Der Sozialverband VdK ist mit mehr als 4500 Mitgliedern eine feste Größe im Landkreis Heidenheim. Doch hinter der stabilen Mitgliederzahl verbirgt sich eine wachsende soziale Not. Immer mehr Menschen wenden sich an den Verband, weil sie sich im Dickicht des Sozialrechts nicht mehr zurechtfinden oder die Kosten für Alter und Pflege nicht mehr stemmen können. Ein Gespräch mit der Führungsspitze des Kreisverbands über Probleme, die längst mitten im Landkreis angekommen sind.
Herr Klook, der VdK gilt als „Anwalt der kleinen Leute“. Mit welchen Anliegen kommen die Menschen konkret zu Ihnen?
Klook: Meist kommen die Menschen nach einer bitteren Enttäuschung. Sie haben jahrzehntelang gearbeitet, Beiträge gezahlt – und wenn sie krank werden oder Hilfe benötigen, erhalten sie einen Ablehnungsbescheid. Das kann die Rentenversicherung sein, die Pflege- oder Krankenkasse, Agentur für Arbeit oder das Landratsamt. Viele fühlen sich alleingelassen und ohnmächtig. Wir sind die Anlaufstelle, wenn es um Sozialrecht geht. Seit einem halben Jahr haben wir mit Sabine Dernai wieder eine eigene Rechtsreferentin für Heidenheim und Schwäbisch Gmünd. Sie prüft Bescheide, legt Widersprüche ein und geht, wenn nötig, bis vor das Sozialgericht.
Wie erfolgreich ist diese Arbeit?
Klook: Allein im vorletzten Jahr haben wir im Landkreis rund 160 Klageverfahren abgeschlossen. Die Erfolgsquote liegt im Landesdurchschnitt bei etwa 40 Prozent. Das bedeutet: In fast jedem zweiten Fall war der ursprüngliche Bescheid nicht korrekt. Insgesamt haben wir so rund 270.000 Euro für unsere Mitglieder erstritten – Geld, das ihnen zusteht, etwa für Reha-Maßnahmen oder Erwerbsminderungsrenten. Es geht auch um Klagen ohne finanziellen Streitwert, wie die Anerkennung einer Schwerbehinderung.
Frau Schiele-Baun, der VdK lebt nicht nur von juristischer Arbeit, sondern auch vom Ehrenamt. Was erleben Sie bei Ihrer Arbeit vor Ort?
Angelika Schiele-Baun: Im Landkreis gibt es 22 aktive Ortsverbände. Rund 25 Frauen leisten dort ehrenamtliche Arbeit und haben im vergangenen Jahr etwa 500 Besuche gemacht – bei kranken Mitgliedern oder zu hohen Geburtstagen. Diese Gespräche zeigen, wie groß die Unsicherheit ist. Viele wissen nicht, was ein Pflegestützpunkt ist oder dass sie Anspruch auf Beratung haben. Pflege wird oft so lange verdrängt, bis die Situation zu Hause eskaliert. Dann kommen Fragen wie: „Wo bekomme ich Hilfe?“ oder „Wer unterstützt mich beim Antrag?“ In solchen Momenten schlagen wir die Brücke zur professionellen Beratung.

Warum meldet sich der VdK derzeit so deutlich zu Wort?
Klook: Weil sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen massiv verändern. Die Menschen werden immer älter – auch im Landkreis Heidenheim. Gleichzeitig sind Politik und Gesellschaft auf diese Entwicklung nicht ausreichend vorbereitet. Die Sorgen älterer Menschen kommen öffentlich kaum vor, abgesehen von der Rentendiskussion. Wir sehen es als unsere Aufgabe, auf diese Schieflagen hinzuweisen.
Wenn wir unsere Städte und Dörfer nicht konsequent barrierefrei umbauen, schließen wir einen großen Teil der Bevölkerung vom öffentlichen Leben aus.
Wolfgang Klook, VdK-Kreisvorsitzender
Wie stark wird sich die Alterung der Gesellschaft hier vor Ort auswirken?
