Die Geräusche auf dem Fußballplatz gehören inzwischen wieder zum Alltag der Familie Staub-García. Dreimal pro Woche begleiten Stefan und Laura ihre Zwillinge Julian und Sebastian zum Training, zweimal geht es zum Taekwondo. Dazwischen stehen Therapien, Arzttermine und die Pflege ihres dreijährigen Sohnes Oliver auf dem Programm. Fast ein Jahr nach dem schweren Autounfall in Mexiko, bei dem Oliver eine schwere Rückenmarksverletzung erlitt, hat die Familie ihren Alltag zumindest teilweise neu organisiert.
„Soweit geht es ihm gut“, sagt Stefan Staub. Körperlich mache Oliver kontinuierlich Fortschritte. Mental gebe es allerdings Tage, an denen die Situation schwer zu ertragen sei. „Ich leide da manchmal mehr darunter als Oliver“, erklärt der gebürtige Steinheimer.
Gewonnene Freiheit
Besonders in den vergangenen Monaten hat sich einiges verändert, berichtet der Familienvater. Oliver hat einen neuen Rollstuhl und ein neues Beatmungsgerät bekommen. Vor allem der Umgang mit dem Sauerstoff sei dadurch deutlich einfacher geworden. „Früher mussten wir immer überlegen, ob wir mit dem Sauerstoffturm überhaupt irgendwo hinkommen. Jetzt ist alles im Rollstuhl integriert“, erzählt Stefan Staub. Der Dreijährige benötigt inzwischen keinen zusätzlichen Sauerstoff mehr rund um die Uhr. Fünf bis sechs Stunden am Tag kommt er bereits ohne Unterstützung aus. „Wir haben nur noch eine kleine Flasche dabei“, erklärt Staub.

Familie Staub-García gibt ihr Leben in Königsbronn auf, um ihren Sohn Oliver in Mexiko pflegen zu können
Auch ein umgebautes Auto erleichtert inzwischen den Alltag. Über eine Rampe kann Oliver direkt mit dem Rollstuhl ins Fahrzeug gefahren werden. Die gewonnene Mobilität bedeutet für die Familie ein großes Stück Lebensqualität. Staub betont: „Es macht einen riesigen Unterschied für ihn und für uns.“
Therapeuten sehen Potenzial
Laufen kann Oliver bislang nicht. Dennoch beobachtet die Familie immer häufiger Bewegungen, die ihnen Hoffnung geben. Er reagiert bewusst auf Berührungen, greift nach Händen und merkt, wenn jemand loslässt.
Zudem hat die Familie in den vergangenen Monaten mit zwei unabhängigen Neurologen gesprochen. Beide seien zu einer ähnlichen Einschätzung gekommen. „Sie vermuten, dass die Verletzung weiter unten liegt als ursprünglich angenommen“, erklärt Staub. Dafür sprächen freiwillige Bewegungen, die bei einer höher gelegenen Rückenmarksverletzung normalerweise nicht möglich wären.
Für die Therapeuten ist es nicht die Frage, ob eine erste selbstständige Bewegung zurückkommt, sondern wann.
Stefan Staub, gebürtiger Steinheimer
Je weiter unten die Verletzung liegt, desto mehr Funktionen könnten erhalten bleiben, erklärt der Steinheimer. Deshalb seien die Experten optimistisch. „Für die Therapeuten ist es nicht die Frage, ob eine erste selbstständige Bewegung zurückkommt, sondern wann.“
Auch im Alltag zeige Oliver Fähigkeiten, die nach den ersten Prognosen kaum erwartet worden seien. Er sage beispielsweise, wenn ihm kalt oder warm sei. Die Familie vermutet deshalb, dass er deutlich mehr wahrnimmt, als zunächst angenommen wurde. „Damals in Mexiko wurde uns gesagt, dass er vermutlich nie wieder sprechen oder essen kann. Heute sieht vieles ganz anders aus“, so Staub. „Man kann mit Oliver ganz normal interagieren, er ist zu 100 Prozent im Kopf da."
Große Hoffnung auf Stammzellen
Eigentlich hätte die Familie bereits vor Monaten in die USA reisen wollen. Dort soll Oliver an einer experimentellen Stammzellentherapie der Universität Chicago teilnehmen. Mehrere Faktoren führten jedoch zu einer Verschiebung. Unter anderem musste Oliver vor wenigen Wochen wegen eines Nierensteins operiert werden. Hinzu kamen organisatorische Probleme rund um Visa und die anstehende Fußball-Weltmeisterschaft. „Es gab einfach viele Gründe, die dagegen gesprochen haben“, sagt Staub.
