Weltfrauentag am 8. März

Wie es vier Ingenieurinnen bei Voith mit der Arbeit in einer Männerdomäne geht

Frauen als Ingenieurinnen sind immer noch eher selten. Wie fühlt es sich an, als Frau mit überwiegend männlichen Kollegen zu arbeiten? Vier Ingenieurinnen der Heidenheimer Firma Voith berichten:

Während in Ländern wie Norwegen, Litauen oder Dänemark der Anteil von Frauen in wissenschaftlichen und Ingenieurberufen bei über 50 Prozent liegt, sind in Deutschland nur 33,3 Prozent der Wissenschaftler und Ingenieure weiblich. Diese Zahlen erhob Eurostat 2019. Beim Maschinenbauer Voith in Heidenheim spiegelt sich dieses Bild wider: Konzernübergreifend und in allen Berufen liegt der Frauenanteil bei den Beschäftigten bei 19,4 Prozent, am Hauptsitz in Heidenheim bei 22,9 Prozent. Bei den Voith-Führungskräften liegt der Frauenanteil bei 14,3 Prozent, in Heidenheim sind 12,6 Prozent der Führungskräfte weiblich.

Das Geschlecht spielt keine Rolle

Wie fühlt es sich an, als Frau in einer Männerdomäne zu arbeiten? Vier Ingenieurinnen, die bei Voith in unterschiedlichen Bereichen tätig sind, berichten von ihrem Werdegang und ihrer Arbeit. Ingenieurinnen arbeiten überwiegend mit Männern zusammen. „Das suggeriert vielleicht, dass die Männer dominieren, aber das stimmt nicht“, sagt Eszter Schmidt-Hantos.

Wir möchten etwas erschaffen, Probleme lösen, etwas vorantreiben – unabhängig vom Geschlecht.

Eszter Schmidt-Hantos

Die gebürtige Ungarin hat in Budapest Verkehrsingenieurwesen studiert und arbeitet heute als Entwicklungsingenieurin bei Voith Turbo im Bereich Marine. Den Voith-Schneider-Propeller, einen innovativen Schiffsantrieb, bezeichnet sie als „unser Baby“, die Begeisterung für technische Entwicklung sprüht aus ihren Erzählungen heraus. Die 48-Jährige fände es zwar schön, wenn mehr Frauen als Ingenieurinnen arbeiten würden, sagt aber auch, dass es in der täglichen Arbeit keine Rolle spiele, ob Männer oder Frauen an einer Sache arbeiten: „Wir möchten etwas erschaffen, Probleme lösen, etwas vorantreiben – unabhängig vom Geschlecht.“

Sandra Hochmüller hat bei Voith zunächst eine Ausbildung als technische Zeichnerin absolviert und darüber ein Interesse an Technik entwickelt. Später studierte sie Wirtschaftsingenieurwesen in der Fachrichtung Energietechnik, heute hat die 45-Jährige eine Führungsposition bei Voith Turbo und ist Leiterin des Bereichs Service & Product Management. Sie sagt, man habe als Frau im Ingenieurberuf mehr Sichtbarkeit, da man mehr auffalle. „Das kann auch ein Vorteil sein“, so Hochmüller.
„Ich bin oft die einzige Frau in Meetings“, ergänzt Elisabeth Oxandaboure. Die 40-jährige Französin hat in Paris Papieringenieurwesen studiert und kam vor 20 Jahren zu Voith, um ihre Diplomarbeit zu schreiben. Seit zehn Jahren leitet sie ein Entwicklungsteam bei Voith Paper.

Bei Voith wird sehr großen Wert auf Engineering gelegt

Jennifer Machau

Die Jüngste in der Gesprächsrunde ist Jennifer Machau, die als Projektmanagerin bei Voith Hydro arbeitet. Die 30-Jährige kommt aus Schwäbisch Gmünd und hat 2012 als DHBW-Studentin der Fachrichtung Wirtschaftsingenieurwesen bei Voith begonnen. Sie hatte anfangs eher einen Zugang zum wirtschaftlichen Bereich ihres Studiengangs, fand aber die technische Seite interessant und wollte gerne beides miteinander verbinden. „Bei Voith wird sehr großen Wert auf Engineering gelegt. Auch wenn man es selbst nicht im Detail anwenden muss, ist es gut, es verstehen zu können“, sagt sie.

An Grenzen in einer Männerwelt stoßen die Ingenieurinnen bei Voith trotz gleicher Ausbildung dennoch manchmal: „Wenn die Kollegen Gespräche über Fußball oder PS-Zahlen führen, dann bin ich raus“, sagt Sandra Hochmüller. Manchmal sei es daher für sie schwer, Zugang zu einer Männergruppe zu finden. Trotzdem findet sie, dass netzwerken im Job sehr wichtig sei, „und das geht natürlich auch mit Männern.“ Darüber hinaus gibt es aber auch ein Frauennetzwerk bei Voith, „weil das ein Karrierefaktor ist“, so Elisabeth Oxandaboure. Jennifer Machau war bei einem firmenübergreifenden Mentorenprogramm dabei, ihr Mentor arbeitete bei Zeiss. „Das war eine gute Erfahrung“, sagt die junge Ingenieurin. Sie ist der Meinung, dass Frauen grundsätzlich viel mutiger sein dürften, was Netzwerke angehe, sei es über digitale berufliche Plattformen oder in Vereinigungen wie beispielsweise den Wirtschaftsjunioren.

