Wechsel nach zehneinhalb Jahren beim FCH

In vielen Rollen auf dem Schlossberg: Wie Kevin Müller eine Ära im Tor des 1. FC Heidenheim prägte

Bis zu seinem Leihwechsel zum FC Schalke 04 an diesem Dienstag, 20. Januar, war Kevin Müller der dienstälteste Profi des 1. FC Heidenheim. In seinen zehneinhalb Jahren auf dem Schlossberg schlüpfte der 34-Jährige in zahlreiche Rollen, wie ein Rückblick auf sein sportliches Wirken zeigt:

„Müüüüüüüüüüüüü!“ Auch wenn Kevin Müller das Trikot als Spieler des 1. FC Heidenheim aller Voraussicht nach nicht mehr tragen wird, hat er den festen Platz in der Geschichte des Vereins und vor allem in den Herzen der Fans auf Lebenszeit verdient. Mit dem Abgang Müllers, der nicht wie von ihm erträumt in die USA geht, sondern sich in eine Flucht in die 2. Bundesliga nach Gelsenkirchen wandelte, endet auf dem Schlossberg eine zehneinhalbjährige Ära. Eine Ära, in der sich der 34-Jährige vom Ersatzmann zum Führungsspieler und Fanliebling entwickelte und auch einige Bestmarken setzte. Deshalb geht der Blick zurück auf viele Rollen und seinen einzigartigen Weg beim 1. FC Heidenheim, dessen Ende noch nicht ganz vorgezeichnet ist.

Den ersten Ligaeinsatz im FCH-Dress absolvierte Kevin Müller im März 2016 in der Auswärtspartie gegen RB Leipzig. Foto: Mario Hommes/Eibner

Der Herausforderer: 2015 begann die Ära auf dem Schlossberg

Mit dem damals 24-jährigen Müller verpflichtete der FCH im Sommer 2015 einen talentierten Herausforderer, der sich zunächst mit der Rolle als Pokal-Keeper für mehr empfahl. Nach starken Auftritten erhielt er am 2. März erstmals in der 2. Bundesliga gegen RB Leipzig das Vertrauen von Trainer Frank Schmidt. In der Schlussphase seiner ersten Saison ersetzte er die bisherige Nummer eins Jan Zimmermann, dessen Wechsel zu Liga-Konkurrent TSV 1860 München bereits feststand, vollends und stand in den vier letzten Saisonspielen zwischen den Pfosten.

Ein starkes Gespann: Torwarttrainer Bernd Weng unterstützte Kevin Müller auf seinem Weg zum Stammkeeper in der Bundesliga. Foto: Thomas Thienel / Eibner

Der Stammkeeper: Nach Marc Schnatterer die meisten Einsätze im FCH-Trikot

Und an dieser Position gab es in der Folge auch nichts mehr zu rütteln. Den Rollenwechsel manifestierte er dann als unangefochtener Stammkeeper mit konstant starken Leistungen und dem Willen, noch besser zu werden. In acht Zweitliga-Spielzeiten sammelte Kevin Müller mit 236 Einsätzen so viele wie kein anderer FCH-Spieler. Auch bei der Zahl der Spiele in der 1. und 2. Bundesliga ist er im Verein unerreicht (303). Zwar liegt der „ewige“ Marc Schnatterer wettbewerbsübergreifend mit 461 Pflichtspieleinsätzen uneinholbar vorn, dahinter folgt aber bereits der gebürtige Rostocker (330).

Kommt ein Müller geflogen: Mit seinem spektakulären Torhüterspiel etablierte sich der gebürtige Rostocker als einer der besten Keeper des 2. Bundesliga. Foto: Bert Harzer/ Eibner

Der Aufsteiger: Müller wurde zum Erfolgsgarant und Topkeeper der Liga

Mit der Präsenz im vergangenen Fußballjahrzehnt auf dem Schlossberg war Kevin Müller eine unverzichtbare Stütze und ein Garant für die erreichten Erfolge. Bei der legendären 4:5-Niederlage im DFB-Pokal-Viertelfinale half er mit seinen Paraden ebenso wie beim sensationellen 2:1-Erfolg beim VfB Stuttgart. Und auch unter den Schlussleuten der 2. Bundesliga arbeitete er sich mit seinem spektakulären Torhüterspiel – mit dem Lösen der Eins-gegen-eins-Situationen und mit seinen Reflexen – in den Kreis der Besten.

