Periode im Sport

Es ist kein Tabu mehr: Wie Heidenheimer Sportlerinnen den Zyklus und seine Wirkung im Training neu einordnen

Der weibliche Zyklus beeinflusst jede Sportlerin – doch lange wurde darüber kaum gesprochen. In Heidenheim geben Trainerinnen, Sportlerinnen und Vereine nun erstmals Einblicke: von Beschwerden bis Superkraft, von Tabus bis Tracking. Und zeigen, wie individueller, sensibler Umgang im Training aussehen kann.

Menstruation und der weibliche Zyklus betreffen jede Sportlerin – im Freizeitbereich genauso wie im Leistungszentrum. Und doch gehört der eigene Körper zu den am wenigsten besprochenen Faktoren im Sport. Erst in den vergangenen Jahren ist das Thema allmählich auf die Agenda gerückt: in Vereinen und inzwischen sogar vereinzelt in angepassten Trainingsplänen. Dabei beeinflusst der Zyklus die Leistungsfähigkeit von Athletinnen schon immer – egal, ob darüber gesprochen wird oder nicht.

Doch bevor sich klären lässt, welchen Einfluss der Zyklus im Training und auch in Heidenheim hat, stellt sich eine grundlegende Frage: Wie funktioniert der weibliche Zyklus überhaupt?

So funktioniert der weibliche Zyklus

Dr. Carla Schulte, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Bereichsleiterin der Gynäkologie am MVZ des Klinikums Heidenheim, erklärt den Zyklus, der mit dem ersten Tag der Periode beginnt, in zwei Phasen: der Follikel- und der Lutealphase.

Dr. Carla Schulte erläutert, welche Auswirkungen intensives Training und hormonelle Verhütung auf den weiblichen Zyklus haben können. Foto: Rudi Penk

In der Follikelphase reifen unter dem Einfluss des follikelstimulierenden Hormons (FSH) mehrere Follikel in den Eierstöcken heran. Einer davon entwickelt sich zum dominanten Follikel, aus dem später der Eisprung hervorgeht. Parallel steigt der Östrogenspiegel kontinuierlich an und erreicht seinen Höhepunkt kurz vor dem Eisprung, so die Fachärztin. In der Zyklusmitte wird schließlich das luteinisierende Hormon (LH) ausgeschüttet, das den Eisprung auslöst.

Mit dem Eisprung beginnt die Lutealphase. Der Follikel wandelt sich zum Gelbkörper (Corpus luteum), der Progesteron produziert – ein Hormon, das den Körper auf eine mögliche Schwangerschaft vorbereitet. Tritt keine Schwangerschaft ein, sinkt der Progesteronspiegel, die Schleimhaut aus der Gebärmutterhöhle wird abgestoßen und die Periode setzt ein. Viele Frauen erleben in der Lutealphase typische Beschwerden wie Stimmungsschwankungen, Wassereinlagerungen, ein Völlegefühl oder empfindliche Brüste.

Wenn Training zur Belastung wird

In der ersten Zyklushälfte bleiben hormonelle Veränderungen meist ohne spürbare Einschränkungen. In der zweiten Hälfte können Energielevel und subjektive Leistungsfähigkeit sinken, so Schulte. Ein deutlich erhöhtes Verletzungsrisiko sieht sie jedoch nicht. Studien zeigen vielmehr, dass regelmäßiges Training zyklusbedingte Symptome sogar lindern kann.

Im Leistungssport – oder bei Fehl- beziehungsweise Mangelernährung – kann der Körper jedoch in eine Stressreaktion geraten: Der Kortisolspiegel steigt, die hormonelle Stimulierung der Eierstöcke wird gedrosselt. Bleibt die Östrogenproduktion aus, entsteht ein Zustand, der der Menopause ähnelt – mit möglichen Folgen für Knochen, Herz-Kreislauf-System und langfristig auch für die Fruchtbarkeit. Halten Zyklusstörungen über mehrere Monate an, sollte eine gynäkologische Abklärung erfolgen, so die Fachärztin.

Anders ist die Situation bei hormoneller Verhütung: Pille und vergleichbare Methoden erzeugen stabile Hormonspiegel und unterdrücken den Eisprung. Die Blutung in der Pillenpause, also der künstlich herbeigeführten Einnahmepause zwischen zwei Blisterpackungen, ist eine Abbruchblutung und medizinisch unbedenklich. Da der Östrogenspiegel nicht zu niedrig ist, entstehen hierdurch keine Gesundheitsrisiken. Schultes Rat für einen stabilen Zyklus trotz hohen Trainingspensums lautet: auf einen normalen Body-Mass-Index achten – und gegebenenfalls weniger trainieren.