Es ist weniger Management und mehr Leadership

Elisabeth Oxandaboure

Sandra Hochmüller betrachtet auch die Förderung von Nachwuchskräften als eine Art von Netzwerk-Tätigkeit: „Ich freue mich, wenn ich jemandem etwas mitgeben kann.“ Generell haben alle vier Frauen den Eindruck, dass Führung von Frauen bisweilen anders gelebt werde als von Männern: „Es ist weniger Management und mehr Leadership“, sagt Elisabeth Oxandaboure. Sie hat den Eindruck, dass Frauen eher bereit sind, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu motivieren und weiterzuentwickeln und sich leichter damit tun, auch mal Verantwortung abzugeben. Jennifer Machau, die selbst eine Chefin hat, beschreibt, dass diese „eine ganz andere Herangehensweise“ habe. „Mit Frauen zusammenzuarbeiten ist etwas Schönes“, sagt sie. Sandra Hochmüller schätzt an ihrer eigenen Führungstätigkeit, dass diese eine starke menschliche Komponente beinhalte, die den ansonsten technisch geprägten Beruf ergänzt.

Als Rollenvorbild gefragt

Zwei der Ingenieurinnen haben eigene Kinder: Bei Sandra Hochmüller kam die Tochter während des Studiums zur Welt. Als ihr Kind zwei Jahre alt war, stieg sie in Vollzeit in den Job ein. Die Tochter wurde zunächst bei einer Tagesmutter, dann in der Kita von Voith („Kindervilla“) betreut. „Das war manchmal schon hart als alleinerziehende Mutter“, erinnert sich Hochmüller. Es habe aber damals auch keine Alternative zum Berufseinstieg in Vollzeit gegeben. „Das Schöne an der Mutterrolle ist, dass man sofort komplett beansprucht wird und sich nicht zu Hause weiter mit beruflichen Fragen beschäftigt“, sagt sie.
Elisabeth Oxandaboure, die einen zweijährigen Sohn hat, kann in einem anderen Modell arbeiten: Sie teilt sich mit einer Kollegin eine Stelle. „Das ist kein Jobsplitting, bei dem man die Aufgaben aufteilt, sondern wir teilen uns eine Rolle“, erläutert sie. Es gebe beispielsweise auch nur eine E-Mail-Adresse und einen Kalender für beide Arbeitnehmerinnen. „Man muss dafür sehr ähnliche Werte teilen“, sagt sie, was bei ihr und ihrer Kollegin gut funktioniere. Dafür habe man große Vorteile, etwa wenn es um Entscheidungsfindung oder neue Ideen gehe, weil dann zwei Köpfe beteiligt seien und nicht nur einer.

Die vier Ingenieurinnen sind sich beim Blick auf ihre nähere Umgebung sicher, dass sie als Rollenvorbild für Mädchen und junge Frauen dienen. Die Stieftochter von Eszter Schmidt-Hantos ist Bauingenieurin, „und wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, weiß sie, dass ich es auch fachlich verstehe“, berichtet sie. Die Tochter von Sandra Hochmüller besucht genauso wie ihre beiden Nichten das Technische Gymnasium, und ein Studium im technischen Bereich ist für die Mädchen zumindest denkbar. „Jugendliche brauchen ein Vorbild, einen sichtbaren Weg. Dann trauen sie sich auch zu, den selbst zu gehen“, sagt die Ingenieurin.

Frauenförderung bei Voith

Bei Voith ist man sich sicher, dass die Vielfalt der Mitarbeitenden in verschiedenen Dimensionen wie Alter, Geschlecht, Nationalität, Ethnizität, Bildungs- und beruflichem Hintergrund sowie Religion, Kultur, Glaubensgrundsätzen, sexueller Orientierung, Behinderung, persönlichem und sozialem Hintergrund zum Erfolg des Unternehmens beiträgt. Da Frauen in technischen Ausbildungsberufen und Studiengängen noch immer unterrepräsentiert seien, engagiere sich das Unternehmen weltweit „mit einer Vielzahl von Maßnahmen, die das Ziel verfolgen, bei Mädchen und jungen Frauen das Interesse für technische Berufe zu steigern“, so die Pressestelle. Dazu gehöre die Beteiligung am „Girls’ Day“ und der „Girls’ Day Akademie“ ebenso wie das Engagement bei verschiedenen Initiativen des Landes Baden-Württemberg, wie beispielsweise Mentoring für Migrantinnen. Bei Voith gibt es regionale Frauennetzwerke, die Mentoringprogramme, Netzwerkveranstaltungen und Trainings anbieten. Das wird auch von außen anerkannt: So zählte Voith 2023 zum vierten Male zu Europas „Diversity Leaders“ der Financial Times.

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