Normalerweise lebt ein Interview vom gesprochenen Wort. Doch weil Roderich Kiesewetter seine Stimme derzeit schonen muss und er deshalb nur eingeschränkt sprechen kann, entstand dieses Gespräch in schriftlicher Form via Mailkontakt.
Warum braucht es das Buch? Reichen Ihre Kanäle als Bundespolitiker nicht aus, oder bleibt Ihre Botschaft in Kurz-Statements zu oberflächlich?
In der Bundespolitik, auch in Diskussionen, geht es häufig darum, was alles schiefläuft, was nicht geht, was wir nicht können. In sicherheitspolitischen Statements analysiere ich viel und kritisiere auch. Zu wenig sprechen wir aber darüber, was eigentlich das Ziel ist. Ich nehme im Buch zwar auch eine Bedrohungsanalyse vor, vor allem aber, um eigene Schwächen zu kennen und die Notwendigkeit aufzuzeigen, rasch zu handeln. Warum wir jetzt handeln sollten, um einen strategischen Sieg Russlands zu verhindern, der zu einer Ausweitung des Kriegs führen würde. Ich will den Blick aber nach vorne richten. Deshalb wollte ich positiv aufzeigen: Was können wir erreichen, was ist möglich? Welches Land wollen wir sein – und entsprechend: Was ist das Ziel unserer Maßnahmen? Es sollte also ein positives Buch sein, mit einem Positivszenario als Ziel, sodass Deutschland gestärkt hervorgeht, auch wenn die Reformen und Vorschläge vielleicht kurzfristig radikal oder disruptiv wirken. Mir war auch wichtig, die Bedeutung der Ukraine für die Zukunft Europas herauszustellen. Das hat auch Auswirkungen auf den Indo-Pazifik und unsere wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland.
Wie und wann haben Sie die Zeit und die nötige Ruhe gefunden, ein so umfangreiches Werk zu verfassen? Entstand das nachts oder in bewussten Auszeiten?
Da ich nicht mehr Mitglied im Parlamentarischen Kontrollgremium bin, was in Sitzungswochen durchaus 15 bis 20 Stunden in Anspruch nahm, habe ich etwas mehr Zeit. Den Hauptanteil des Buchs habe ich in einer Sommer- und einer Herbstwoche geschrieben – allerdings jeweils 18 Stunden am Stück, bis tief in die Nacht.

Gab es einen Moment oder eine Nachricht, die für Sie den Ausschlag gab, zu sagen: Jetzt reicht die politische Arbeit allein nicht mehr, ich muss das alles zwischen zwei Buchdeckel bringen?
Ich war im Herbst 2024 mit Arndt Freytag von Loringhoven bei dessen Buchvorstellung auf dem Podium. Da ging es um die hybride Kriegsführung Russlands in Deutschland, und damals hatte ich die drei Gefechtsfelder und einige andere Aspekte in der Diskussion genannt. Danach sprach mich der Verlagsleiter Herr Diessl an und sagte, das solle ich unbedingt zu einem Buch verarbeiten. Das schlummerte dann lange, und im Frühjahr 2025 habe ich zugesagt, definitiv zu liefern.
Wie erklären Sie einem Laien, dass wir uns laut Ihrer Analyse bereits in einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Russland befinden, ohne dass ein Schuss an der deutschen Grenze gefallen ist?
Schauen wir auf die vielen Sabotageakte Russlands allein in Deutschland, Polen und Litauen in den vergangenen drei Jahren. Russland sieht sich im Krieg mit dem gesamten Westen, mit unserem Gesellschaftsmodell, unserer Art zu leben. Kriegsführung ist heute hybrid – Autokratien wie Russland nutzen drei Gefechtsfelder für ihre Angriffe: militärisch, was derzeit nur gegen die Ukraine stattfindet.
Und es gibt das kognitive Gefechtsfeld: Hier nutzt Russland Desinformation, Manipulation und Einflussagenten.
Roderich Kiesewetter, CDU-Bundestagsabgeordneter
Auf dem zivil-hybriden Feld sind Angriffe in Form von Sabotage kritischer und sicherheitsrelevanter Infrastruktur – etwa die DHL-Container – gemeint, gezielte Tötungen wie zum Beispiel der Tiergartenmord, staatliche Cyberangriffe wie die von Cozy Bear und Fancy Bear, Hackergruppen der russischen Geheimdienste. Dazu gehört auch die gezielte Instrumentalisierung von Migranten. Und es gibt das kognitive Gefechtsfeld: Hier nutzt Russland Desinformation, Manipulation und Einflussagenten. Deutschland steht im Fokus Russlands, und Angriffe finden auf zwei der drei Gefechtsfelder statt.
Sie beschreiben im Buch den Kontakt zu einer Frau, die sich als russische Spionin entpuppte. Wurden Sie gezielt ausgesucht? Sprechen wir über Einzelfälle oder über eine systematische Unterwanderung von Politik und Verwaltung?
