Neues Buch

Wem der Heidenheimer Gastronom Hüseyin Perktas mit seiner Lebensgeschichte Mut machen will

1979 kam der Heidenheimer Gastronom Hüseyin Perktas aus der Türkei nach Deutschland. Wie er sich hier integrierte, ist jetzt in einem kleinen Buch nachzulesen.

Post vom Staatsoberhaupt bekommt nicht jeder. Der Heidenheimer Gastronom und Unternehmer Hüseyin Perktas schon: Nachdem er Frank-Walter Steinmeier seine Lebenserinnerungen in Buchform hatte zukommen lassen, würdigte der Bundespräsident in seinem Antwortschreiben das ehrenamtliche Engagement des 71-Jährigen. Es sei „beeindruckend, wie Sie trotz schwieriger Ausgangsbedingungen nie die Hoffnung verloren haben und heute anderen Menschen Mut machen wollen“.

Die Geschichte, die sich hinter diesem Kompliment verbirgt, beginnt am 10. Mai 1955 unweit der türkisch-irakischen Grenze und ist 2026 auf der Schwäbischen Alb noch lange nicht zu Ende. Die dazwischenliegende Zeitspanne ist das Spiegelbild eines ständigen Auf und Ab, von Vorurteilen und Anerkennung, von Hoffnung und Rückschlägen, von Egoismus und Hilfsbereitschaft, von Erfolgen und Niederlagen.

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Und sie ist geprägt von einer Nachdenklichkeit, die die vom früheren HZ-Redakteur Thomas Grüninger unter dem Titel „Hinter den Wolken scheint immer die Sonne“ zu Papier gebrachte Rückschau prägt.

Perktas verbringt seine ersten Lebensjahre in Pirkanis im Südosten Anatoliens. Die Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen, die Muttersprache Kurdisch ist in der Türkei verboten. An einen Schulbesuch ist aus finanziellen Gründen nicht zu denken. Um das zu ändern, packt Hüseyin früh mit an. Als Siebenjähriger serviert er Tee in einem Café, bastelt sich einen Bauchladen und verkauft Haushaltswaren. Es ist die Geburtsstunde seines Lebensmottos: nicht klagen, sondern machen.

Von vermeintlichem Freund bestohlen

Die Schule verlässt er als Klassenbester, aber er weiß: „Hier kann ich nie etwas werden, ich muss weg.“ Er versucht sein Glück in Istanbul, erwirbt zusammen mit einem vermeintlichen Freund einen Wagen zum Verkauf von Obst und Gemüse. Der Erfolg ist von kurzer Dauer. Die Behörden ziehen das Gefährt ein, weil eine Genehmigung fehlt. Und dann macht sich der Kompagnon auch noch mit Perktas’ Wertsachen aus dem Staub.

Perktas nimmt einen neuen Anlauf. Er lässt sich zum Hotelfachmann ausbilden, geht – zunächst ohne Frau und Kind – 1979 nach Deutschland, „denn die Urlauber von dort waren immer wie Engel für mich, herzlich und freundlich“. An seiner ersten Station, einem Hotel in Hessen, dann der Realitätsschock: Er sieht sich mit Bösartigkeiten konfrontiert. Der Frust ist groß. Dass Deutschland dennoch zu seiner zweiten Heimat werden soll, verdankt er Imre Kerti, dem er Jahre zuvor bei einem Besuch in der Türkei zur Seite stand.

Bei den Gästen beliebt: Hüseyin Perktas als Kellner im „Hennenest“. Foto: privat

Kerti holt ihn nach Heidenheim, hilft ihm im Bürokratiedschungel, verschafft ihm einen Job bei Zoeppritex. Perktas aber zieht es zurück in „seine“ Branche: das Hotel- und Gaststättengewerbe. Er arbeitet im „Lamm“ in Mergelstetten, anschließend im „Hennenest“ auf dem Heidenheimer Schlossberg. Später pachtet er die Konzerthaus-Gaststätte.

Umtriebig und stets bereit, sich auf Neues einzulassen, bereichert Perktas 1986 der zunächst ablehnenden Haltung des Veranstalters zum Trotz das Heidenheimer Volksfest um eine noch weitgehend unbekannte Speise: Döner Kebab. Unterm Strich springt zwar kein Erlös heraus, „aber ich hatte den Kampf gegen die Vorbehalte gewonnen“.

Gemeinsames Essen am Heiligen Abend

Es ist ein Erfolg seiner Überzeugung, dass sich Vorurteile gegenüber anderen Kulturen und Religionen nur abbauen lassen, wenn man den Mut hat, aufeinander zuzugehen. Aus diesem Grund lädt er seit vielen Jahren am Heiligen Abend Menschen ungeachtet ihrer Herkunft und ihres Glaubens zu einem gemeinsamen Essen ein. Beim Festival „Zwischen Bosporus und Brenz“ bringt er unterschiedliche Lebensstile zusammen. Während der Corona-Pandemie überrascht er die Bediensteten des Klinikums mit Döner. Und, und, und.

Die Kreissparkasse und die Hanns-Voith-Stiftung zeichnen Perktas, der neben der türkischen auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, 2018 für sein großes Engagement mit dem Bürgerpreis aus. Ein Jahr danach wurde er beim städtischen Bürgerempfang für sein ehrenamtliches Wirken geehrt.

Neubeginn nach geschäftlicher Bruchlandung

Unerwähnt bleibt dabei, dass bei aller Großherzigkeit Rückschläge nicht ausbleiben. Ein von ihm gegründeter Fleischgroßhandel endet in einem finanziellen Desaster, weil zwei Großkunden ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen. Folge: Bald ist das gesamte Vermögen aufgezehrt, und Perktas muss 2010 wieder von vorn anfangen. Es gelingt ihm, und er führt bis 2020 eine Firma für Backwaren, ehe er sie verkauft und nun Zeit für seine Frau, die drei Kinder und die fünf Enkel hat.

Für andere da zu sein, ohne eine Gegenleistung zu verlangen, ihnen jetzt mit seinem Buch Mut zu machen, niemals zu verzagen, ist seine Art, sich für die Möglichkeiten zu bedanken, die ihm in Deutschland eröffnet wurden: „Die Schwachen der Gesellschaft liegen mir besonders am Herzen, weil ich auch selbst immer wieder zu ihnen gehörte.“

Hüseyin Perktas‘ Erinnerungen „Hinter den Wolken scheint immer die Sonne“ sind im Pressehaus Heidenheim erhältlich. Der Verkaufserlös kommt verschiedenen gemeinnützigen Vereinen zugute.