„Liebeslieder“

Von Liebesrausch bis Herzschmerz: Jubiläumskonzert des Jungen Kammerchors Ostwürttemberg im Konzerthaus Heidenheim

Unter dem Titel Liebeslieder konzertierte der Junge Kammerchor Ostwürttemberg gemeinsam mit dem Klavierduo Stenzl am Sonntagabend im Konzerthaus Heidenheim.

Leidenschaft und Sehnsucht, Verlangen und Enttäuschung, Eifersucht, Verzückung, Schmerz und Ekstase. Die Liebe in all ihren Facetten, mit allen Emotionen, mit allen Höhen und Tiefen. Kaum ein anderes Thema wird in der Lyrik derart häufig bedient. Obendrein in Musik gebettet, entfachen die gefühlsbetonten Texte noch weitaus mehr Emotionen, was das Publikum des Jungen Kammerchors Ostwürttemberg (JKO) zweifelsfrei bestätigen würde.

Denn genau dies bewies der A-cappella-Projektchor der Landkreise Heidenheim und Ostalbkreis, der unter dem verführerischen Titel „Liebeslieder“ mit dem Klavierduo Stenzl am Sonntag im Konzerthaus anbändelte. Und damit gab es nicht nur zwei hochkarätige Ensembles zu bestaunen, sondern auch gleich zwei Bühnenjubiläen zu würdigen: 20 Jahre JKO und 40 Jahre Klavierduo Stenzl.

Zwei recht unterschiedliche Dirigate

Zunächst wie gewohnt a cappella interpretierten die jungen Sängerinnen und Sänger des JKO Werke aus verschiedenen Epochen des 16. bis 21. Jahrhunderts, unter anderem von Francis Poulenc oder Camille Saint-Saёns. Unter den recht unterschiedlichen Dirigaten der beiden musikalischen Leiter Maddalena Ernst und Thomas Baur konnten die 20 Männer- und 26 Frauenstimmen jeweils das in Dichtung und Komposition gezeichnete Stimmungsbild eingängig und berührend ausdrücken: verträumte Schwärmereien in lieblich-leisen Motiven gestaltete der JKO ebenso einfühlsam wie das Herzklopfen bei einem Schäferstündchen im Heu.

Glühende Liebesstürme in kraftvoll strotzenden und blitzsauber intonierten Tuttipassagen, schmalzige Liebesschwüre, aber auch ergreifend anschwellende Gefühle des Verlustes, malte der Chor auf die „Leinwand der Stille“ (Zitat Leopold Strokowski) und überzeugte dabei sowohl mit Ausgewogenheit im vierstimmigen Satz als auch mit herausragenden solistischen Leistungen.

Zum Verständnis der klangmalerischen Darstellung trug, ergänzend zum musikalischen Ausdruck, die ausgesprochen gelungene Moderation von Christian Glass bei, der es verstand, das Gleichgewicht zwischen fachlichem Background, humorvollen Details und persönlicher Note perfekt auszutarieren.

Wie gewohnt a cappella, interpretierten die jungen Sängerinnen und Sänger des JKO Werke aus verschiedenen Epochen des 16. bis 21. Jahrhunderts.
Wie gewohnt a cappella, interpretierten die jungen Sängerinnen und Sänger des JKO Werke aus verschiedenen Epochen des 16. bis 21. Jahrhunderts. Foto: Rudi Penk

Neben der romantischen, zwischenmenschlichen Liebe und der Liebe zur Natur, wagte sich mit dem Klavierduo Stenzel noch eine weitere Liebesbetrachtung aus der Deckung, nämlich der liebevolle Blick auf bereiste Länder und deren Eigenheiten in Moritz Moszkowskis musikalischer Weltreise in op. 23, „Aus aller Herren Länder“.

Wer die beiden Mittsechziger bei ihrem gemeinsamen Spiel am schwarz-satinierten Steinwayflügel beobachtete, erkannte darüber hinaus die enge Verbundenheit der ergrauten Brüder, die spitzbübisch grinsend über italienische Leidenschaft, rassige Spanier, ein geordnetes Deutschland oder Ungarns schmissige Tänze musikalisch plauderten.

Dabei sprühten sie auch nach nunmehr 40 Jahren, in denen sie Schulter an Schulter von Sankt Petersburg bis New York City gastierten, vor Spielfreude, und präsentierten technische Brillanz ebenso eindrücklich wie die vollendete Synchronie in Dynamik, Ausdruck und im Wechsel der Tempi. Doch nicht nur als vierhändiger Solist, sondern auch als instrumentale Begleitung des JKO in Brahms’ Liebesliederwalzer (op. 52), offenbarte das Duo am Flügel seine große Liebe zur Musik, die es mit den jungen Vokalisten des Kammerchors ganz offensichtlich teilt.

Bedrohliche Vonsinnenhaftigkeit

Die gemeinsam interpretierte und auf den vergnüglichen Texten aus Georg Friedrich Daumers Polydora Bd. 2 basierende Komposition beflügelte beide Ensembles zu einem herausragenden Höhepunkt des Jubiläumskonzertes. Interessante Wechselspiele zwischen Sopran-Alt und Tenor-Bass waren ebenso präzise abgesetzt wie die Stimmungswechsel, die von lieblicher Eleganz bis zur bedrohlichen Vonsinnenhaftigkeit reichten. Eine bemerkenswert deutliche Artikulation der oft vielsilbigen Texte in hohem Tempo unterstrich ein weiteres Mal die Erstklassigkeit der jungen Sängerinnen und Sänger, die mit freudig-verklärtem Blick dem stellenweise schon tänzerischen Dirigat ihrer beiden musikalischen Leiter folgten.

Mehr als verdient also die stehenden Ovationen des Publikums, unter denen sich zum Jubiläum auch einige „Geburtshelfer“ des JKO sowie auch die langjährige Gönnerin des Ensembles, Gabriele Rogowski, befanden.

Zum Vormerken: Sommerprojekt des JKO

Das Sommerprojekt des Jungen Kammerchors Ostwürttemberg wird dieses Jahr an drei Orten aufgeführt: am 18. September im Heilig-Kreuz-Münster in Schwäbisch Gmünd, am 19. September in der Pauluskirche in Heidenheim und am 20. September in der evangelischen Stadtkirche in Ellwangen.