Radserie „Im Sattel“

„Ich habe keine Wunderhände“: Warum Günther Staffa das Fahrrad und dessen Mechanik bis heute begeistern

Eine Schaltung sieht einfach aus – bis sie nicht mehr funktioniert. Günther Staffa schraubt seit Jahrzehnten an Fahrrädern und erlebt, wie komplex die Technik geworden ist. Im siebten Teil der Radserie „Im Sattel“ spricht der Herbrechtinger über YouTube-Reparaturen, kleine Pannen, große Tüfteleien und die Freude am Zweirad.

Zwei Schrauben sind zu sehen. Dazu ein Seilzug, ein Schaltwerk, eine Kette. Eigentlich, sagt Günther Staffa, sieht eine Fahrradschaltung ziemlich einfach aus. „Du drückst einen Schalthebel und dann bewegt sich das Schaltwerk. Da denkt jeder: So schwierig kann das ja nicht sein.“ Und dann steht das Rad in seiner Werkstatt in Heidenheim – und die Schaltung macht trotzdem nicht das, was sie soll.

Staffa kennt solche Fälle. Seit 1993 hat der 61-Jährige aus Herbrechtingen seinen eigenen Fahrradladen, seit rund zehn Jahren ist er damit in Heidenheim. Hunderte Räder hat er repariert, wahrscheinlich eher Tausende. Platten, verschlissene Bremsbeläge, widerspenstige Schaltungen. Doch Routine bedeutet in diesem Beruf längst nicht mehr, alles auf Anhieb zu kennen. Das Fahrrad ist zum Hightech-Produkt geworden.

Herausforderungen durch Technik und YouTube

Vor 30 Jahren, erinnert sich Staffa, war die Welt für den Mechaniker überschaubarer: Nabenschaltung oder Kettenschaltung. Wer beide Systeme beherrschte, kam weit. Heute gibt es elektronische Schaltungen, hydraulische Scheibenbremsen, unterschiedliche Flüssigkeiten, Befestigungen und herstellerspezifische Lösungen. Was gestern zusammenpasste, muss es heute längst nicht mehr tun. Selbst Staffa greift deshalb immer wieder zur Anleitung. „Nicht mal ich als Fachmann, der sich den ganzen Tag damit beschäftigt und Schulungen macht, kann immer alles können.“ Das sei eine der größten Veränderungen seines Berufs. Und eine, die erklärt, warum die schnelle Reparatur nach einem YouTube-Video manchmal scheitert.

Mit viel Erfahrung und dem Spaß an technischen Herausforderungen widmet sich Günther Staffa jedem Zweiradproblem. Foto: Rudi Penk

Das erlebt Günther Staffa besonders bei Schaltungen. Im Video sind Rad und Bauteile neu, alles sitzt gerade. Zwei Schrauben werden verstellt, die Gänge laufen wieder sauber. In der Realität kann ein schwergängiger Zug die Ursache sein. Oder das Schaltwerk steht schief. Oder mehrere Kleinigkeiten kommen zusammen. „Du hast acht, neun Sachen, die es sein können. Und die können alle noch miteinander kombiniert sein.“

Einfache Tipps: Luft in die Reifen, Öl an die Kette

Staffa vergleicht das mit einem kleinen Orchester. Jeder einzelne Handgriff ist häufig gar nicht besonders kompliziert. Die Kunst liegt darin, herauszufinden, welcher gerade notwendig ist. „Wenn einer hinterher fragt: Was hast du gemacht? Dann sage ich: Das oder das. Dann sagt er: Das hätte ich auch gekonnt.“ Staffa lacht. „Ja, klar. Aber du musst halt drauf kommen.“

Dabei muss längst nicht wegen jeder Kleinigkeit der Weg in die Werkstatt führen. Im Gegenteil. Staffas wichtigste Pflegetipps passen in einen Satz: Luft in die Reifen, Öl an die Kette. „Das sind eigentlich die wesentlichen Wartungspunkte. Ganz simpel.“

Vom einfachen Platten bis zum komplizierten Bremsenproblem: Günther Staffa sucht und findet die passende Lösung. Foto: Rudi Penk

Vor allem eine trockene Kette nimmt auf Dauer Schaden. Sauber sollte sie idealerweise ebenfalls sein, doch der 61-Jährige setzt die Prioritäten pragmatisch. Eine dreckige, aber geschmierte Kette sei immer noch besser als eine trockene. Wer häufig bei Regen unterwegs ist, sollte öfter nachölen. Und wenn am Fahrrad etwas scheppert, empfiehlt sich ebenfalls ein genauer Blick. Eine lockere Schraube lässt sich leichter festziehen, bevor sie herausfällt und womöglich weitere Schäden verursacht.

