Komplexe Zeichenfolgen

Linien, Kreuze, Punkte: Ist eine Ur-Schrift auf den Eiszeitfiguren des Lone- und Achtals zu sehen?

Forscher haben Symbolabfolgen untersucht, die auf den Eiszeitfunden des Lone- und Achtals eingeritzt sind. Es gibt Indizien dafür, dass es sich bei den Symbolen um eine Ur-Schrift handeln könnte.

Ist auf den Eiszeitfunden von der Schwäbischen Alb die früheste Schrift der Menschheitsgeschichte eingeritzt? Forscher aus Berlin und Saarbrücken haben rund 260 Funde aus den Höhlen des Lone- und Achtals mit einer neuen Fragestellung untersucht und sehen Indizien dafür, dass es sich bei auf den Figuren eingeritzten Zeichenfolgen um etwas anderes handelt als reine Dekoration. Denn: Die Abfolgen der Kreuze, Striche, Punkte und Linien, die auf dem Vogelherd-Mammut und vielen anderen Figuren zu sehen sind, folgen nicht nur gewissen Gesetzmäßigkeiten, sondern dienten sogar mit „hoher statistischer Wahrscheinlichkeit“ dazu, Informationen weiterzugeben, so Archäologin Ewa Dutkiewicz. Gemeinsam mit dem Sprachwissenschaftler Christian Benz von der Universität des Saarlandes hat die einstige Kuratorin des Archäoparks am Montag einen Artikel im Wissenschaftsmagazin PNAS herausgegeben, in dem sie über die Ergebnisse ihrer Untersuchung berichtet.

Einige davon lauten: Manche Zeichen sind nur auf gewissen Objekten zu sehen, andere dafür gar nicht. Auf Werkzeugen etwa gibt es keine Punkte, auf menschenartigen Figuren hingegen niemals Kreuze. Auch tauchen gewisse Zeichen häufig in einer bestimmten Anzahl auf, z.B zwölfmal. Komplexere Abfolgen sind zudem auf Tier- und Menschenfiguren zu sehen, auf Werkzeugen oder Schmuck sind sie hingegen nicht zu finden. Um zu diesen Erkenntnissen zu gelangen, haben Dutkiewicz und Bentz Klassifikationsalgorithmen und statistische Verfahren angewandt.

Doch reichen ihre ersten Ergebnisse, um von einer Schrift zu sprechen? Klar ist: Mit einer modernen Schrift haben die Eiszeit-Ritzereien nichts zu tun. Die beiden Forschenden sprechen in ihrem Paper jedoch davon, dass die statistischen Eigenschaften der Zeichenfolgen vergleichbar sind mit den Abfolgen der Proto-Keilschrift, die um 3000 vor Christus herum von den Sumerern verwendet wurde und bisher als die älteste Schrift gilt. Die Eiszeit-Zeichen beweisen Dutkiewicz und Bentz zufolge, dass die ersten Jäger und Sammler Mitteleuropas demnach ähnlich komplexe Zeichenfolgen auf systematischer Basis verwendet haben wie die Sumerer – allerdings mehrere zehntausend Jahre früher.

Ob es eines Tages möglich sein wird, die Bedeutung der Eiszeit-Zeichen zu entschlüsseln, ist allerdings fraglich. Mithilfe einer größeren Datenbasis und Künstlicher Intelligenz ist dies jedoch durchaus wahrscheinlich.

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