Investitionen und neue Strukturen

Insolvenzverfahren abgeschlossen: Carl Stahl in Herbrechtingen will sich komplett neu aufstellen

Innerhalb von 13 Monaten hat die Gurt- und Bandweberei Carl Stahl in Herbrechtingen ein Insolvenzverfahren durchlaufen und abgeschlossen. Der neue Chef Andreas Oppermann will das Unternehmen auf neue Beine stellen, um es zukunftssicher zu machen.

Es waren harte Monate für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Herbrechtinger Traditionsunternehmens Carl Stahl. Monate der Unsicherheit, des Bangens und der neuen Hoffnung. Das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung ist mittlerweile abgeschlossen und der Standort gesichert. Neuer Geschäftsführer in Herbrechtingen ist Andreas Oppermann. Sein Name ist in der Branche kein Unbekannter: Oppermann führte über Jahrzehnte die gleichnamige Oppermann-Gruppe, die zehn internationale Standorte hat. Vor einigen Jahren gab der heute 64-Jährige die Gruppe in die Hände seines Sohnes. Eigentlich wollte er es nun ruhiger angehen lassen. Eigentlich.

Doch dann kam die Krise bei Carl Stahl in Herbrechtingen. Und Oppermann sah die Chance, dem ins Straucheln geratenen Unternehmen wieder auf die Beine zu helfen. Über kurz oder lang soll es in die Oppermann-Gruppe integriert werden, doch momentan liegt der Fokus darauf, es komplett neu aufzustellen. Und damit sind nicht nur ein paar kleine Anpassungen gemeint.

Ein Blick in die neu etablierte Weberei von Carl Stahl. Foto: Rudi Penk

„Wir lassen hier keinen Stein auf dem anderen“, sagt Oppermann: „Wir haben schon viel investiert, sind aber noch lange nicht fertig.“ In der Bandweberei stehen nun doppelt so viele Webstühle als vorher, der Bereich der Konfektion wurde deutlich vergrößert. Das Unternehmen will seine eigene Entwicklungsabteilung aufbauen, KI wird zur Qualitätskontrolle genutzt. Das alles bringt auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Umstellungen und Veränderungen mit sich. „Das ist natürlich eine Herausforderung“, sagt Oppermann. „Aber sie sehen es nicht als Belastung, sondern als Chance.“

Betriebsratsvorsitzender: Es geht aufwärts

Das sieht auch der Betriebsratsvorsitzende Johann Lette so: „Es geht endlich aufwärts und wir sind alle froh darum.“ Seit 40 Jahren arbeitet der 59-Jährige bei Carl Stahl in Herbrechtingen, Oppermann ist der vierte Chef, den er in dieser Zeit erlebt hat. „Es hängt einiges an Herzblut an diesem Unternehmen“, sagt er.

Der Betriebsratsvorsitzende und Webermeister Johann Lette bei der Arbeit. Er ist seit vier Jahrzehnten im Unternehmen. Foto: Rudi Penk

Etwa die Hälfte derer, die im Rahmen der Insolvenz gehen mussten, haben das Angebot erhalten, zurückzukommen. Laut Lette haben das auch einige angenommen. Was das Personal anbelangt, sucht Carl Stahl nun händeringend Fachkräfte in allen Produktionsbereichen, künftig soll auch wieder ausgebildet werden.

Diese Abhängigkeit von Automotive ist tödlich.

Andreas Oppermann, Geschäftsführer von Carl Stahl

Wenn es um die Frage geht, warum das Unternehmen so in Schieflage geraten ist, nennt Oppermann zwei Hauptgründe: Zum einen habe es einen massiven Investitionsstau gegeben, der aus seiner Sicht bereits in den 1980er-Jahren seinen Anfang genommen hat. „Man hat in dieser Zeit quasi aufgehört, sich weiterzuentwickeln.“ Zum anderen habe sich die Firma zu sehr auf die Automotive-Sparte konzentriert: „80 Prozent der Produktion machten Autosicherheitsgurte aus“, sagt Oppermann. „Diese Abhängigkeit von Automotive ist tödlich.“ Früher sei das möglich gewesen, weil die Gewinnmargen deutlich besser gewesen seien. Diese Zeiten sind aber vorbei, weil sich China hier als führender Markt etabliert habe.

Geschäftsführer Andreas Oppermann. Foto: Rudi Penk

Der neue Ansatz: Das Unternehmen will sich breiter aufstellen, kein Segment soll künftig deutlich über einen Zehn-Prozent-Anteil hinausgehen. Das soll die Resilienz des Unternehmens stärken, ein Ansatz, den auch die Oppermann-Gruppe mit ihren 1000 Mitarbeitern weltweit verfolgt.

Eine Stahl-Mitarbeiterin in der Konfektion. Foto: Rudi Penk

Das alles wird Aufgabe der kommenden Monate sein. Das Insolvenzverfahren, so beschreibt es Andreas Oppermann, sei „lediglich ein Schutzschirm“. Die eigentliche Sanierung des Unternehmens beginne erst jetzt. Der neue Chef ist zuversichtlich, dass das gelingen kann. Die anfängliche Skepsis unter den Mitarbeitern sei einem Vertrauensverhältnis gewichen. „Wir haben das klare Ziel, langfristig hier zu sein, unser Know-how und unser Netzwerk einzubringen“, verspricht der Geschäftsführer.

In vielen Segmenten aktiv

Auch weiterhin wird Carl Stahl Gurte für die Automobilindustrie herstellen. Darüber hinaus sind die Produkte aus Herbrechtingen aber in vielen anderen Bereichen zu finden: im Freizeitbereich beispielsweise, im Bereich der Lkw-Ladungssicherungen oder in Schläuchen für Hebeschlingen. Die Webstühle laufen Tag und Nacht, eine der Maschinen produziert so rund 30.000 Meter Gurt pro Woche.