Illustratorin gestaltet Kinderbücher

Weshalb Stephanie Stickel immer noch an Heidenheim hängt

Aufgewachsen ist Stephanie Stickel in Heidenheim. Heute lebt und arbeitet sie als selbstständige Illustratorin in Frankreich. Viele kennen ihre Werke.

Vor einigen Jahren hat der ADAC dem Aberglauben zuneigenden Autofahrern eine Beruhigungspille zugeworfen: Fällt der 13. des Monats auf einen Freitag, dann ereignen sich mitnichten mehr Verkehrsunfälle als an jedem anderen Tag. Glaubt man den Statistiken, die Europas größter Verkehrsclub zuvor ausgewertet hatte, so sind es bisweilen sogar deutlich weniger.

Stephanie Stickel musste keine Zahlenkolonnen analysieren, um mit einem ähnlichen Klischee aufzuräumen: „Ich bin am 13. März 1970, einem Freitag, im Heidenheimer Krankenhaus geboren – ein Datum, das mir schon früh gezeigt hat, dass vermeintlich unglückliche Tage manchmal die schönsten Überraschungen bereithalten.“ Dazu gehört rückblickend auch, dass die 55-Jährige einmal in Südfrankreich leben und dort als Illustratorin arbeiten würde.

Kein schwarzer Freitag

Jener allen Unkenrufen zum Trotz also keineswegs schwarze Freitag markiert den Beginn einer Kindheit, die sich zunächst in Schnaitheim abspielte. Stephanie, Tochter des damaligen Heidenheimer Tiefbauamtsleiters Dieter Seitz, wuchs zusammen mit ihrer älteren Schwester Carolin und ihrem jüngeren Bruder Ralph im nördlichen Vorort auf, besuchte die Hirscheckschule und wechselte anschließend aufs Schiller-Gymnasium.

Der Schritt kam einem kleinen Kulturschock gleich: „Ich war schon als Kind sehr verträumt, hatte den Kopf voller Bilder und Geschichten“, erinnert sich Stickel, „und irrte so manches Mal durch die Gänge, weil ich den richtigen Klassenraum nicht fand. Einige Stunden verbrachte ich damals auf der Treppe.“

Ich war schon als Kind sehr verträumt, hatte den Kopf voller Bilder und Geschichten.

Stephanie Stickel, Illustratorin

Weil Dieter Seitz zum Ersten Beigeordneten in Waldshut-Tiengen gewählt wurde, zog die Familie Anfang der 1980er-Jahre an den Hochrhein. Drei Jahre später die Rückkehr: Seitz war jetzt Baubürgermeister im Heidenheimer Rathaus, Stephanie Schülerin am Max-Planck-Gymnasium. Der Lernstoff vermochte sie zwar weiterhin selten zu faszinieren, „aber ich hatte inzwischen verstanden, was von mir erwartet wurde“.

Kunst war eines ihrer Lieblingsfächer. Ihre Lehrerin habe sich deshalb enttäuscht gezeigt, sagt Stephanie Stickel, als sie sich bei der Wahl der Leistungskurse überraschenderweise für Sport und Mathe entschied.

Sportliche Familie

Sport sollte sich mit Blick aufs Abitur als sichere Bank erweisen – am Ende gab’s sogar den Sportpreis der Schule. Kein Wunder angesichts des einschlägig vorbelasteten Elternhauses: Dieter Seitz trat 1960 mit der deutschen Wasserball-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Rom an, und die ganze Familie übte sich im Tennisspielen und Windsurfen. Stephanie spielte als Jugendliche unter Herbert Neumeyer Volleyball beim HSB, später wurde sie als Mitglied der Hermaringer Damenmannschaft von Ottmar Götz trainiert.

Aber Mathe? „Ich war absolut kein Käpsele und konnte nur in Wahrscheinlichkeitsrechnung auftrumpfen“, gibt sich Stephanie Stickel selbstkritisch. Sprachen hatte sie von vornherein ausgeschlossen, „weil man da so unendlich viele Vokabeln lernen musste“. Auch Französisch musste folglich daran glauben – in der festen Überzeugung, es werde nie wieder benötigt. Wie man sich doch täuschen kann …

Kinderseiten gestaltet

Nach der Penne wurden die Karten neu gemischt. Stephanie verknüpfte ihre Hobbys, studierte in Stuttgart Sport und Kunst. Den Abschluss in der Tasche, sammelte sie bei der Werbeagentur Becker in Heidenheim erste praktische Erfahrungen. Für die Kinderseiten des Gesundheitsmagazins „Xund“ der Voith und Partner BKK gestaltete sie kleine Geschichten.

Es folgte wieder eine Zäsur: Für Stephanie Stickel, ihren Mann Harald, der als Entwicklungsleiter einer BSH-Kühlschrankfabrik arbeitete, und Söhnchen Luk begann in Brasilien ein neuer Lebensabschnitt. Dort kam Tochter Jule zur Welt.