„Meine Mutter hat gesagt: Er nimmt alles auseinander.“

Günther Staffa über sein frühes Interesse am Schrauben

Wer selbst schrauben möchte, darf das aus seiner Sicht ruhig versuchen. Einen Schlauch wechseln etwa sollte ein regelmäßiger Radfahrer beherrschen können. Wie weit man darüber hinausgeht, sei eine Frage von Interesse, Werkzeug und der Bereitschaft, Lehrgeld zu bezahlen. „Ich habe keine Wunderhände“, sagt Staffa. „Ich bin einfach ein Mechaniker, der eine gewisse Erfahrung hat, weil er schon ein paar Hundert Räder gerichtet hat.“

Diese Erfahrung beginnt bei ihm lange vor dem ersten eigenen Fahrradladen. Schon als Kind zerlegte Staffa alles, was ihm in die Finger kam. „Meine Mutter hat gesagt: Er nimmt alles auseinander.“ Irgendwann kam der Ehrgeiz hinzu, die Dinge wieder zusammenzubauen. Mit 14, 15 Jahren reparierte er das Moped seines Bruders, später schraubte er an einem VW Käfer.

Mit einer Urlaubsvertretung fing alles an

Eigentlich studierte Staffa Elektrotechnik. Doch als er seinen Abschluss in der Hand hatte, waren Ingenieursstellen rar. Einer seiner Studienkollegen hatte einen Fahrradladen eröffnet. Einen Job konnte der ihm nicht anbieten, dafür benötigte er eine Urlaubsvertretung. Staffa traute sich die zunächst selbst nicht zu. Er machte es trotzdem. „Dann hat es funktioniert und ich habe gedacht: Das ist eigentlich gut, das mache ich auch.“ 1993 eröffnete er seinen eigenen Laden.

Hinter der unscheinbaren Tür des Gebäudes an der Heidenheimer Friedrichstraße warten zahlreiche Fahrräder und die Werkstatt des Herbrechtingers. Foto: Rudi Penk

Die Freude am Fahrrad war da ohnehin längst vorhanden. Während andere mit 18 möglichst schnell ins Auto stiegen, blieb Staffa häufig auf zwei Rädern. Seine Eltern kauften ihm sogar ein Auto, damit er sich kein Motorrad zulegte. Später kam das Motorrad trotzdem. „Ich bin gern draußen, ich fahre gern Zweirad, ich habe gern diese Fahrdynamik.“ Im Sattel sitzt der Herbrechtinger, der sich im Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) und im Verkehrsclub Deutschland (VCD) engagiert, immer noch häufig. In den Sommermonaten starten zweimal pro Woche Ausfahrten direkt vor seiner Ladentür. Wie die Räder ist mittlerweile auch sein Training technischer geworden. Pulsmesser und Leistungsmesser gehören inzwischen dazu. Nicht für Wettkämpfe, sondern aus eigenem Ehrgeiz.

Das Tüfteln als besonderer Reiz

In seiner Werkstatt mag Staffa derweil gerade jene Arbeiten, für die es keine Lösung in zwei Minuten gibt. Den hundertsten Platten zu flicken, gehört zum Geschäft. Interessanter wird es, wenn improvisiert, angepasst und nachgedacht werden muss. Wenn etwa an einem sportlichen Rad Licht und Schutzbleche so nachgerüstet werden sollen, dass am Ende alles aussieht, als hätte es schon immer dazugehört. „Schön sind die Arbeiten, die einen herausfordern“, sagt Staffa. Vor allem dann, wenn es am Ende funktioniert.

Vielleicht ist das die Konstante in einem Beruf, der sich technisch stark verändert hat. Die Fahrräder sind komplexer geworden, die Systeme zahlreicher, die Fehlersuche schwieriger. Staffas Begeisterung dagegen folgt noch immer demselben Prinzip wie damals, als er als Kind Dinge auseinandernahm: verstehen, warum etwas nicht funktioniert. Eine Lösung finden. Schrauben. Ausprobieren. Und am Ende dreht sich das Rad wieder.

Tipps für die nächste Radtour

Was sollte auf einer längeren Tour nicht fehlen? Günther Staffa muss nicht lange überlegen: ein Ersatzschlauch. Dazu Flickzeug, Reifenheber, eine funktionierende Pumpe und das Werkzeug, das zum eigenen Rad passt. Vor allem aber sollte man wissen, wie man es benutzt.

Vor der Abfahrt reichen laut Staffa einige einfache Handgriffe. Einmal durchschalten. Bremsen ziehen. Beläge und Reifen anschauen. Luftdruck kontrollieren. Wer schon zu Hause ein Klappern hört, sollte nicht darauf hoffen, dass es sich auf der Tour von selbst erledigt.