Kirchenglocken verursachen keinen Dauerlärm
Als Anwohner in der Nähe einer Kirche kenne ich das Geläut sehr gut, und gerade deshalb möchte ich der Darstellung im oben genannten Leserbrief entschieden widersprechen. Die Behauptung eines Dauerlärms Tag und Nacht entspricht nicht der Realität. In unserer Gemeinde läuten die Glocken dreimal täglich zum Angelusgebet, jeweils für rund zwei Minuten. Darüber hinaus ist lediglich der Stundenschlag der Kirchturmuhr zu hören, der bei geschlossenem Fenster kaum oder gar nicht wahrnehmbar ist. Von einer nächtlichen Dauerbelastung kann also keine Rede sein.
Für viele gläubige Christen ist das Angelusläuten nicht irgendein Geräusch, sondern ein bewusstes Zeichen des Glaubens. Es ruft zu einem Moment der Besinnung auf, gerade in einer Zeit, in der echte Ruhe selten geworden ist. Wer diese Tradition als nicht mehr zeitgemäß abtut, verkennt ihre Bedeutung für zahlreiche Menschen.
Zudem haben Kirchenglocken und Kirchturmuhren eine Bedeutung, die weit über den persönlichen Geschmack Einzelner hinausgeht. Sie sind ein kulturelles Erbe, das seit Jahrhunderten das Klangbild unserer Orte prägt und Teil unserer europäischen Identität ist. Kultur ist nicht beliebig austauschbar, nur weil sie nicht jedem gefällt. Das Geläut ist außerdem ein hörbares Zeichen dafür, dass es eine lebendige Gemeinde gibt. Es ist Ausdruck von Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft, etwas, das man nicht einfach abschaltet, weil es stört. Der Stundenschlag bietet vielen Menschen, gerade älteren, eine verlässliche Orientierung im Alltag. Nicht jeder lebt mit dem Smartphone in der Hand. Und der Klang der Glocken macht einen Ort unverwechselbar. Er unterscheidet sich deutlich von Verkehrslärm, Maschinenlärm oder Musikbeschallung und ist zeitlich klar begrenzt.
Natürlich ist es wichtig, gesundheitliche Belastungen ernst zu nehmen. Doch man muss unterscheiden zwischen dauerhaft hohem Lärmpegel, etwa durch Straßenverkehr, und kurzen strukturierten Signalen wie dem Angelusläuten. Wer in der Nähe einer Kirche wohnt, lebt bewusst in einem Umfeld, in dem diese Zeichen hörbar sind, so wie man in der Nähe einer Schule mit Pausenlärm oder an einer Straße mit Verkehr rechnen muss. Kirchen gehören zum Ortsbild, und ihr Klang gehört dazu. Eine zeitgemäße Lösung kann nicht darin bestehen, jahrhundertealte Traditionen zu beseitigen. Zeitgemäß ist vielmehr, miteinander zu sprechen, gegenseitige Rücksichtnahme zu üben und gleichzeitig die Bedeutung solcher Traditionen zu respektieren. Kultur und Glaube sind nicht verhandelbar, nur weil sie nicht jedem gefallen. Klaus-Dieter Schilling, Niederstotzingen