Umzug nach Südfrankreich

Nach der Rückkehr lebte die Familie in Herbrechtingen, allerdings klopfte rasch die Sehnsucht nach dem Süden an. Also packten die Stickels erneut die Koffer und schlugen ihre Zelte in dem südfranzösischen Dorf Fitou auf. „1000 Einwohner, ein Bäcker, eine Kneipe, ein Arzt, drei oder vier Restaurants für die Touristen – das war’s“, sagt Stephanie Stickel. Schnell fühlte sich alles vertraut an, „denn meine Schwester und mein Bruder lebten bereits dort“.

Mit dem räumlichen Wechsel ging die Wiederentdeckung einer Leidenschaft einher: „Ich habe meinen Kindern unzählige Geschichten vorgelesen, blätterte mit ihnen durch Kinderbücher, und es kam der Wunsch auf, selbst wieder zu zeichnen.“ Die ersten künstlerischen Gehversuche verliefen schleppend, ehe der Traum dank verstärkter Online-Bemühungen schrittweise Gestalt annahm.

Seit 2009 selbstständig

Seit 2009 arbeitet Stephanie Stickel als selbstständige Illustratorin, und viele Menschen kennen die Schöpfungen, ohne sie damit in Verbindung zu bringen. Die Palette reicht von Puzzles weltbekannter Hersteller über Schulbücher, Kalender, das Kinderportal von Hapag-Lloyd-Cruises mit „Käpt’n Knopf“ und ein Wimmelbuch der Firma Hipp mit einem Bio-Bauernhof bis zum Adventskalender des Österreichischen Roten Kreuzes.

Mittlerweile hat die 55-Jährige 200 Bücher und Hefte gestaltet, und „zu wissen, dass Hunderttausende Kinder meine Bilder anschauen, ist ein wunderschönes Gefühl“. Neue Vorhaben folgen fortlaufend: Derzeit arbeitet Stephanie Stickel an einem Buch, in dem die von Erhard Dietl geschaffenen „Olchis“ Paul Maars „Sams“ treffen.

Zu wissen, dass Hunderttausende Kinder meine Bilder anschauen, ist ein wunderschönes Gefühl.

Stephanie Stickel, Illustratorin

Neben ihren Auftragsarbeiten nimmt sich Stephanie Stickel immer wieder Zeit für Ideen, die sie ihre Herzensprojekte nennt. Eines entstand in Port-la-Nouvelle, einer kleinen Gemeinde an der französischen Mittelmeerküste, in der sie seit der Trennung von ihrem Mann lebt. „Ein kleiner Ort mit Hafen, nichts Glamouröses“, sagt sie. Aber so lebens- und liebenswert, dass es ihr gelang, den Bürgermeister von der Idee eines Wimmelbuchs zu überzeugen.

Pinsel, Feder und Tusche benötigt Stephanie Stickel nicht. Ihre Figuren und Landschaften entstehen – oft in Zusammenarbeit mit ihrer Tochter - stattdessen am Grafik-Tablet. Stiftspitzen aus Filz vermitteln ihr das Gefühl, sie zeichne wie seit jeher auf Papier. Und dem Laien ist es nahezu unmöglich zu erkennen, ob ganz klassisch mit Aquarellfarbe oder eben mit digitalem Werkzeug gearbeitet wurde.

Eigene Kompositionen

Vor einigen Jahren hat Stephanie Stickel Violet erschaffen. Eine Figur, die sich im Laufe der Zeit zu ihrem künstlerischen Alter Ego entwickelte, und die ausschließlich in digitalen Kanälen zu Hause ist – in kleinen Animationen, unterlegt mit Melodien, die Stickel am Klavier komponiert hat. „Diese stillen, poetischen Miniaturen sind mein ganz persönlicher Raum“, sagt sie, „um Kreativität und Gefühl miteinander zu verweben.“

Gleiches findet sie auch, wenn sie in der Natur unterwegs ist, beobachtet, fotografiert: „Ich bin kein sonderlich geselliger Typ, eher schüchtern und zurückgezogen, am liebsten sogar allein.“ Dennoch ist ihr der Kontakt zu ihren Eltern wichtig, die noch immer in Schnaitheim leben, und bei der wie jetzt an Weihnachten immer wieder die ganze Familie zusammenkommt: „Die Besuche in Heidenheim sind jedes Mal herzlich, und natürlich gibt es Dinge, die man in Frankreich manchmal vermisst.“

Auf Heimatbesuch: Stephanie Stickels Kunstfigur Violet beim Skifahren im winterlichen Schnaitheim. Foto/Montage: Stephanie Stickel

Heimat, sagt Stephanie Stickel, ist dort, wo die Lieben sind. Wo Spaziergänge an Bäumen, Gebäuden, Straßen und Plätzen vorbeiführen, die seit der Kindheit vertraut sind. Wo sogar der Dauernebel der Ostalb etwas Heimeliges hat. Und doch kann sie sich nicht vorstellen, nach Heidenheim zurückzukehren: „Sie werden das sicher verstehen: Ich bin in Frankreich in fünf Minuten am Strand und kann bis in den November hinein im Meer schwimmen.“