Beinahe-Katastrophe

Vor 50 Jahren: Starfighter bohrt sich knapp neben Hochhaus in Giengens Südstadt in den Acker

Nur wenige Hundert Meter vom Hochhaus in Giengen am Starenweg stürzte vor 50 Jahren ein Starfighter der Bundeswehr ab. Vielen dürfte das Ereignis noch in Erinnerung sein. Ein Einsatzleiter von damals und ein seinerzeit Neunjähriger gehören dazu.

Der Acker, auf dem im Sommer Salatköpfe herangereift waren, war schon abgeerntet, als ein führerloser Jagdbomber der Bundeswehr, ein Starfighter, einschlug und zerschellte – keine 300 Meter vom Hochhaus und 100 Meter von der Landstraße in Giengens Süden entfernt.

Vor nahezu 50 Jahren war die Südstadt einer veritablen Katastrophe entgangen: Am Nachmittag des 20. September 1976 bohrte sich das Kampfflugzeug vom Typ F 104 G in den Acker und hinterließ einen Krater mit einem Durchmesser von 15 bis 20 Metern. Im weiteren Umkreis wurden kleine Metallfetzen verstreut.

Erinnerung an Bombennächte

Von der Maschine selbst, so ist in der Berichterstattung der HZ von damals zu lesen, konnte man kaum etwas sehen. Sie schoss einer Rakete gleich etwa zehn Meter in den lehmigen Grund. Der Pilot, ein 28-jähriger Hauptmann, hatte sich vorher mit dem Schleudersitz retten können und landete unversehrt mit dem Fallschirm im Kagbergwald bei Hürben.

Eines der ersten Bilder von der Einschlagstelle: Nur noch wenige Alutrümmer ragten aus dem Trichter heraus. HZ-Archiv

Feuerwehr und Polizei waren mit die ersten an der Absturzstelle. Zuvor kamen Augenzeugen an den Ort. Manche, so ist in der Berichterstattung zu lesen, habe der Absturz an Bombennächte im Krieg erinnert. Ein Bewohner der Südstadt verglich den Absturz gar mit dem Abwurf einer Atombombe.

Ziemlich schnell vor Ort war damals auch Johann Reif. Beim Anruf jetzt muss er kurz überlegen, hat dann aber alles parat: „Ich bin seit 1960 bei der Freiwilligen Feuerwehr in Giengen. Beim Absturz des Flugzeugs war ich der Einsatzleiter. Das war von der Sache her schon spektakulär“, so Reif heute. Allerdings: So richtig viel zu tun hätten er und die anderen Feuerwehrleute nicht gehabt. „Wir mussten die Absturzstelle absperren. Um den Rest kümmerte sich die Polizei und dann auch die Kräfte von der Bundeswehr“, erinnert sich Reif, der auch noch weiß, dass der Pilot, der sich mit dem Fallschirm retten konnte, zu Fuß von Hürben in Richtung Hochhaus kam.

Hubschrauber landeten unaufhörlich und starteten am Nachmittag nach dem Absturz auf dem Bühlfeld. Sie brachten unter anderem Spezialisten der Bundeswehr an den Unfallort. HZ Archiv

Hansjörg Häußler ist, wie Reif, bei der Giengener Abteilung der Freiwilligen Feuerwehr. Als der Starfighter abstürzte, war er allerdings erst neun Jahre alt. „Vom Absturz selbst habe ich nichts mitbekommen. Aber es flogen zu der Zeit regelmäßig Starfighter und Phantoms im Tiefflug über Giengen. Ich bin ein paar Tage später mit meiner Mutter in die Südstadt gefahren und habe dort, wie viele andere Jungs auch, Metallteile und Splitter eingesammelt“, so der heute 59‑Jährige.

Metallteile in der Kiste

Seine „Beute“ hat er, so seine Erinnerung, in ein Kästlein getan. „Ich habe die Teile aber nicht mehr. Wahrscheinlich hab ich die als Jugendlicher entsorgt“, sagt Häußler.

Lange habe er nicht an das Ereignis von damals gedacht. Als er aber vor einigen Jahren mit seiner Frau und den Kindern in einem Flugzeugmuseum in München war, habe er sich erinnert. „Ich habe ihnen dann von dem Starfighter-Absturz erzählt“, sagt Häußler, dem das Geschehen im Jahr 1976 durch einen Artikel in der HZ erneut ins Gedächtnis gerufen wurde: „Vom Spektakel zur Tragödie“ lautet die Überschrift des Artikels des Kollegen Michael Brendel, der in der Ausgabe vom 22. August 2026 darüber berichtete, dass vor 100 Jahren in Heidenheim fünf Menschen starben, weil bei einem Flugtag im Westen
der Stadt ein Pilot kurz vor der Landung die Kontrolle über seinen Doppeldecker verlor.

„Dass der Absturz in Giengen fast genau 50 Jahre her ist und dass Giengen knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt ist, war mir aber so nicht klar“, sagt Häußler, nachdem er die Berichterstattung über die Geschehnisse in Giengen im September 1976 gelesen hatte.

Kein Tiefflug

In der HZ von damals steht, dass sich die Maschine zusammen mit einem anderen Jagdbomber auf einem normalen Übungsflug befunden habe. Ein Major hatte, nachdem er an der Unfallstelle angekommen war, berichtet, dass die Piloten unterschiedliche Aufgaben zu bewältigen hätten, es sich aber nicht um einen speziellen Tiefflug gehandelt habe. Die Maschine gehörte zum Jagdgeschwader 32 in Lagerlechfeld bei Augsburg. Von dort, aber auch von anderen Stützpunkten, kamen Experten in Hubschraubern, die auf dem Bühlfeld landeten.

Soldaten der Bundeswehr riegelten die Unfallstelle ab. Hz Archiv

In der Chronik der Stadt Giengen findet sich hinsichtlich des Absturz-Datums ein interessantes Detail: „Mit diesem Absturz verliert die Bundeswehr ihren 187. Starfighter.“

Eine Erinnerung an den Absturz beim Hochhaus und den Einsatz der Feuerwehr findet sich im Übrigen auch in der Feuerwache: Dort hängt ein Foto an der Wand. „Allerdings ist mir das erst jetzt aufgefallen. Ich bin dadran jahrzehntelang vorbeigelaufen“, sagt Hansjörg Häußler, der bei der jüngsten Hauptversammlung der Wehr für 40 Dienstjahre ausgezeichnet wurde.

Beinahe-Katastrophe auch in Bergenweiler

Der Absturz eines Starfighters in Giengen 1976 war nicht der einzige im Landkreis: Am 16. März 1981 bewahrten wohl nur Bruchteile von Sekunden den Sonthiemer Teilort Bergenweiler vor einer Katastrophe mit kaum vorstellbaren Auswirkungen: Knapp 200 Meter südlich von der Franz-von-Welz-Straße stürzte ein kanadischer Starfighter in einen Acker. Die beiden Piloten konnten sich an Fallschirmen retten.