Es könnte sein, dass der Bedarf an Theremin-Unterricht in Heidenheim sprunghaft ansteigen wird. Der Grund dafür wäre dann im Neujahrskonzert im Festspielhaus zu suchen, das den schönen Titel „Verrücktes zu Neujahr“ trug und auch ein verrücktes Programm mit den Stuttgarter Philharmonikern unter der Leitung von Andrey Boreyko lieferte.
Nun greift man an Neujahr gerne zu Strauß, und der war auch zuhauf im Programm vertreten: Die Ouvertüre zur „Fledermaus“ eröffnete den Abend, die Tritsch-Tratsch-Polka begleitete in die Pause, die immer noch sehr schöne und sehr blaue und so majestätisch dahinströmende Donau beschloss den Abend. Und mit diesem Best-of-Strauß noch nicht genug: Hinzu kam der elegante Walzer „Künstlerleben“, die schmissige Polka „Vergnügungszug“, ihre noch schmissigere Kollegin „Unter Donner und Blitz“ und die „Newa-Polka“. Und das war spritzig, belebend, erfrischend, und Strauß ließ auch dieses Mal nichts am prickelnden Vergnügen vermissen, zumal mit solcher Verve und Wucht interpretiert.
Beeindrucken, beglücken und beflügeln
Für ein Neujahrskonzert wäre schon das allein ein gelungenes Programm. „Verrückt“ wurde das Konzert freilich durch Beigaben, die weder an Neujahr noch an sonstigen klassischen Konzerten zu erwarten sind: Stepptanz, Alphorn, Kuhlohorn und eben Theremin. Und während die ersten beiden noch klar sind, bei den beiden letztgenannten Instrumenten schon eher gerätselt werden kann, so stellt sich doch damit vor allem die Frage: Was machen diese vier beim Neujahrskonzert?
Ganz einfach: Sie bereichern. Sie beeindrucken. Sie beglücken. Sie beflügeln. Als exotisches Soloinstrument im Zusammenspiel mit den Stuttgarter Philharmonikern. Und dabei für viele die erste Begegnung mit dem Theremin, dem Carolina Eyck so hinreißende Weisen entlockte, nicht ohne zuvor noch Instrument und Spielweise zu erläutern. Und letztere ist wirklich erstaunlich: Ganz ohne jede Berührung wird das Instrument allein durch die Leitfähigkeit des Körpers zum Klingen gebracht, indem Hände und Finger um die Antennen des Instruments bewegt werden, um Tonhöhe und Klang zu beeinflussen. Das sieht, so souverän ausgeführt, geradezu magisch aus und trügerisch leicht, ist aber äußerst herausfordernd.
Unwiderstehlicher Sog
Damit gehört es zu den schwierigsten zu spielenden Instrumenten, auch wenn die Zauberhände von Carolina Eyck einen gänzlich anderen Eindruck lieferten. Vor allem lieferten sie singstimmengleiche Töne, tief und warm und wie aus einer anderen Welt, von denen ein unwiderstehlicher Sog ausging. Gerade Eycks Komposition „Remembrance“ wirkte geradezu sphärisch, und die Filmmusik „Spellbound“ zu Hitchcocks „Ich kämpfe um Dich“ spannungsgeladen und im Liebesthema hochemotional. Carolina Eyck sollte unbedingt wiederkommen. Von diesem Instrument würde man gerne mehr hören, abgesehen davon, dass es große Lust darauf machte, das selbst einmal auszuprobieren.
Das gilt durchaus auch für das Alphorn und das – noch so etwas weniger Bekanntes – Kuhlohorn. Ersteres steht in dem Ruf, sich nur ganz schwer Töne entlocken zu lassen, was man kaum glauben mag, wenn Arkady Shilkloper damit zu Werke geht: Scheinbar einfach lieferte er bei „Breathing space“ mit dem Alphorn Weite, Tiefe und Raum zum Innehalten, nicht ohne Jodler vermissen zu lassen. Mit dem Kuhlohorn – einem speziellen Flügelhorn benannt nach Entwickler Johannes Kuhlo – trieb er gar bei „Phiga“ das gesamte Orchester an, das seinen Klang wie eine musikalische Girlande um das hohe Tempo des Kuhlohorns schmiegte. Beide Stücke stammen aus der Feder von Shilkloper selbst, und auch daran kann man sich kaum satthören.
Leichtigkeit und Humor
Satt zu hören gibt es generell auch beim Stepptanz, wenngleich er in erster Linie ja mit einem visuellen Vergnügen in Verbindung gebracht wird. Bei dem Stück „Tap Dance Concerto“ von Morton Gould werden die einzelnen Tanzschritte und ihre typischen Geräusche in die Komposition eingebunden, und Tänzerin Kira von Kayser setzte das in beeindruckender Präzision um, und zwar so, dass das Publikum zum akustischen Genuss auch den optischen bekam.
Tja, und dann gab es auch noch Radetzky-Marsch. Wieder Strauß, dieses Mal Vater Strauß mit seinem größten Hit, und für ein Neujahrskonzert im Grunde ganz und gar normal. Nicht so an diesem Abend: Die Stuttgarter Philharmoniker in Bestform, wobei es auch immer wieder Laune machte, Andrey Boreyko bei seinen humorvollen Gesten im souveränen Dirigat zuzusehen, und dazu steuerten Carolina Eyck, Kira von Kayser und Arkady Shilkloper ihr Können in ihren jeweiligen Fachgebieten bei. Da steppt der alte Feldmarschall zu Kuhlohorn- und Theremienklängen – so hat man den Marsch noch nie gehört.
Klassische Musik als Lösungsansatz
Das gemeinsame Erleben klassischer Musik synchronisiere Herzschlag, Atemfrequenz und die Leitfähigkeit der Haut der Zuhörer, zitierte Bürgermeisterin Simone Maiwald in ihrem Grußwort wissenschaftliche Erkenntnisse: Vielleicht liege darin ein Lösungsansatz bei Auseinandersetzungen im Kleinen wie im Großen. Ihrem Rückblick auf das vergangene Jahr der Opernfestspiele mit allen Auszeichnungen und Erfolgen schloss sie den Wunsch nach „engagierter, mutiger und kluger Politik auf allen Ebenen“ an, die „Demokratie und Freiheit“ sichert.