Russland geht sehr systematisch vor. Das Interesse lag in dem Fall vermutlich daran, dass ich zu der Zeit Russland-Berichterstatter und Obmann im Auswärtigen Ausschuss war und viel mit der Bundeswehr zu tun hatte. Russland hat ein ganzes Soft-Power-Netzwerk in Deutschland, aber auch in Politik und Wirtschaft gespannt, um Entscheidungsträger gezielt zu beeinflussen und im Sinne Russlands zu manipulieren. Das ist einerseits sehr durchschaubar – andererseits wollen viele noch heute nichts davon wissen und verharren in strategischer Blindheit, was das Vorgehen Russlands angeht. Da ich mich seit Langem mit hybriden Methoden und nachrichtendienstlichen Vorgehensweisen beschäftige, fiel mir die Frau und ihr Vorgehen direkt auf. Es hat mich nur gewundert, wie lange die Sicherheitsbehörden gebraucht haben.
Viele sehen Verteidigungsausgaben als Konkurrenz zu Sozialausgaben. Wie genau verhindert Aufrüstung den wirtschaftlichen Abstieg, den Sie bei einem Sieg Russlands prophezeien?
Der sicherheitspolitische Fähigkeitsaufbau ist kein Selbstzweck, sondern dient der Sicherheit unseres Landes. Abschreckung soll kriegerische Auseinandersetzungen verhindern. Sie funktioniert aber nur, wenn wir Fähigkeiten haben und glaubhaft machen, diese auch einzusetzen, falls wir angegriffen werden. Zudem beschreibe ich, dass CRINK (China, Russland, Iran, Nordkorea) vor allem mit wirtschaftlichen Mitteln angreift und diese gegen uns einsetzt. Chinas Dual-Circulation-Strategie hat direkte Auswirkungen auf unseren Wohlstand und unsere Wirtschaftskraft. Diese wird absichtlich durch China beschränkt. Aufrüstung hat nicht allein mit Panzern und Waffen zu tun, sondern betrifft auch die zivile Verteidigung und die Resilienz. Deshalb nimmt dieser Aspekt auch einen großen Anteil im Buch ein.
Ihre Positionen sind weitgehend bekannt aus vielen Interviews und Fernsehauftritten. Gibt es Kapitel, mit denen Sie noch überraschen können? Wo mussten Sie vielleicht während des Schreibens Ihre eigene Einschätzung korrigieren?
Ich glaube, zentral ist die Willenskraft einer Gesellschaft. Das „Können“ hängt stark vom „Willen“ ab. Hier lag zu Beginn des Vollangriffs auf die Ukraine auch eine Fehleinschätzung meinerseits. Ich hoffe, dass ich mit einigen Kapiteln überraschen kann.
Ihr Buch stellt die Frage „Was können wir?“ Dazu stellen Sie eine Liste auf. Welche Maßnahme sollte die Regierung schnell umsetzen?
Mein Herzensanliegen ist ein allgemeiner verpflichtender Gesellschaftsdienst, der nicht nur den Wehrdienst, sondern auch einen modernen Zivildienst und neue Dienstformen beinhaltet – entsprechend den hybriden Bedrohungen: in der Cyberabwehr, im Bevölkerungs- und KRITIS-Schutz, aber auch in der psychologischen Resilienz. Ich bin überzeugt, dass eine breite Wahlmöglichkeit und sinnstiftende Dienstformen, die auch einen Mehrwert für die künftige Berufswahl junger Menschen bieten, auf breite Unterstützung stoßen würden. Ein Gesellschaftsdienst ist aus meiner Sicht auch fairer, denn jede und jeder kann etwas Positives beitragen – und wir brauchen jede und jeden in unserem Land.
Welche Stelle im Buch war am schwierigsten für Sie zu schreiben, weil Sie wussten, dass Sie damit auch Weggefährten vor den Kopf stoßen?
Persönlich war es am schwersten, über den erlebten Hubschrauberbeschuss zu schreiben. Ich denke, dass ich einige Weggefährten in Bezug auf Erlebnisse in Afghanistan vor den Kopf stoße, wo militärischer Ratschlag entweder von der Politik nicht gehört oder geschönt wurde. Deshalb habe ich versucht zu erklären, warum in der Politik manchmal Entscheidungen verzögert werden oder entgegen militärischem oder wissenschaftlichem Rat erfolgen. Warum es gelegentlich auch sachfremde Erwägungen gibt. Letztlich entscheiden immer Menschen – mit all ihren Widersprüchen und Fehlern. Auch wer keine Entscheidungen trifft, kann Fehler machen. Und im Nachhinein ist man oft klüger als im Moment des Entscheidungsdrucks. Deshalb habe ich bewusst nur einzelne Personen namentlich erwähnt, um sie lobend hervorzuheben.

Roderich Kiesewetter spricht über US-Friedensplan, Renten-Enthaltung und Hilfe für Ostalb-Wirtschaft
Buchverstellung im Wahlkreis
Das Buch von Roderich Kiesewetter ist diese Woche im Ullstein-Verlag unter dem Titel „Was wollen wir? Was können wir? – Deutschlands Rolle in der globalen Machtverschiebung“ erschienen. Das Werk umfasst 288 Seiten. Erhältlich ist es ab Montag auch im Büchershop im Heidenheimer Pressehaus.
Die einzige bis jetzt geplante Buchvorstellung im Wahlkreis findet am Donnerstag, 12. März, 19.30 Uhr in der Buchhandlung Lit in Aalen statt. Daneben liest Kiesewetter bei überregionalen Veranstaltungen. Die nächste von uns aus gesehen ist am Samstag, 28. Februar, um 19 Uhr beim CDU-Kreisverband im Goethe-Institut, Am Spitalbach 8, Schwäbisch Hall.