Klook: Sehr deutlich. Im Jahr 2040 werden im Landkreis voraussichtlich mehr als 11.600 Menschen älter als 80 Jahre sein, heute sind es rund 9500. Jeder zwölfte Einwohner gehört dann zur Gruppe der Hochbetagten. Gleichzeitig erleben wir schon heute, dass Menschen an zwei oder drei Stufen vor Arztpraxen oder Geschäften scheitern. Wenn wir unsere Städte und Dörfer nicht konsequent barrierefrei umbauen, schließen wir einen großen Teil der Bevölkerung vom öffentlichen Leben aus.
Neben der Barrierefreiheit ist auch die Mobilität ein großes Thema.
Klook: Gerade im ländlichen Raum. Wer das Auto aufgeben muss, ist schnell isoliert. Wie soll man zum Facharzt kommen oder den Partner im Pflegeheim besuchen? Der klassische öffentliche Nahverkehr ist oft auf Schüler ausgerichtet.
Schiele-Baun: In Neresheim gibt es zum Beispiel einen Stadtbus, der fährt regelmäßig, ist bezahlbar und bringt die Menschen direkt zum Einkaufen oder zum Arzt. Für ältere Menschen bedeutet das ein großes Stück Selbstständigkeit. Solche Angebote zeigen, dass funktionierende Lösungen möglich sind.
Klook: Im Landkreis Heidenheim gibt es mit dem ÖPNV-Taxi ein Pilotprojekt in Giengen und Dischingen. Das ist ein wichtiger Schritt, um Lücken im klassischen Nahverkehr zu schließen. Aber klar ist auch: Solche Modelle brauchen eine verlässliche Finanzierung. Daseinsvorsorge darf nicht davon abhängen, wie leistungsfähig einzelne Kommunen sind. Hier stehen Land und Bund in der Verantwortung.
Kommen wir zur Pflege. Die Kosten in den Heimen steigen weiter, wie wir auch vor Ort an Beispielen sehen.
Klook: Pflege ist teuer. Der Eigenanteil für einen Heimplatz liegt inzwischen bei rund 3400 Euro im Monat – und ist damit fast doppelt so hoch wie eine durchschnittliche Nettorente nach 45 Beitragsjahren. Allein rund 360 Euro davon sind Investitionskosten, die auf die Bewohner umgelegt werden. Die Folge ist klar: Ersparnisse werden aufgebraucht, am Ende bleibt oft nur der Gang zum Sozialamt.
Wie viele Menschen betrifft das bereits?
Klook: Nach Angaben des Sozialdezernenten im Landkreis ist bereits rund ein Drittel der Heimbewohner im Landkreis auf Hilfe zur Pflege angewiesen – Tendenz steigend. Wir halten das für ungerecht. Wer ins Krankenhaus geht, zahlt schließlich auch nicht für das Bett oder die Ausbildung des Personals. Im Pflegeheim müssen Bewohner aber sogar Ausbildungskosten mittragen.
Sie kritisieren, dass Heimbewohner für Kosten aufkommen müssen, die im Krankenhaus der Staat trägt.
Klook: Genau. Wer würde auf die Idee kommen, einem Patienten im Krankenhaus die Wohnkosten oder Investitionskosten in Rechnung zu stellen? Bei der Pflege wird das aber gemacht. Auch die Ausbildungskosten von bis zu 134 Euro pro Monat zahlen die Bewohner. Wir fordern seit Jahren, dass das Land wieder in die Investitionskostenförderung einsteigt. Wir haben sogar Unterschriften gesammelt und dem Sozialminister übergeben, aber passiert ist bisher nichts.
Die meisten Menschen wollen nicht ins Heim, sondern so lange wie möglich daheim leben.
Klook: Zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt. Diese Pflege leisten überwiegend Angehörige, überwiegend Frauen. Sie stemmen im Schnitt 49 Stunden Pflege pro Woche, oft zusätzlich zum Beruf. 80 Prozent von ihnen sagen, dass sie sich um ihre eigene Gesundheit sorgen. Wenn diese Menschen morgen sagen würden: „Wir können nicht mehr“, würde das System kollabieren.
