Marcel Titsch-Rivero über Nackenschellen von FCH-Trainer Frank Schmidt und seinen bitteren Bundesligarekord mit Eintracht Frankfurt
Aus einer großen, pulsierenden Metropole in eine kleine und idyllische Stadt: Für junge Menschen ist dieser Übergang sicherlich nicht einfach. Marcel Titsch-Rivero wagte dennoch diesen Schritt von Frankfurt am Main nach Heidenheim. Der Mittelfeldspieler trug sechs Jahre lang das Trikot des 1. FC Heidenheim und kommt allein in der 2. Liga auf 115 Einsätze.
Tiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitsch!
Marcel Titsch-Rivero: (lacht) Ja, damals hat’s Frank Schmidt sehr lang gezogen. Bei einer Aktion im Training habe ich mal mein Fett abbekommen. Im Film „Trainer“ wurde das verewigt. Mein Spitzname ist Titsch, viele denken sogar, dass ich Titsch mit Vornamen heiße. Ich finde aber, das hört sich streng an. Titschi klingt da sanfter.
Sie haben auch spanische Vorfahren?
Ja, mein Opa Manuel, Spitzname Manolo, wurde in Barcelona geboren, er war Halbspanier. Seine Mutter hieß Rivero mit Nachnamen, sein Vater war Deutscher, der Titsch mit Nachnamen hieß. Eigentlich wird Titschrivero auch zusammengeschrieben, also ohne Bindestrich. Aber es wurde falsch übertragen.
Haben Sie noch Verwandte in Spanien?
Mein Vater Alexander hält eher die Verbindung, ich bin dort nicht so verwurzelt. Früher haben wir Urlaub in Spanien gemacht, bei einem Onkel meines Vaters in Sala Tarragona, etwa eineinhalb Stunden von Barcelona entfernt.
Sie sind aber gebürtiger Frankfurter. Ihre fußballerischen Anfänge hatten Sie bei der großen Eintracht …
Ja, ich habe bei der U23 von Eintracht Frankfurt gespielt, durfte aber früh bei den Profis mittrainieren. Es war eine schöne Zeit. Ich stand zum Beispiel samstags im Kader der Bundesligamannschaft und sonntags habe ich bei der Zweiten in der Regionalliga Spielpraxis gesammelt.

Im Bundesligateam waren ein paar große Namen dabei …
Oh ja, echt coole Typen. Oka Nikolov, Ioannis Amanatidis. Echte Identifikationsfiguren des Vereins. Das war megageil, ich habe ja zu denen aufgeschaut.
Am letzten Spieltag der Bundesligasaison 2010/11 gingen Sie in die Geschichtsbücher ein …
In erster Linie war es ein tragischer Tag für die Mannschaft, für den Verein. Wir hätten ein Fußballwunder gebraucht, konnten den Abstieg aber nicht verhindern.
Mit Trainer Christoph Daum hat Frankfurt bei den bereits als Meister feststehenden Dortmundern um Coach Jürgen Klopp, jetzt Bundestrainer, mit 1:3 verloren. Sie wurden in der 79. Minute beim Stand von 1:2 eingewechselt, sahen aber nur 43 Sekunden später aufgrund einer Notbremse an Marcel Schmelzer die rote Karte.
Ich kam voller Euphorie und Adrenalin auf den Platz und wollte Schmelzer den Ball von hinten stibitzen. Er hatte aber in unserem Strafraum das Tempo etwas rausgenommen und ich bin auf ihn draufgelaufen. Es gab dazu auch noch einen Elfmeter für Dortmund, den Dede aber verschossen hat. So habe ich vielleicht doch indirekt ein Tor verhindert. (lacht)
Damals war Ihnen so gar nicht nach Lachen zumute, oder?
Nein, der Platzverweis war hart und kein schöner Moment für einen jungen Spieler wie mich. Aber was mir besonders in Erinnerung geblieben ist: Nach dem Spiel, ich war natürlich ziemlich down, kam Amanatidis auf mich zu und meinte zu mir: „Du musst weitermachen, es werden auch andere Zeiten auf dich zukommen.“ Das hätte er in diesem Moment, der Abstieg stand gerade für den Verein fest, nicht machen müssen. Es war eine kleine Geste, die auf mich eine große Wirkung hatte. Und ich muss sagen: Ich konnte relativ früh über die rote Karte lachen.

