„Piastrella“: 175 Gesichter verwandeln den Giengener Postberg
Ein Kind hat sich entdeckt: „Da bin ich!“ Ein paar Schritte weiter zeigt schon das nächste auf eine der Tafeln, auf denen viele Fliesen mit Gesichtern zu sehen sind: „Den kenn ich.“ Familien gehen am Samstagmittag von Torbogen zu Torbogen am Giengener Postberg, Kinder suchen zwischen den vielen Gesichtern nach dem eigenen Porträt und nach Freunden. Immer wieder bleiben kleine Gruppen stehen, schauen genauer hin, vergleichen – und gehen weiter zum nächsten Gesicht.
Denn manches ist auf den ersten Blick zu erkennen, anderes erst auf den zweiten. Bei einigen der Porträts wurde die fehlende Gesichtshälfte erstaunlich wirklichkeitsgetreu ergänzt. Andere Kinder und Jugendliche haben ihrer Fantasie freien Lauf gelassen, mit Farben und Formen gespielt oder Elemente im Gesicht und weit darüber hinaus hinzugefügt. Genau dieses Nebeneinander macht den Reiz der neuen Dauerausstellung „Piastrella“ aus. Der Name ist Programm: „Piastrella“ heißt auf Italienisch „Fliese“.
Dauerhafte Ausstellung in den Torbögen am Giengener Postberg
Knapp 100 Gäste sind zur Eröffnung am Tag der Deutschen Einheit gekommen, darunter viele der jungen Künstlerinnen und Künstler mit ihren Familien sowie Erzieherinnen und Pädagogen. Im Rahmen des Giengener Herbsthocks wurde damit ein Projekt eingeweiht, das nun dauerhaft einen wichtigen Bereich der Stadt prägt: die Torbögen am Postberg auf dem Weg zwischen Steiff-Museum und Fußgängerzone.
Die Idee ist ebenso einfach wie wirkungsvoll. Ausgangspunkt für jedes Kunstwerk war ein frontal aufgenommenes Foto. Eine Hälfte des Gesichts blieb erhalten, die andere verschwand – und musste neu gestaltet werden. Gemalt, gezeichnet, beklebt oder als Collage: Vorgaben für die zweite Hälfte gab es kaum.

„Wie sehe ich mich selbst? Wie siehst du mich?“, fasste Oberbürgermeister Dieter Henle bei der Eröffnung die Fragen zusammen, die hinter dieser Methode stecken. Am Ende verbänden sich Außen- und Innenperspektive: das Foto eines Menschen mit der Vorstellung davon, wie er sich selbst darstellen möchte. Deshalb lohne es sich, bei manchen Arbeiten zweimal hinzuschauen.
Kunst verbindet Partnerstädte Giengen und San Michele
Entstanden ist „Piastrella“ nicht allein in Giengen. Das Projekt verbindet die Stadt mit ihrer sizilianischen Partnerstadt San Michele di Ganzaria. Künstlerisch betreut und vorangetrieben wurde es von Ulla Hommel-Fröhle und Claudia Hetzel-Zink von unARTgiengen. Kindergärten und Schulen machten mit, ebenso die Lebenshilfe. Aber auch andere, wie Henle sie bei der Eröffnung nannte, „Junggebliebene“, beteiligten sich.
Was zunächst auf Papier entstand, wurde schließlich dauerhaft gemacht. Ein spanischer Handwerksbetrieb brannte die Motive auf Fliesen, in Giengen wurden sie von Fliesen Mack für die Montage weiterverarbeitet. Die Unterkonstruktionen an den Torbögen fertigte Metalltechnik Bernd Lucke.

175 Porträts sind nun in Giengen zu sehen, 32 Fliesen aus Giengen hängen in San Michele. Dabei wurden die Arbeiten zwischen beiden Städten ausgetauscht: In Giengen sind auch Gesichter aus Sizilien zu finden, in San Michele wiederum Arbeiten aus Giengen. So steckt hinter den vielen einzelnen Gesichtern auch die Verbindung zweier Städte, die rund 1859 Kilometer voneinander entfernt liegen. „Piastrella ist ein vielfältiges Dokument, das sich immer wieder neu entdecken lässt“, sagte Henle.
Zahlreiche Förderer machten die Kunst möglich
Dass aus der Idee tatsächlich eine Dauerausstellung werden konnte, lag auch an der Unterstützung zahlreicher Förderer. Welche Wertschätzung das Projekt genießt, zeigte sich schon bei der Eröffnung: Mit Gabriele Rogowski sowie Heidi Jooß-Doraszelski und Stefan Doraszelski waren gleich mehrere namhafte Förderer von Kunst und Kultur an den Postberg gekommen. Henle begrüßte sie ausdrücklich und dankte ihnen für ihr Engagement.

Zu den Unterstützern des Projekts gehören unter anderem die Hanns-Voith-Stiftung und die Hugo-Rupf-Stiftung sowie die Kulturstiftung der Stadt Giengen. Auch Handwerksbetriebe, das Partnerschaftskomitee San Michele di Ganzaria, die Stadt und die Stadtwerke Giengen sowie der Gewerbe- und Handelsverein trugen zur Umsetzung bei.
Doch an diesem Mittag sind Zahlen, Produktion und Finanzierung erst einmal Nebensache. Die Ausstellung funktioniert genau so, wie es sich ihre Initiatorinnen vorgestellt hatten: Menschen bleiben stehen und beschäftigen sich mit den Bildern. Vor allem die Kinder wissen schnell, wonach sie suchen. Nach dem eigenen Gesicht, nach Freunden und Bekannten – und nach all den Details, die sich erst beim zweiten Blick entdecken lassen.

Die Ideengeberinnen für „Piastrella“
Hinter „Piastrella“ stehen die Künstlerinnen Ulla Hommel-Fröhle und Claudia Hetzel-Zink von unARTgiengen. Sie entwickelten die Idee für die ungewöhnlichen Porträts und begleiteten das Projekt von den ersten Entwürfen bis zur Dauerausstellung am Postberg. In Giengen sind die beiden keine Unbekannten: Mit unARTgiengen haben sie bereits andere Kunstprojekte auf den Weg gebracht, darunter den Kunstsupermarkt in der Grabenschule. Oberbürgermeister Dieter Henle dankte ihnen bei der Eröffnung ausdrücklich für ihre Idee und ihr „Nicht-Lockerlassen“. Gemeinsam mit Fliesen Mack kümmerten sie sich schließlich auch darum, wie die zahlreichen Porträts an den Torbögen angeordnet wurden.
