Anzahl der Interessenten entscheidend

Turbo-Abi: Zwei Heidenheimer Gymnasien wollen einen G8-Zug anbieten

Seit diesem Schuljahr geht es in Baden-Württemberg wieder in neun Jahren zum Abitur. Zwei Heidenheimer Gymnasien möchten parallel einen G8-Zug einrichten. Die Anzahl der Interessenten ist entscheidend.

Es wurde viel diskutiert und unter Eltern und Fachleuten war es nicht selten umstritten: Seit diesem Schuljahr ist das sogenannte Turbo-Abi passé. Nun geht es wieder in neun Jahren zum Abitur – wie bereits vor der G8-Reform, mit der man aufgrund einer kürzeren Gymnasialzeit primär dem internationalen Wettbewerb genügen und Schüler schneller in den Arbeitsmarkt bringen wollte.

Zu viel Druck, zu wenig Lern- und Übungszeit: Die Kritik an G8 war groß. Die öffentliche Haltung scheint eindeutig, doch offenbar gibt es auch gute Gründe für G8 – zumindest zeigt das die Initiative zweier Heidenheimer Gymnasien, die jetzt zum zweiten Mal versuchen, einen parallel laufenden G8-Zug an ihrer Schule einzurichten. Das Schulgesetz lässt dies zu, es muss lediglich beantragt werden. Jedoch: Der Zug kommt nur zustande, wenn mindestens 27 Schüler zusammenkommen.

G8 könne für manche Schüler eine gute Option sein

So möchte das Schiller-Gymnasium seinen Schülern ermöglichen, auch in acht Jahren zum Abitur zu gelangen. Markus Ungar, stellvertretender Schulleiter des SG, sagt: „Man konnte sich für die Weiterführung eines G8-Zuges bewerben, und das haben wir gemacht.“ Er weiß: „Nicht alle Schüler haben unter G8 gelitten oder waren überfordert. Es gibt auch Schüler, die am Gymnasium durchspazieren, und für diejenigen könnte ein G8-Zug eine gute Lösung sein.“ Ungar schätzt, dass etwa ein Drittel der Schüler in G8 gut aufgehoben wäre. „Das ist jetzt Theorie. Ob Eltern das so entscheiden, ist natürlich eine andere Sache.“

Das SG hatte diese Option auch vergangenes Jahr angeboten, also direkt mit der Umstellung auf G9. Ein G8-Zug kam aber aufgrund zu weniger Interessenten nicht zustande. „Wir wollten das aber dennoch auch dieses Jahr anbieten. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich die Stimmung unter den Eltern nach anfänglicher Zurückhaltung mit den Jahren ändert“, sagt Markus Ungar.

G8 sei am SG gut integrierbar: „Wir haben durch das 7-Stunden-Modell auch in G8 in den unteren Klassen keinen Nachmittagsunterricht. Somit hat auch ein G8-Schüler bei uns keinen Nachmittagsnachteil“, sagt Ungar.

Das HG war schon vor G8-Einführung Versuchsschule

Und auch das Hellenstein-Gymnasium möchte es seinen Schülern ermöglichen, schneller zum Abitur zu gelangen. Wie HG-Schulleiter Holger Nagel sagt, habe das Regierungspräsidium seiner Schule auch dieses Jahr genehmigt, G8 auszuschreiben. Das stehe jedem Gymnasium frei und sei auch relativ einfach.

Am Hellenstein-Gymnasium ist man erprobt mit dem parallel laufenden Turbo-Abi, denn bereits vor der G8-Einführung war das HG von 1998 bis 2012 eine sogenannte G8-Modells­chule mit entsprechendem Turbo-Zug. Holger Nagel sagt: „Wir haben die Expertise, beide Modelle parallel anzubieten. Wir haben quasi alles in der Schublade.“ Nicht zuletzt deshalb hat die Schule großes Interesse daran, wieder einen G8-Zug einzurichten. Holger Nagel: „Die Erfahrungen damals waren gut. Es wäre schön, wenn das wieder klappen würde.“

G8 als Differenzierungsmöglichkeit am Gymnasium?

Nagel sieht die zusätzliche G8-Schiene als „gute zusätzliche Option und Differenzierungsmöglichkeit am Gymnasium“. Man müsse sehen: Ein Großteil der Schüler habe in G8 nicht dauerhaft unter Stress gelitten. Er sagt: „Es gibt sehr viele Schüler, die sehr leistungsorientiert sind und ihr Abitur im internationalen Standard erreichen wollen.“ Nagel stellt auch Überlegungen zur gesellschaftlichen Entwicklung an und sieht eine große Divergenz zwischen dem G9-Halbtagsgymnasium einerseits und der Ganztagsentwicklung andererseits – „die gesellschaftliche Antwort darauf wird man abwarten müssen“.

Das HG hatte auch im vergangenen Jahr versucht, einen G8-Zug anzubieten. Interessenten waren da, die erforderliche Schülerzahl wurde aber letztlich nicht erreicht. Da nun wieder zwei Schulen um eine kritische Masse kämpfen, zeigt sich Nagel realistisch: „Das wird eher eng, jede Schule müsste die geforderte Schülerzahl für sich schaffen“, sagt er. Er würde sich auch für eine Kooperation starkmachen, im vergangenen Schuljahr wurde dies jedoch abgewiesen.

Im März können die neuen Fünftklässler angemeldet werden

Ob die Turbo-Züge am HG und SG zustande kommen, zeigt sich, wenn alle Anmeldungen für die neuen Fünftklässler erfolgt sind. Diese sind auf März terminiert. G8-Interessenten können bei der Anmeldung ein entsprechendes Kreuzchen setzen. Kommt der Zug nicht zustande, werden die angemeldeten Schüler automatisch in G9 aufgenommen. Im vergangenen Schuljahr hatte in ganz Baden-Württemberg nur eine Stuttgarter Schule die nötige Anzahl erreicht und den G8-Zug genehmigt bekommen.