Tuning

Getunte E-Scooter: Schneller als die Polizei erlaubt

Mit wenigen Handgriffen werden so manche Pedelecs oder E-Scooter deutlich schneller als erlaubt. Unfallforscher und Polizei warnen vor einer wachsenden Gefahr – und fordern Konsequenzen.

Pedelecs und E-Scooter sollen umweltfreundlich sein, praktisch und eigentlich auch sicher. Doch Unfallstatistiken spiegeln das nicht unbedingt wider - und wenn die Gefährte dann noch manipuliert werden, wird die Fahrt erst recht ein Risiko. Mit wenigen Handgriffen lassen sich manche Modelle so tunen, dass sie deutlich schneller unterwegs sind, als es eigentlich erlaubt ist. Ein zunehmendes Problem, wie Unfallforscher und Polizei warnen.

Das «Aufmotzen» dieser Fahrzeuge werde von gewissen Anbietern zunehmend leichter gemacht, da sich diese hiervon Vorteile am Markt versprächen, warnt Dirk Zedler, Sachverständiger für Fahrräder und E-Bikes. «Bei E-Scootern ist das Wachstum "gefühlt" sogar noch größer.» Vielfach seien nur wenige Handgriffe bei der Elektronik nötig. 

Laut Polizei Mannheim erfolgt das Tunen oftmals ganz schlicht über die Scooter-App im Mobiltelefon, bei der man letztendlich nur einen Haken setzen müsse. Noch schlimmer: Bei im Grunde illegaler Ware im Direktimport aus Asien werden nach Worten Zedlers die Tuning-Utensilien oft gleich im Karton schon mitgeliefert. Professionelle Strukturen von Tuningzubehör-Händlern vereinfachten die Sache zusätzlich.

Tuning von Pedelec und Co. im Südwesten immer weiter verbreitet

Dabei ist die Gefahr, die mit der Nutzung der Flitzer einhergeht, ohnehin erheblich. Das zeigen von Jahr zu Jahr steigende Unfallzahlen und hat viele Gründe: Junge Menschen stehen gerne zu zweit auf E-Scootern oder fahren auf Wegen, auf denen sie nicht fahren dürfen. Vor allem aber verunglückten Nutzer von Pedelecs oder E-Scootern, wenn sie etwa im Abbiegeverkehr übersehen werden, erläutert Zedler.

Aber auch das unerlaubte Aufmotzen der Motoren wird inzwischen häufig festgestellt. Das geht aus Zahlen des Innenministeriums hervor. Demnach fielen im vergangenen Jahr 363 manipulierte Pedelecs - Zahlen für getunte E-Scooter werden bisher nicht erhoben - bei Verkehrskontrollen auf. Im Jahr davor waren es 291 bei in etwa gleichbleibender Zahl von Kontrollen. «Oft geht auch mit dem Wunsch nach mehr Geschwindigkeit eine höhere Risikobereitschaft einher, was die Unfallwahrscheinlichkeit weiter erhöht», warnt Zedler. 

Kontrollen verstärken

Welche Rolle Tuning als Unfallursache spielt, ist den Angaben des Innenministeriums zufolge zwar nicht zu sagen. Die Polizei habe das Thema Tuning aber im Blick und berücksichtige dies, wenn es um die «tägliche Kontrollpraxis» gehe, so eine Ministeriumssprecherin. «Derartige technische Veränderungen bringen erhebliche und schwer kalkulierbare Risiken für die Nutzerinnen und Nutzer mit sich, was wiederum die Wahrscheinlichkeit für schwere Unfallfolgen erhöht.» Die Zahl der Kontrollen werde stetig erhöht.

Tunen sei absolut gefährlich, betont die Leiterin der Unfallforschung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Kirstin Zeidler. Sie schlägt verstärkte Verkehrskontrollen und in der Schule bereits Trainings für das Fahren mit E-Scootern vor. «Ein Fahrradtraining in der vierten Klasse reicht nicht.» 

Polizei und Verkehrsexperten wegen Tunings besorgt

Gerade auch mit Blick auf E-Scooter berichtet so manches Polizeipräsidium von einer zunehmenden Problematik. Manipulationen der Fahrzeuge seien kein Einzelfall, heißt es von Seiten der Polizei Pforzheim. «Nach polizeilicher Wahrnehmung werden bei Verkehrskontrollen immer mehr getunte E-Scooter festgestellt», so auch die Polizei Mannheim. «Wir wissen: Tuning findet statt und es gibt kein Unrechtsbewusstsein», sagte Andreas Tschürtz von der Landesverkehrswacht. 

Wie viele getunte E-Scooter sich auf den Straßen tummeln - «die Datenlage ist mau», sagt Tschürtz. Zahlen dazu kennt auch der GDV nicht. Das Dunkelfeld dürfte groß sein, sagt GDV-Unfallforscherin Zeidler. «Viele werden unterwegs sein, die man nicht erwischt.»

E-Scooter sind kein «Spaßgerät»

Bei regionalen oder lokalen Kontrollen sei mittlerweile der Anteil dieser manipulierten Fahrzeuge aber erstaunlich hoch, glaubt Tschürtz. «Das Thema ist in aller Munde, wenn man Jugendliche dann mit bis zu 80 Kilometern pro Stunde verunglücken sieht.» Scooter dürfen nur mit einer Geschwindigkeit von 20 Kilometern pro Stunde fahren, anderenfalls erlischt ihre Betriebserlaubnis und sie gelten als illegal. 

Vor allem junge Leute tunen, sagt der Sachverständige Zedler. «Die Beobachtung auf der Straße zeigt dieses Bild.» Sie sind nach Worten von Tschürtz auch am häufigsten in Unfälle verwickelt. «Wir sehen, dass Kinder häufig mit dem Rad verunglücken, Jugendliche aber mit dem E-Scooter.» Bei fast jedem zweiten E-Scooter-Unfall sei der Fahrer oder die Fahrerin minderjährig. Bundesweit sei über die Hälfte der Verunglückten unter 25 Jahre alt. «Diese Gruppe ist also sehr jung.»

Dem Tuning Einhalt zu gebieten, ist schwierig. Das Einfachste wäre, Tuning-Kits europaweit zu verbieten, meint Gutachter Zedler. Dafür müssten die regulatorischen Grundlagen geschaffen werden. Außerdem müsse Importware streng und flächendeckend kontrolliert werden. Zeidler von der GDV-Unfallforschung warnt: Bei E-Scootern habe man den Eindruck, dass sie nicht als Kraftfahrzeug - was sie ja sind und wofür Regeln gelten - interpretiert würden, sondern als Spaßgerät, mit dem man ein bisschen rumfährt. «Das muss sich ändern.»