Wie die Exil-Herbrechtingerin Iris Bertz in Birmingham unerzählte Geschichten sichtbar macht
„Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben.“ Diese Aussage mag zumeist fälschlicherweise Winston Churchill zugeschrieben werden, nichtsdestotrotz steckt Wahres in ihr. Historische Ereignisse werden oftmals aus der Perspektive derjenigen überliefert und dokumentiert, die einen Konflikt oder Krieg gewonnen haben. Verlierer-Geschichten und unerzählte oder unbekannte Biografien ans Licht zu bringen, obliegt anderen. Zum Beispiel Iris Bertz. In Giengen geboren und in Herbrechtingen aufgewachsen, lebt Bertz seit nunmehr fast 30 Jahren in England, mehr als zehn davon in Birmingham. Dort tut sie nicht zuletzt genau das: unerzählte Geschichten erzählen.
Bertz’ ganz eigene Biografie ist keinesfalls unbekannt. Und wo ihr Faible für Kunst und Großbritannien herkommt, weiß sie ebenfalls ganz genau. Iris Bertz’ Eltern betrieben in Herbrechtingen ab 1971 ein Radiogeschäft, ihre Mutter Rhoda Bertz hat im englischen Coventry Kunst studiert und ihre Werke unter anderem in Ulm, Giengen, Birmingham und in Upstate New York ausgestellt. Auch die Schwester und die Cousine verbindet ein enges Band mit der anderen Seite des Ärmelkanals.
Vermittlerin von europäischen Stipendien
„Die Kulturlandschaft in England ist eine ganz andere als in Deutschland“, findet Iris Bertz. In Großbritannien stehe die Verbindung von Kunst und Kulturerbe viel mehr im Fokus, sagt sie, und ergänzt: „Das meine ich gar nicht wertend. Es ist einfach anders.“
Diese beiden Blickwinkel und ihr interkulturelles Wissen packte Bertz nach Ende ihres Masterstudiums ein und nutzt beides seither auf verschiedene Weise. Als Beraterin und Vermittlerin diverser europäischer Kulturprojekte, zum Beispiel. Für das Erasmus-Programm hat sie etwa Austausche organisiert, ebenso für das Baden-Württemberg-Stipendium. Einer der davon profitiert hat, ist beispielsweise der Steinmetz Johannes Moser aus Schnaitheim.
„In Deutschland lernt man oftmals eng am Beruf“, erklärt Bertz. Programme wie das Baden-Württemberg-Stipendium würden es unter anderem Handwerkern ermöglichen, in England eine bestimmte Designrichtung zu erlernen, freier und kreativer zu arbeiten. „Mit dem Brexit ist das natürlich alles eingebrochen“, bedauert die frühere Herbrechtingerin. Als bekannt wurde, dass das Vereinigte Königreich ab 2027 wieder am Erasmus-Programm teilnehmen wird, war Iris Bertz verständlicherweise mehr als erfreut: „An dem Tag ist mein Handy vor lauter Anrufen und Nachrichten heißgelaufen.“
Seit 2020 leitet Iris Bertz in Birmingham die Non-Profit-Organisation Bertz Associates, welche sich die Vermittlung von Kunst und Kulturerbe auf die Fahne geschrieben hat. Es gehe viel darum, etwa marginalisierten Gruppierungen Zugang zu Kunst und Kultur zu ermöglichen, und eben unerzählte Geschichten zu Tage zu fördern. Hier kommt Lisel Haas ins Spiel.

Haas kam 1898 in Mönchengladbach zur Welt, wo sie später ihr eigenes Fotoatelier betrieb und parallel als Fotojournalistin arbeitete. Ihre Familie war jüdisch, wenige Tage nach der Reichspogromnacht emigrierte Lisel Haas mit ihrem Vater nach Birmingham. Dort machte sich Haas als Theaterfotografin einen Namen, nach dem Krieg eröffnete sie zusammen mit ihrer Lebenspartnerin Grete Bermbach ein Studio für Porträtfotografie.
„Wir haben Lisel Haas eigentlich nur zufällig gefunden“, erzählt Bertz. „Obwohl ich mich viel mit Frauengeschichten befasse, wusste ich nichts über sie.“ Über eine Mitarbeiterin von Bertz Associates kam das Team mit dem Leben und Wirken der Exil-Deutschen in Berührung und beschloss, die Geschichte dieser Frau, die überall in Birmingham ihre Spuren hinterlassen hat, von einer unerzählten zu einer erzählten zu machen.
Oft ist es so, dass man an einem Faden zieht und sich daraus eine Geschichte entwickelt.
Iris Bertz über das Finden von unerzählten Geschichten
Mehr als 250 Kisten umfasst der in der Library of Birmingham verwahrte Nachlass der Fotografin, der von Bertz Associates erschlossen wurde. „Lisel Haas’ Werke wurden vorher noch nie so in England gezeigt“, sagt Iris Bertz mit Blick auf die Ausstellung über Haas, die die Organisation kuratiert hat und die noch bis Dezember dieses Jahres in der Library of Birmingham gezeigt wird.
Geschichten wie diese sichtbar zu machen, kostet selbstverständlich Geld. Als Non-Profit-Organisation ist Bertz Associates auf Fördergelder und die Zusammenarbeit mit Universitäten angewiesen.
Für die Recherche zu Lisel Haas ist Iris Bertz nach Mönchengladbach gereist – auch im Landkreis Heidenheim könnte sich Bertz vorstellen, unentdeckte Biografien zu erzählen. „Oft ist es so, dass man an einem Faden zieht und sich daraus eine Geschichte entwickelt“, sagt Bertz. Ob die Heidenheimer Textilindustrie oder auch das Leben von Margarete Steiff: Interessante Erzählungen können laut Iris Bertz überall aufgestöbert werden, natürlich auch im Landkreis Heidenheim. Man muss nur danach suchen.
