Stolpersteine

Verbrechen der Nazis: So wird an die Opfer in Giengen erinnert

In Giengen, Burgberg und Sachsenhausen erinnern seit Samstag sechs weitere kleine Betonquader, die in den Gehweg eingelassen wurden, an Opfer des Nationalsozialismus.

Sie hießen Anna Schock, Babette Mack, Reinhold Hähnle, Leonhard Häußler, Margarete Ludwig und Frida Langer – und sie teilen ein gemeinsames Schicksal. Nationalsozialisten sorgten für ein jähes und grausames Ende ihres Lebens, das nach der menschenverachtenden Ideologie der damaligen Schergen als „unwert“ galt.

Sechs Personen, die man in der Stadt kannte. „Sie waren plötzlich nicht mehr da“, fasste Oberbürgermeister Dieter Henle das Grauen in Worte. Fünf der Genannten wurden aufgrund geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung in der Tötungsanstalt Grafeneck bei Münsingen ermordet. Frida Langer sah aufgrund ihrer jüdischen Abstammung nur noch den Ausweg des Freitodes, um der Deportation zu entgehen.

Sechs Menschen wird ihre Biografie zurückgegeben

Die Stadt Giengen ließ am Samstag sechs Stolpersteine verlegen. Damit gebe man sechs Menschen „ihre Biografie zurück“, sagte Henle. Es sei ein weiteres Bekenntnis gegen das Vergessen, nachdem in Giengen bereits im November 2022 die ersten fünf Stolpersteine für Nazi-Opfer verlegt worden waren.

Zehn mal zehn Zentimeter große Betonquader mit einer Messingplatte auf der Oberseite wurden nun vor den ehemaligen Wohnhäusern der NS-Opfer in den Gehweg eingelassen. Solche Stolpersteine seien „heute wichtiger denn je“, bemerkte Henle am Samstag.

Angesichts der Tatsache, dass heute wieder eine Partei im Bundesparlament vertreten sei, die offen die Vertreibung von Millionen Menschen mit Migrationshintergrund propagiere, soll die Erinnerung an einstige Gräueltaten helfen, rechtzeitig den aktuellen Gefahren entgegenzutreten. „Wir können nicht sagen, wir hätten nichts gewusst. Wir wissen es. Wir hören es. Wir sehen es“, sagte Henle. Dass zunehmend Demokratinnen und Demokraten auf die Straße gehen und sich gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus sowie Hass und Hetze positionieren, bringe auch zum Ausdruck, dass die Beschädigung der freiheitlichen Demokratie nicht schweigend hingenommen werde. „Wir sind die Mehrheit“, betonte Henle.

Verlegung geht auf Initiative von Dr. Michael Benz und Stadtrat Rainer Baisch zurück

Auf Initiative von Dr. Michael Benz und auf Anregung von Stadtrat Rainer Baisch schloss sich die Stadt Giengen der Stolperstein-Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig an. Demnig war auch am Samstag nach Giengen gekommen, um die Gehsteig-Denkmale zu verlegen. In 31 europäischen Ländern habe die Aktion zur Erinnerung an die Nazi-Verbrechen inzwischen Fuß gefasst. Ein Ende sei nicht in Sicht. „So etwas darf nie wieder passieren“, sagte Demnig. Um die sechs Personen ausfindig zu machen, die nun mit einem Stolperstein in Giengen und in den Teilorten Burgberg und Sachsenhausen bedacht wurden, arbeitete Dr. Benz eng mit Stadtarchivar Dr. Alexander Usler (inzwischen im Ruhestand) zusammen.

Benz berichtete auch über die Anstalt in Grafeneck. Dort seien zwischen Januar und Dezember 1940 insgesamt 10.654 behinderte Menschen systematisch in einer zur Gaskammer umfunktionierten Baracke mit Kohlenmonoxid getötet worden, anschließend wurden die Leichen verbrannt. Wer nach Grafeneck eingeliefert wurde, fand in der Regel innerhalb der nächsten zwei bis vier Stunden den Tod.

Unmittelbar nach der Ankunft ermordet

So erging es auch Anna Schock, Babette Mack, Reinhold Hähnle (dem Sohn von „Vogelmutter“ Lina Hähnle), Leonhard Häußler aus Sachsenhausen und Margarete Ludwig aus Burgberg. Sie wurden allesamt im Jahr 1940 aus den Heilanstalten Schussenried beziehungsweise Stetten im Remstal mit Bussen nach Grafeneck transportiert und unmittelbar danach ermordet. Frida Langer wiederum war als Jüdin gedemütigt und entrechtet worden. Sie wählte am 3. April 1942 den Freitod, um der bevorstehenden Deportation zu entgehen. In Giengen, so führte Dr. Benz aus, hatte sie bei der Firma Steiff gearbeitet und unter anderem Puppenkleidchen entworfen. In ihrer Freizeit schrieb sie gerne Gedichte.

Schweigeminute und weiße Rose

Das Verlegen der sechs Stolpersteine begann am Samstag in der Marktstraße 53, vor dem einstigen Wohnhaus der ermordeten Anna Schock. Von dort ging es weiter an die früheren Wohnadressen der übrigen fünf Personen. An jedem einzelnen Stolperstein verlas OB Henle die biografischen Daten und legte während einer Schweigeminute eine weiße Rose nieder.

Zu Beginn hatte der Posaunenchor der evangelischen Kirche Giengen die Feier musikalisch umrahmt. Zur Pflege der Stolpersteine, deren Inschriften von Zeit zu Zeit poliert werden müssen, erklärte sich die Giengener Reservistenkameradschaft bereit.

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