspakt und dessen Ergebnisse genauer unter die Lupe. Dabei wird es auch darum gehen, was die Bemühungen gebracht haben, was schon erreicht wurde, was gescheitert ist, und was noch geplant ist, um die Verkehrssituation zu verbessern.