Für Sie gab es erste Berührungspunkte mit dem FCH …
Ich habe mit der Frankfurter U23 gegen den FCH gespielt. Es war klar, dass Heidenheim auf dem Weg nach oben ist.
Was waren Ihre Eindrücke von Heidenheim?
(überlegt) Naja, das erste Mal kam ich im Winter nach Heidenheim. Damals wurde über eine Leihe diskutiert, die sich aber von meiner Seite zerschlagen hat. Holger Sanwald und Frank Schmidt waren super, mir hat da aber noch der Mut gefehlt, Frankfurt zu verlassen. Mein Wunschgedanke lautete ja Bundesliga. Aber irgendwann musste ich mir eingestehen, dass das nicht realistisch ist. Dafür habe ich eine Zeit gebraucht. Manchmal frage ich mich, ob ich den Schritt, weg von Frankfurt, nicht schon früher hätte gehen sollen, ob ich zu lange gezögert habe. Der FCH ist aber an mir drangeblieben – und es hat dann ja geklappt.
Im Juli 2012 ging es für Sie ins beschauliche Heidenheim …
Ja, hier lag der Fokus komplett auf Fußball. Dazu hatten wir eine echt coole Truppe, mit Alper Bagceci, Marc Schnatterer, Patrick Mayer. Wir haben viel gemeinsam unternommen, sind nach Ulm, Stuttgart oder München. Wir waren aber auch in Heidenheim direkt unterwegs. Zum Essen ging’s ins „Poseidon“ oder ins „Bellinis“.
Und wo wurde Party gemacht?
Nach Siegen gerne im ehemaligen „Warsteiner“. Das „Wari“ war Kult. Wir waren auch gerne bei Schnatti und Alper in der WG. Oder in Grieses (Sebastian Griesbeck) Wohnzimmer. (lacht)

19. April 2014.
Zweitligaaufstieg in Elversberg. Darauf hatten wir wie verrückt hingearbeitet. Das war der Hammer. Wir haben vor Ort gefeiert und Gas gegeben. Sehr viele der Jungs waren trinkfest. (lacht) Natürlich ging’s auch nach Malle. Aber das war relativ gediegen. Wir wurden ja von vielen erkannt.
Nach sechs Jahren beim FCH war im Sommer 2018 für Sie Schluss.
Es endete leider nicht so schön, was nach der tollen Zeit schade war. Wir hatten den Klassenerhalt in der 2. Liga fix, die Gespräche liefen im Hintergrund. Wir waren auf Mallorca, der Rückflug stand an, und auf einmal hieß es von meinem Berater, dass der FCH doch nicht mit mir plant. Ähnlich war es auch bei Kevin Kraus. Für den Verein ist das legitim, aber damals war die Enttäuschung bei mir sehr groß. Vor allem darüber, in welcher Art und Weise das einem überbracht wurde. Richtig verabschieden von der Mannschaft konnte ich mich nicht, da alles so plötzlich kam. Der FCH hatte immer signalisiert, dass der Vertrag verlängert werden soll.
Das war eine harte Phase Ihrer Karriere?
Über allem schwebt die Ungewissheit. Es gibt von einem auf den nächsten Moment keine Planungssicherheit. Dann fragst du dich als Spieler ohne Verein: Wo geht’s weiter? Wann geht’s weiter? So ist das Fußballgeschäft. Es kommen dann andere Spieler, bei denen mehr Potenzial gesehen wird. Du hinterfragst dich also auch selbst. Wo kannst du dich verbessern? Was kannst du anders machen?

