Lesung in der Stadtbücherei

Wie in der Herbrechtinger Stadtbücherei das „Porträt auf grüner Wandfarbe“ erklärt wurde

Faszinierende Figuren, viele Orte und viel Liebe zum Detail: Elisabeth Sandmann stellte ihren Debütroman „Porträt auf grüner Wandfarbe“ in der Stadtbücherei Herbrechtingen vor

Starke Frauen, die sich auch durch Widrigkeiten nicht von ihrem Weg abbringen lassen, finden sich in Elisabeth Sandmanns Roman „Porträt auf grüner Wandfarbe“ jede Menge. Und die Männer sind auch nicht ohne: „Ich hatte keine Lust auf blöde Männer“, dies schickte Elisabeth Sandmann der Vorstellung ihres Romans am Dienstagabend auf Einladung der Stadtbücherei im Kloster Herbrechtingen gleich vorneweg. Und auch das erfuhr das Publikum gleich zum Einstieg: Die groß angelegte Familiengeschichte zieht sich durch das gesamte 20. Jahrhundert, mit allen Umbrüchen und mit allen Katastrophen. Das ganze 20. Jahrhundert? Nun ja, fast: Vom Jahr 1992 aus ist die verzweigte Geschichte angelegt. Und das hat seinen guten Grund, den die Autorin auch sogleich nannte: „Das war einerseits ein Jahr voller Aufbruch und der Hoffnung, dass die Demokratie nach dem Mauerfall gestärkt hervorgehen würde“, so die Autorin, „und andererseits gab es noch kein Internet. Die Kommunikation war anders, das Leben war anders.“

Und Sandmann schickt ihre allesamt von ausgereifter Persönlichkeit geprägten Figuren nicht nur durch das Jahrhundert, sondern auch quer durch die Lande: München, London, Florenz, Berlin, Frankfurt, Hinterpommern und die Ostsee, Schloss Elmau, Salzburg, Bad Tölz sind die verschiedenen Stationen, in denen die verschiedenen Handlungsstränge sich schließlich spannend fortentwickeln, bis sich die ganze Geschichte nach und nach entschlüsselt. Bad Tölz im Jahr 1911 als Auftakt ist ebenfalls von der Autorin mit Bedacht gewählt: „Die Stadt ist damals von Grund auf renoviert worden und sie wurde zum Ziel vieler Sommerfrischler aus dem Umland“, so Sandmann. „Sommerfrische“ – kennt man das überhaupt noch? Das Wort wohl kaum noch, die Sache aber sehr wohl: Urlaub, Ferien, das ist die Sommerfrische von heute.

Treffpunkt für Feingeister

Schon an dieser Wortwahl war zu merken, welchen großen Wert die promovierte Literaturwissenschaftlerin auf Genauigkeit in allen Dekaden legt. Berge von alten Postkarten hat sie erstanden, um beispielsweise einen genauen Eindruck des früheren Schloss Elmau, eröffnet im Jahr 1916 als eine Art Treffpunkt für Feingeister, zu erhalten. Alte Baedeker – Erbstücke ihres Vaters, für jüngere Leser: Karl Baedeker gab 1832 den ersten Reiseführer heraus und sein Name wurde zum Synonym für das Produkt – hat sie hin und her gewälzt. „Wahre Schätze“, schwärmte Sandmann, denn sie erwiesen sich als Fundgrube für Zugverbindungen, Sehenswürdigkeiten, Eintrittspreise, und vieles mehr. Und obendrein ist die Autorin für ihren Debütroman auch an allen Stätten selbst gewesen, über die sie schreibt: Diejenigen, die ihr nicht ohnehin schon bekannt waren, hat sie eigens aufgesucht, um sich einen Eindruck zu verschaffen. „Ich muss ein Gefühl für die Landschaft bekommen“, schildert sie ihre Herangehensweise, „und auch dafür, wie man damals gelebt hat. Das fließt beim Schreiben ein, das ist wichtig“.

Diese Genauigkeit und Sensibilität findet sich in vielen Details in ihrem Roman wieder: in der Mode der jeweiligen Zeit von der Kragenweite bis zum verwendeten Stoff, über die sich fortentwickelnde Mobilität von Frauen, erst mit dem Zug, dann mit dem Auto, Menüfolgen – stets ist es eine gut recherchierte Welt, die ihre Figuren umgibt. Apropos: Stammen denn diese Figuren aus ihrer eigenen Familie? Das nicht, verrät Sandmann, doch seien schon Züge von Menschen in ihrem Leben in den Charakteren niedergeschlagen. „Meine Mutter ist vermutlich in vielen Frauen wiederzufinden“, befand Sandmann scherzend, „in der ehrgeizigen Ella, der kapriziösen Ilsabé, der pragmatischen Josefa, der aufgeschlossenen Gwen“.

Kiste der Erinnerungen

Und so wie Gwen in der Geschichte nach und nach die Kiste der Erinnerungen öffnet, so öffnete auch Elisabeth Sandmann ihr Buch und gab dem Publikum Kostproben von ihren starken Frauen, die, so heißt es im Roman, lieber in Hirn investieren als in Hohlsaum. Das Publikum lernte also eben jene ehrgeizige Ella kennen und die Stiefel aus echtem Leder, die den Beginn ihres Wegs markieren, der sie unter anderem – wie die Zuhörer auch – an die pommersche Ostsee führen und Gefühl dafür entwickeln lassen, was alles in diesem Roman steckt. Die ganze Geschichte wird freilich nicht preisgegeben. Elisabeth Sandmann stoppt da, wo sich der Titel des Romans wiederfindet: beim Porträt auf grüner Wandfarbe. Und dabei hätte man ihr gerne noch weiter zugehört, nicht nur, weil sie eine ausgezeichnete Leserin ist, sondern auch, um der ganzen Handlung auf die Spur zu kommen. Das wird man also selbst nachlesen müssen – oder eher: lesen wollen, denn der Roman wurde an diesem Abend sehr gut verkauft.

Elisabeth Sandmann ist übrigens nicht nur Autorin, sondern auch Verlegerin. Ihr eigenes Verlagsprogramm steht unter dem Motto „Schöne Bücher für starke Frauen“ und beinhaltet Sachbücher. Ihr Roman ist beim Piper Verlag erschienen.

Erstmals unter neuer Leitung

Die Lesung mit Elisabeth Sandmann war die erste Veranstaltung für Christiane Jooss, die seit 1. März die Leitung der Stadtbücherei Herbrechtingen innehat. Und sie verriet, dass sie derzeit noch am weiteren Programm arbeitet. Dieses wird im Herbst veröffentlicht werden.

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