Wer seine Arbeitszeit reduziert, um Angehörige zu pflegen, darf nicht in die Altersarmut rutschen.
Wolfgang Klook, VdK-Kreisvorsitzender
Was fordert der VdK, um pflegende Angehörige zu entlasten?
Klook: Wir benötigen große, mutige Schritte. Erstens einen Pflegelohn oder eine Lohnersatzleistung, vergleichbar mit dem Elterngeld. Wer seine Arbeitszeit reduziert, um Angehörige zu pflegen, darf nicht in die Altersarmut rutschen. Zweitens brauchen wir flächendeckend Tagespflegeangebote. Im Landkreis gibt es aktuell 16 Einrichtungen mit rund 190 Plätzen – das reicht für die Zukunft nicht. Und drittens müssen Kurzzeitpflegeplätze zuverlässig verfügbar sein, damit Angehörige auch einmal entlastet werden. Aktuell haben wir 33 Pflegeheime mit insgesamt 120 Kurzzeitpflegeplätzen.
Die Menschen haben ihr Leben lang hart gearbeitet und Beiträge gezahlt – sie verdienen eine Versorgung, die sie nicht zum Bittsteller beim Sozialamt macht.
Wolfgang Klook, VdK-Kreisvorsitzender
Und die langfristige Lösung?
Klook: Wir brauchen eine solidarisch finanzierte Pflegevollversicherung, in die alle einzahlen – auch Beamte, Selbstständige und Privatversicherte. Außerdem müssen Bund und Länder aufhören, die Sozialkassen für gesamtgesellschaftliche Aufgaben zu belasten. In der Corona-Pandemie wurden zum Beispiel Milliarden aus der Pflegeversicherung entnommen, die eigentlich aus Steuermitteln hätten kommen müssen. Diese Praxis, die Sozialversicherungen zur Querfinanzierung des Staates zu nutzen, muss ein Ende haben. Die Menschen haben ihr Leben lang hart gearbeitet und Beiträge gezahlt – sie verdienen eine Versorgung, die sie nicht zum Bittsteller beim Sozialamt macht.
Sie belassen es nicht beim Appell, sondern suchen den direkten Draht zur Politik. Wie verliefen die Gespräche mit den hiesigen Abgeordneten?
Klook: Wir sind sehr gezielt an die Politik herangetreten, um die Interessen der älteren Menschen zu vertreten. Wir haben das Gespräch mit dem Bundestagsabgeordneten Roderich Kiesewetter (CDU) sowie den Landtagsabgeordneten Clara Resch (Grüne) und Andreas Stoch (SPD) gesucht. Mir war es wichtig, ihnen – genau wie heute in diesem Interview – klar aufzuzeigen, worin für die Menschen vor Ort die drängendsten Probleme bestehen. Wir kennen diese Nöte aus unserer täglichen Rechtsberatung und den vielen Gesprächen in den 22 Ortsverbänden. Es ist entscheidend, dass die Abgeordneten wissen, wie die Situation an der Basis tatsächlich aussieht.
Wie war die Reaktion der Politik? Gab es konkrete Zusagen?
Klook: Ich muss sagen, alle drei haben die Themen sehr interessiert aufgenommen. Man darf nicht vergessen: Unsere Politiker sind überwiegend Generalisten und keine spezialisierten Fachpolitiker für Sozialfragen. Gerade die Sozialpolitik ist aber ein komplexes Feld mit vielen Winkelzügen. Die Abgeordneten haben zugesagt, unsere Anregungen und Forderungen in ihre jeweiligen Fraktionen mitzunehmen und dort in die Facharbeit einzubringen. Ein direkter Widerspruch kam nicht; die Notwendigkeit, hier tätig zu werden, wurde durchaus gesehen. Für uns ist das ein erster wichtiger Schritt, aber wir werden natürlich genau beobachten, ob diesen Gesprächen auch Taten folgen.