Nun soll die Reise Mitte Juli stattfinden. Für rund vier bis fünf Wochen werden Oliver und seine Eltern nach Chicago gehen. Die Zwillinge sollen in dieser Zeit bei ihrem Großvater bleiben. „Das wird hart, von ihnen getrennt zu sein. Aber wir sitzen auf heißen Kohlen und freuen uns, wenn es endlich losgeht.“
Ambulant statt Klinik
Nach Einschätzung der Mediziner sei Oliver inzwischen auch so stabil, dass ein Aufenthalt auf einer Intensivstation keinen Sinn ergebe. „Eigentlich ist er gesundheitlich wie ein normales Kind. Seine Organe funktionieren, das einzige größere Problem waren zuletzt die Nierensteine“, erklärt Staub.

Statt eines Klinikaufenthalts will die Familie in einem Airbnb wohnen. Die Therapie erfolgt ambulant, da sie als vergleichsweise schonend gilt. Die gezüchteten Stammzellen werden in das Rückenmark eingebracht und sollen dort zur Regeneration beitragen.
„Das Ganze läuft ohne Narkose. Im schlimmsten Fall fühlt es sich an wie eine Impfung“, sagt Staub. Oliver ist laut Staub das erste Kind, das an dieser dritten Runde des Programms teilnehmen darf. „Wir sprechen etwa einmal im Monat mit den Ärzten. Dokumentierte Nebenwirkungen gibt es bislang praktisch keine. Das Schlimmste waren Kopfschmerzen.“ Allerdings gebe es auch keine Garantie auf Erfolg. Nach bisherigen Erfahrungen würden bei etwa der Hälfte der Patienten deutliche Verbesserungen auftreten, bei anderen seien die Fortschritte geringer oder blieben aus.
Ein neues Leben in Mexiko
Während Oliver täglich rund anderthalb Stunden im Therapiezentrum verbringt, sich dort wohlfühlt und andere Kinder mit Behinderungen trifft, haben auch seine Brüder Anschluss gefunden. Die Zwillinge besuchen Sportvereine, treffen Freunde und führen ein vergleichsweise normales Kinderleben. „Uns würde es nicht gut gehen, wenn es den beiden nicht gut gehen würde“, sagt Staub.
Früher waren die drei wie die drei Musketiere. Und das sind sie eigentlich immer noch.
Stefan Staub, Vater des kleinen Oliver
Dabei sei Oliver weiterhin vollständig integriert. Seine Brüder erklärten anderen Kindern ganz selbstverständlich, warum ihr kleiner Bruder derzeit nicht laufen könne. „Früher waren die drei wie die drei Musketiere. Und das sind sie eigentlich immer noch.“ Bald möchten sie auch, dass Oliver einen inklusiven Kindergarten besucht.
Rückkehr nach Deutschland bleibt Ziel
Auch beruflich hat sich vieles verändert. Stefan Staub arbeitet inzwischen wieder einige Stunden pro Tag im Homeoffice für eine kleine IT-Firma. „Mehr geht momentan aber nicht.“ Laura kümmert sich weiterhin um die Pflege ihres Sohnes sowie um Haushalt und Familie. Die langfristige Perspektive bleibt allerdings unverändert: Die Familie möchte zurück nach Deutschland. Einen festen Zeitplan gibt es allerdings nicht mehr.
„Früher haben wir uns selbst unter Druck gesetzt. Heute sagen wir: „Oliver gibt das Tempo vor.“ Worauf er besonders stolz ist, muss der Vater nicht lange überlegen: „Man vergisst manchmal, wie weit wir schon gekommen sind.“ Denn er betont: „Heute kannst du mit Oliver ganz normal interagieren. Und das ist für uns das Schönste überhaupt.“
Was ist Stammzellentherapie?
Die regenerative Medizin nutzt Stammzellen, um geschädigtes Gewebe von innen heraus zu reparieren. Stammzellen können beschädigte Zellen ersetzen, Entzündungen reduzieren und die Heilung fördern. Bei Querschnittslähmung sollen sie die Regeneration des Rückenmarks unterstützen. Die Stammzellen wandern zu den verletzten Bereichen des Rückenmarks und interagieren mit den Zellen vor Ort. Studien zeigen, dass selbst Jahre nach einer Verletzung Verbesserungen möglich sind. Manche Patienten haben nach der Behandlung motorische und sensorische Funktionen zurückerlangt.