Für Sie ging es letztlich zu Wehen Wiesbaden.
Es gab einige Gespräche, Kiel oder Regensburg waren dabei. Letztlich war es ein Geduldsspiel. Die 3. Liga mit Wehen Wiesbaden hatte bei mir nicht oberste Priorität. (lacht) Und sie waren schon im Spielbetrieb. Aber ich habe gesagt: „Let’s go.“ Und es war eine gute Entscheidung, dorthin zu gehen. Über die Relegation haben wir ein Jahr später den Aufstieg in die 2. Liga geschafft.
In dieser gab es ein Wiedersehen mit dem FCH …
Es war schön, zurück in der 2. Liga zu sein. Und eine gewisse Befriedigung war auch dabei.
Was für ein Spielertyp waren Sie?
Ein Sechser, der gut am Ball war und versucht hat, Situationen spielerisch zu lösen. Meine Vorbilder waren Spieler wie Zidane, Iniesta oder Xavi. Auch wenn das etwas hochgegriffen war. (lacht) Griese (Sebastian Griesbeck) zum Beispiel, der im defensiven Mittelfeld neben mir auflief, hat mehr die physische Komponente mitgebracht, konnte am Ball aber trotzdem was.
Auch mit Stürmer Smail Morabit haben Sie sich sehr gut verstanden …
Ein toller Typ. Total entspannt und ein cooler Zimmerpartner. Als Besänftigungsmittel hatte Smail ab und zu eine Shisha dabei.

War das erlaubt?
Auf keinen Fall. Aber es war die Macht der Gewohnheit. Einige können damit etwas anfangen, andere nicht. Einmal wurden wir von Frank Schmidt erwischt. Aber er ist ein Typ mit Zuckerbrot und Peitsche. Von ihm gab’s eine Nackenschelle mit einem Lächler.
Spieler tauschen gerne Trikots. Haben Sie eine Sammlung?
Natürlich, damit verbindet man besondere Erinnerungen. Die Trikots sind gut verwahrt in einer Kiste. Ich habe gerne mit Jungs Trikots getauscht, die ich kannte. Mit Philip Heise, als er bei Dresden gespielt hat. John Verhoek, als er für Rostock auflief. Kevin Kraus beim 1. FC Kaiserslautern. Oder als wir mit Wiesbaden beim VfB Stuttgart gespielt haben. Damals gab es aber eine Abfuhr von Mario Gomez, der keine Lust auf einen Trikottausch hatte. (lacht)

Sind Sie dem Fußball erhalten geblieben?
Ja, ich bin bei meinem Jugendverein Spielvereinigung 03 Neu-Isenburg. Mein Sohn Levi spielt dort und ich bin Trainer bei den Bambini. Es hatte sich sonst niemand gefunden, also habe ich mich mit einem anderen Vater zusammengeschlossen. Die Kids sind fußballverrückt, es macht sehr viel Spaß. Parallel bauen Denis Streker und ich, wir kennen uns von der U23 von Eintracht Frankfurt, eine Fußballakademie auf, die 11 Future Academy. Mein Wunschgedanke ist es, die Akademie eines Tages in Vollzeit zu betreiben. Das braucht seine Zeit, wir sind aber auf einem guten Weg. Zudem spiele ich für den SV Pars Neu-Isenburg in der Verbandsliga. Hier haben Denis und ich uns wiedergetroffen. Titschi bleibt also am Ball. (lacht)
Seit August sind Sie zudem beim SV Darmstadt in einer neuen Rolle dabei …
Ja, als Übergangstrainer möchte ich den Jungs den Übergang aus dem Nachwuchsleistungszentrum in den Profifußball erleichtern und die Talente auf ihrem Weg unterstützen.
Marcel Titsch-Rivero: Abiturschnitt von 2,7
Marcel Titsch-Rivero spielte bei der SG Rosenhöhe Fußball, ehe er bereits im zweiten Jahr der U17 in die Jugend zu Eintracht Frankfurt wechselte. Er lernte zudem Klavier spielen und fand das lange Zeit super. Unterricht bekam er, bis er 14 Jahre alt war. „Ich war zwar lernfaul, aber es ist mir leichtgefallen“, sagt er rückblickend. Gelegentlich versucht er, Klavier zu spielen. Sein Abiturnotenschnitt betrug 2,7, seine Leistungskurse waren Sport und Biologie. „Das war eine gute Lösung“, sagt Titsch-Rivero.
Mit seiner Frau Esther und Sohn Levi (5) lebt Marcel Titsch-Rivero in Neu-Isenburg, südlich von Frankfurt am Main.
Von Juli 2012 bis Juli 2018 kam Marcel Titsch-Rivero auf 175 Einsätze für den FCH (7 Tore, 13 Vorlagen)
Einmal lief Titsch-Rivero für den FCH II auf
Den Landespokal gewann er mit dem FCH zweimal, mit Wehen Wiesbaden einmal.
