Es war ein Besuch, der eigentlich der Rüstungselektronik gewidmet war. Doch als Ministerpräsident Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) am Freitag die Firma Hensoldt in Oberkochen besuchte, kam er um das drängendste Infrastrukturproblem der Region nicht herum: die marode Kochertalbrücke auf der B 19 zwischen Aalen und Oberkochen. Özdemir ließ keinen Zweifel daran, dass er das Thema ernst nimmt.

Plötzlicher Einsturz nicht ausgeschlossen: Ein zügiger Neubau der B-19-Kochertalbrücke ist alternativlos
Taskforce soll Sanierung beschleunigen
„Aber natürlich gibt es auch ein paar Themen und Beschwerden, Stichwort Kochertalbrücke“, sagte der Ministerpräsident, als er vom Gespräch mit Hensoldt-CEO Oliver Dörre berichtete – und fügte hinzu: „Ich komme vorbereitet, wie sich das gehört für einen Ministerpräsidenten.“ Er habe bereits die Stuttgarter Regierungspräsidentin gebeten, „wirklich jeden Stein umzudrehen, damit das eher flott vorangeht“. Auch mit dem Verkehrsministerium habe er das Gespräch gesucht. Dort werde nun eine Taskforce gebildet, „sodass alle Entscheidungsträger an einem Tisch sitzen und man keine unnötige Zeit verliert“. Sein Versprechen: „Was immer ich, was immer wir tun können, machen wir sehr gern.“

Die marode Kochertalbrücke zwischen Ober-und Unterkochen soll weg
Brücke am Limit: Akute Gefahr festgestellt
Konkrete Zeitpläne nannte Özdemir nicht. Aber das politische Signal sitzt – und es kommt zur richtigen Zeit. Denn die Lage an der Kochertalbrücke ist ernster, als lange bekannt war. Eine Nachberechnung hat ergeben, dass die 61 Jahre alte Spannbetonbrücke in vier ihrer 13 Felder das sogenannte Ankündigungsverhalten rechnerisch nicht mehr erfüllt. Ein plötzliches Versagen wäre möglich – ohne sichtbare Risse als Vorwarnung. Hermann Klyeisen vom Regierungspräsidium fasste es im Kreistag knapp zusammen: „Die Brücke ist am Limit.“ Ursache ist offenbar Spannungsrisskorrosion, verursacht durch jahrzehntelangen Schwerlastverkehr – unsichtbare Schäden im Inneren des Betons.
Die Konsequenz: Ab Herbst 2026 sperrt das Regierungspräsidium Stuttgart die B 19 einseitig für Lastwagen über 7,5 Tonnen in Richtung Heidenheim. Der Schwerlastverkehr soll dann durch Unterkochen umgeleitet werden – oder weiträumig über die A 7.
Ab Herbst rollen schwere Laster durch Unterkochen
Unterkochen kritisiert mangelnde Einbindung
Genau das sorgt in Unterkochen für erheblichen Unmut. Ortsvorsteher Hans Peter Stütz (CDU) nennt das Vorgehen des Regierungspräsidiums gegenüber der Schwäbischen Post schlicht „stümperhaft“. Sein Vorwurf: Unterkochen sei vorab nicht eingebunden worden. Er habe die entscheidenden Informationen aus der Zeitung erfahren müssen. Dabei wisse man „doch schon seit Jahren, dass wir dieses Problem haben“. Passiert sei nichts. Und nun soll der Stadtteil die Last tragen.
Unterkochen kann nicht noch mehr Verkehr verkraften.
Hans Peter Stütz (CDU), Ortsvorsteher Unterkochen
Dabei ist Unterkochen bereits heute schwer belastet. Täglich rollen 12.000 bis 13.000 Fahrzeuge durch den Ort – unter anderem, weil der seit 30 Jahren diskutierte Albaufstieg zur A 7 noch immer nicht realisiert wurde. „Unterkochen kann nicht noch mehr Verkehr verkraften“, so Stütz. Die kurvige Ortsdurchfahrt sei an mehreren Stellen schlicht nicht für schwere Lastwagen und Sattelschlepper geeignet. Im Ort ist der Unmut groß. „Bei mir steht das Telefon nicht mehr still“, sagt der Ortsvorsteher. Firmenchefs melden sich, Bürgerinnen und Bürger sind besorgt. Stütz schließt Demonstrationen nicht aus.
Wirtschaftsstandort leidet unter Infrastrukturproblemen
Dabei trifft das Problem nicht nur Unterkochen. Auch die Weltfirmen in Oberkochen – Hensoldt und Zeiss – sowie Betriebe wie die Papierfabrik Palm in Unterkochen sind auf funktionierende Verkehrswege angewiesen. Stütz bringt es auf den Punkt: „Wir haben hier hochmoderne Weltfirmen“ – und davor „kleine Sträßlein“. Die Firmen würden ausgebremst, obwohl die Region zu den wenigen echten Boomregionen Deutschlands zähle.
Neubaupläne und Forderungen nach Tempo
Langfristig führt kein Weg am Neubau vorbei. Diskutiert wurden bislang ein Ersatzneubau auf der heutigen Trasse oder eine Brücke in Seitenlage. Die Region hatte sich für Letzteres ausgesprochen, die Stadt Aalen hatte sogar Grundstücke erworben. Nun zeichnet sich ab, dass das Regierungspräsidium eine Expressbrücke aus Fertigteilen im Bestand bevorzugt – um Bauzeit zu sparen. Ende 2026 soll eine Bürgerinformationsveranstaltung stattfinden.
Landrat Dr. Joachim Bläse (CDU) hat im Kreistag verbindliche Zeitpläne und mehr Tempo gefordert. Der Aalener Oberbürgermeister Frederick Brütting verweist auf Weichenstellungen vonseiten der Stadt, etwa durch die Grundstückskäufe. Özdemirs Taskforce-Ankündigung geht in Richtung Tempo. Ob diese Maßnahmen ausreichen, wird sich zeigen – die Region erwartet konkrete Lösungen.