Vom Tabuthema zur Trainingspraxis

Damit es gar nicht erst zu Zyklusstörungen kommt, arbeiten immer mehr Vereine mit zyklusorientiertem Training und systematischem Tracking. Die Belastungen werden dabei an die jeweilige Phase des Zyklus angepasst. Auch beim 1. FC Heidenheim gibt es Überlegungen, dieses Konzept künftig einzusetzen. Frauen-Trainerin Chantal Bachteler beobachtet den Wandel, betont jedoch: „Wir stehen noch ganz am Anfang.“ Der Zyklus werde in der Mannschaft bislang nicht systematisch erfasst. Man befinde sich in einer „Evaluationsphase“ und prüfe Tools sowie Trainingsansätze, so Bachteler.

FCH-Frauen-Trainerin Chantal Bachteler möchte ein Tool für Tracking im Team haben. Foto: 1. FC Heidenheim

Das Thema ist der Trainerin besonders aufgrund mehrerer Verletzungen wichtig: „Wir hatten vier Kreuzbandrisse im vergangenen Jahr. Und das ohne Fremdeinwirkung.“ Bei der Analyse fiel auf, dass diese Verletzungen auffällig häufig in der gleichen Zyklusphase auftraten. Seitdem gehe sie vorsichtiger an Leistungsbewertungen heran: „Manchmal habe ich mich gefragt, warum eine Spielerin heute schlechter spielt als sonst. Jetzt denke ich: Ah, sie ist in dieser Phase des Zyklus.“

Um die Spielerinnen zu sensibilisieren, plant der Verein für das Frühjahr eine Informationsveranstaltung. Bachteler erklärt: „Wir wollen das Tabu ein Stück weit eliminieren.“ Langfristig soll eine passende Trackingmethode gefunden werden, um das Training schrittweise an die Zyklusphasen anzupassen und so Belastung und Regeneration optimal zu steuern.

Für Josephine Wild ist die Periode nicht wirklich schmerzhaft, für sie ist Sport hilfreich. Foto: 1. FC Heidenheim

Zwischen Superkraft und Schokolade

Die Spielerinnen selbst nehmen ihren Zyklus bisher unterschiedlich wahr. Josephine Wild beschreibt sich selbst generell als sehr energiegeladen: „Ich merke kaum, dass ich meine Periode habe. Im Gegenteil, Sport tut mir in dieser Phase oft besonders gut.“ Gelegentlich spüre sie lediglich kleine Veränderungen, wie Heißhungerattacken nach dem Training. Schokolade stehe dann ausnahmsweise doch auf dem Speiseplan, obwohl sie normalerweise nicht dazugehört.

Sena Peker hatte bisher noch nicht wirklich offen über ihren Zyklus gesprochen. Foto: 1. FC Heidenheim

Sena Peker schildert zudem ihre Erfahrungen aus dem Juniorenbereich: Als sie früher bei den Jungs spielte und ihre erste Periode bekam, wurde darüber schlicht nicht gesprochen. Das aktuelle Gespräch empfinde sie als das erste Mal, dass offen über das Thema geredet werde.

Tabus, Hosenfarben und alte Muster

Trotz der noch neuen Auseinandersetzung mit dem Thema berichten beide Spielerinnen, dass im Team grundsätzlich große Offenheit vorhanden ist. „Man spricht halt auch nicht über Farben der Hosen“, merkt Peker an – obwohl es für viele Frauen ein echtes Problem darstellt, in weißen Hosen zu spielen. Christina Studener, Leiterin des Frauen- und Mädchenfußballs beim FCH, ergänzt: „Es ist ja nicht so, dass das Rad neu erfunden wird“ – schließlich sei die Diskussion um geeignete Spielkleidung im Frauenfußball nicht neu. In ihrer Mannschaft werde generell noch nicht so viel über den Zyklus gesprochen, aber sie hätten bisher auch nie wirklich gehört, dass jemand ernsthafte Probleme damit habe. Beide Spielerinnen sind gespannt, ob ein zyklusorientiertes Training einen Unterschied macht: „Jeder Frauenkörper ist anders – deshalb ist es wichtig zu wissen, was man in welcher Phase trainieren kann.“

Christina Studener, Leiterin des Frauen- und Mädchenfußballs beim FCH, findet es entscheidend, den Zyklus systematisch zu erfassen. Foto: 1. FC Heidenheim

Studener ergänzt: „Intern muss darüber gesprochen werden.“ Aus ihrer Sicht sei es entscheidend, den Zyklus systematisch zu erfassen und sportwissenschaftlich zu begleiten. Nur so lasse sich langfristig verstehen, wie groß der Einfluss wirklich ist und welche Maßnahmen den Spielerinnen konkret helfen können.