Die Stimmungskanone: Kevin Müller hatte eine besondere Verbindung zu den Fans des 1. FC Heidenheim. Foto: Sascha Walther/Eibner-Pressefoto

Der Auffällige: Ein Fan von Tattoos, bunten Schuhen und den USA

Doch nicht nur seine mutigen Flugeinlagen sorgten für Aufsehen. Auch optisch stach Müller heraus – und das hatte nicht nur mit seinen grellen Torhütertrikots zu tun. Der trainingsfleißige Torhüter sammelte nicht nur Einsätze, sondern in seinem Karriereverlauf auch ein Tattoo nach dem anderen auf seinen Armen. Abseits machte er kein Geheimnis aus seiner Vorliebe für die USA und deren typische Sportarten. Bunte Basketballstiefel gehören genauso zu seinem Outfit wie das Trikot und die Mütze seines favorisierten Footballteams. Auch bei der Wahl seiner Autos setzte er auf amerikanische Trucks statt auf italienische Flitzer.

Von Mitspielern zu Freunden: Tim Kleindienst und Kevin Müller waren beim FCH unzertrennlich und feierten viele Erfolge gemeinsam. Foto: EIBNER/Michael Schmidt

Fanliebling:

Der Mix aus Coolness, Lockerheit und Offenheit kam bei den Heidenheimer Fans an – bei den Jungen und den Alten. Nur wenige Aktionen im Stadion wurden lauter und intensiver gefeiert als die Paraden des Publikumslieblings. Sein Spitzname „Müüüüüüüüüü“ hallte weit über die Tribünen hinaus. Nach den öffentlichen Trainingseinheiten war der Torhüter stets einer der Letzten, die noch Autogramme schrieben, und jeden Fotowunsch erfüllte er stets mit einem breiten Lächeln. Obendrauf gab es meistens noch einen lockeren Spruch, der die Fans glücklich zurückließ.

Christopher Nkunku und die Stars des FC Chelsea London brachte Kevin Müller im Heimspiel der Conference League mit seinen Paraden reihenweise zur Verzweiflung. Foto: Eibner-Pressefoto/Michael Weber

Der Standhafte: Müller macht auch am Mikrofon eine gute Figur

Trotz aller Lockerheit versteckte sich Müller aber auch nicht, wenn es ungemütlich wurde. Nach bitteren Niederlagen stellte er sich stets den Fragen der Journalisten und suchte in seinen Antworten nicht nach Ausreden und sprach eigene Fehler und die seiner Mannschaft offen an.

HZ-Sportredakteur Thomas Jentscher sieht beim Abschied von Torwart Kevin Müller vom 1. FC Heidenheim Fehler auf beiden Seiten.

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Heidenheim
Kommentar von Thomas Jentscher

Der Ausgebremste: Zwischen Bundesliga und USA-Traum

Nach dem gefeierten Aufstieg in die Bundesliga und einer auch von dem Torhüter überragenden Premierensaison, in der er in der Bewertung des „Kicker“ zum notenbesten Keeper avancierte, sorgte Müller auch international für Aufsehen. Im Heimspiel in der Conference League gegen den FC Chelsea London wurde er selbst von den englischen Experten und Journalisten mit Lob überschüttet. Über eine Zukunft in der Premier League oder der Profiliga im Traumland USA wurde offen diskutiert, und von Müller gab es keine Gegenworte. Der fortgehende Flirt und die Bereitschaft für einen Wechsel in die US-Liga wurden zum Zankapfel zwischen dem FCH und dem verdienten Leistungsträger und führten zum Bruch in der langjährigen Zusammenarbeit. Mit dem Wechsel zum FC Schalke 04 scheint die Ära Müller beim FCH beendet, nur der passende Schlussakt fehlt noch.

Auf der Tribüne statt zwischen den Pfosten: Nach der Degradierung zur Nummer drei bei den Heidenheimern sucht Kevin Müller jetzt beim FC Schalke 04 sein sportliches Glück. Foto: Eibner-Pressefoto/Sascha Walther