Ein Signal in der Fechthalle

Pauline Loh, ehemalige Leistungssportlerin der Fechtabteilung des HSB, beobachtet, dass Sportlerinnen zunehmend bewusster und offener mit dem Thema Menstruation umgehen. Im regulären Training sei ein individuelles Eingehen auf den Zyklus jedoch schwierig, da die Sportlerinnen ihre Perioden zu unterschiedlichen Zeiten haben. Um dennoch Rücksicht auf Beschwerden zu nehmen, hat das Fechtzentrum ein Informationsgespräch zum Thema „Periode im Sport“ organisiert. Dabei wurde ein Signal eingeführt, mit dem Sportlerinnen den Trainern anzeigen können, dass das Training für sie aktuell erschwert ist – ein Signal, das von den Trainern ohne Nachfragen akzeptiert wird.

Alina Zelentsova (links) und Pauline Loh erzählen, wie junge Fechterinnen ihren Zyklus offen in Training und Wettkampf einbeziehen. Foto: Rudi Penk

Loh berichtet: „Manche fühlen sich weniger belastbar, andere erleben die Periode fast wie eine Superkraft.“ Gleichzeitig erklärt sie, dass das Thema oft unterschätzt werde: „Oftmals wird es nicht als Element des Trainings angesehen und die Auswirkungen der Periode auf die Leistung werden als zu gering erachtet. Das liegt vor allem daran, dass die Trainerwelt sehr männerdominiert ist und Athletinnen oftmals Seitenhieben wie ‚Na, hast du wieder deine Tage?‘ ausgesetzt sind.“

Offener Umgang mit dem Zyklus

Alina Zelentsova, Jugendtrainerin der Fechtabteilung, ergänzt, dass viele junge Sportlerinnen den Zyklus inzwischen als natürlichen Bestandteil ihres Alltags sehen. Ein etabliertes System erleichtert es, zyklusbedingte Beschwerden sichtbar zu machen, sodass Trainingsintensität reduziert oder besonders belastende Einheiten verschoben werden können. „Entscheidend ist, dass der Umgang individuell bleibt“, so Zelentsova.

Auch im Wettkampf bereiten sich die Athletinnen gezielt vor – etwa durch passende Hygieneprodukte, angepasste Ernährung oder Maßnahmen gegen Krämpfe. Die Fechttrainerin betont, dass die Offenheit im Sport zunimmt, auch wenn das Thema lange als privat oder tabu galt. Loh nennt zusätzliche Hemmfaktoren: die Angst junger Athletinnen, dass Beschwerden als Schwäche interpretiert werden könnten, sowie die Sorge vor Durchbluten, insbesondere beim Fechten in weißer Kleidung. Gleichzeitig können die Planung und medizinische Betreuung die negativen Effekte deutlich reduzieren, so Zelentsova.

Uefa und Menstruation im Frauenfußball

Die Uefa rückt das Thema Menstruation im Frauenfußball zunehmend in den Fokus, weil es trotz seiner großen Bedeutung für Gesundheit und Wohlbefinden der Spielerinnen lange vernachlässigt wurde. Pauschale Annahmen, etwa dass Leistung oder Verletzungsrisiken in bestimmten Zyklusphasen grundsätzlich schwanken, lassen sich wissenschaftlich nicht belegen, teilt die Uefa mit. Gleichzeitig fehlen europaweit einheitliche Standards, wie Zyklusdaten erfasst, interpretiert und genutzt werden.

Das Ziel der Uefa ist, Spielerinnen, Trainer und Trainerinnen sowie medizinisches Personal für das Thema zu sensibilisieren und praktikable Empfehlungen für ein datenschutzkonformes, individuelles Tracking bereitzustellen. Es geht darum, Trainingsbelastungen und Betreuung an den Zyklus anzupassen – ohne Druck, Pauschalisierungen oder Stigmatisierung. Mit den Leitlinien sollen Vereine unterstützt, das Wissen über Menstruationsgesundheit verbreitert und das Thema normalisiert werden. Spielerinnen sollen ihre Perioden- und Zyklusdaten freiwillig und vertraulich einbringen können.