Quereinsteigerin aus Leidenschaft: Stefanie Renner-Tausend übernimmt das „Zemski’s“ in Heidenheim
Salbeigrün und ein Hauch Lila: Im Heidenheimer „Zemski’s“ verweisen neue Farben, Lampen und Bilder auf den bevorstehenden Neuanfang. Am 1. September eröffnet das Lokal unter der Leitung von Stefanie Renner-Tausend wieder. Vieles bleibt wie gehabt, und dennoch erkennt man schon jetzt eine neue Handschrift. Gleich nebenan im gleichen Haus soll kurz darauf auch noch das Café Fräulein Zemski folgen.
Die 58-jährige pharmazeutisch-technische Assistentin kommt wie einst Sybille Kessler vor 37 Jahren als Quereinsteigerin in die Gastronomie. Renner-Tausend ist in Herbrechtingen aufgewachsen. Nach der Schule besuchte sie eine Freundin in Freiburg und war von der Stadt mit dem Studentenleben so angetan, dass sie blieb und dort einige Jahre lebte. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat arbeitete sie zunächst in einer Apotheke in Giengen und beschäftigte sich intensiver mit Diabetesberatung und Ernährungsfragen. Daraus entstand der Schritt in die Selbstständigkeit: 2015 eröffnete sie die Praxis „Slim to go“ für gesundes Abnehmen.
Ein Schicksalsschlag verändert alles
Dann kam ein Einschnitt, der ihr Leben grundlegend veränderte: Ihr Ehemann erkrankte schwer und starb im August 2024. Renner-Tausend fuhr ihre eigene Selbstständigkeit zurück, um sich um ihn zu kümmern.
Nach seinem Tod stellte sie sich die Frage, was sie mit ihrem eigenen Leben anfangen möchte. Ein eigenes Café war schon lange ihr Wunsch. Sie verkaufte ihr Haus in Heidenheim und beschloss, nicht länger auf irgendwann zu warten. „Das war für mich der Grund, wo ich gesagt habe: Ich mache jetzt nur noch das, was ich möchte.“
Ich habe von allen gehört: Bist du wahnsinnig in deinem Alter?
Stefanie Renner-Tausend, neue „Zemski´s“-Betreiberin
Dass sie mit 58 noch einmal etwas völlig Neues beginnt, sorgte in ihrem Umfeld durchaus für Zweifel. „Ich habe von allen gehört: Bist du wahnsinnig, in deinem Alter? Was willst du?“ Sie selbst sieht das anders: „Das ist komplett was Neues, auf das ich richtig Lust habe.“ Später lernte sie ihren Lebensgefährten Stefan kennen, der sie in ihrer Idee ermutigte und aufgrund seines beruflichen Hintergrunds auch in kaufmännischen Fragen unterstützt.

Über ihren Vermieter, bei dem sie sich zunächst wegen eines freien Eckladens an der Hauptstraße erkundigt hatte, kam schließlich der Kontakt zum benachbarten „Zemski’s“ zustande. Eigentlich wollte Renner-Tausend in dem früheren Nagelstudio nur ein Café eröffnen. Nun übernimmt sie beide Objekte, die praktischerweise im gleichen Gebäude liegen.
Speiseplan, längere Öffnungszeiten und Marktbrunch
Das bestehende Personal bleibt ebenso erhalten wie das kulinarische Konzept des „Zemski’s“. Am Eröffnungstag steht Auberginen-Ratatouille mit Couscous auf dem Speiseplan – alternativ ein ofenfrischer Kartoffel-Spinatauflauf auf fluffigem Rührei. In den folgenden Tagen gibt es unter anderem hausgemachte Maultaschen und Linguine mit Lachs. Doch wenn auch vieles gewohnt bleibt, so will die neue Betreiberin den Laden auch weiterentwickeln.
Neu sind die Öffnungszeiten: Die Küche bleibt künftig bis 18 Uhr geöffnet. Nach 14 Uhr ergänzen Brote mit verschiedenen Aufstrichen und Strudel das Angebot. „Ich finde das schade, wenn nachmittags zu ist, da kommt doch eigentlich erst die Kaffee-Zeit“, sagt Renner-Tausend. Auch samstags soll das „Zemski’s“ früher öffnen. Ab 10 Uhr ist ein Marktbrunch mit Frühstück, selbst gemachter Marmelade, Granola und Kuchen geplant.
„Fräulein Zemski’s“ als kleine Schwester
In den angrenzenden Räumen an der Fußgängerzone entsteht parallel das Café „Fräulein Zemski’s“ – gedacht als „süße kleine Schwester vom großen Zemski’s“ –, wobei das Café genau genommen mehr Sitzplätze bieten wird als der Feinkost-Imbiss. Einen genauen Eröffnungstermin gibt es bis jetzt nicht, Stefanie Renner-Tausend hofft auf irgendwann im September. Zunächst muss die Stadt die Nutzungsänderung der ehemaligen Büroräume genehmigen, zudem sind Abstimmungen mit dem Denkmalamt nötig. Mitte August sollen ein Durchbruch zwischen den Läden erfolgen und Wasserleitungen gelegt werden.
Wie das alles aussehen wird, hat Stefanie Renner-Tausend schon genau vor Augen: Die Räume werden im Shabby-Chic-Stil eingerichtet, die breiten Fenstersimse werden mit Kissen bestückt, sodass man auch hier gemütlich sitzen kann. Viele Möbel hat Renner-Tausend auf Flohmärkten gefunden, einige sind Erbstücke. „Ich sammle alte Möbel, das ist einfach meins.“, sagt sie. „Das Café soll ein Wohlfühlort werden, wo man Freundschaften knüpfen kann und sich wie zu Hause fühlt.“
Neue Ideen: Abendöffnung, After-Work-Angebote, Themenküche
Renner-Tausend ist überzeugt, dass es für ein Café in Heidenheim auch am Sonntag ein Publikum gibt. „Ich bin davon überzeugt, dass das Café läuft, weil wir in Heidenheim am Sonntag nichts in diese Richtung haben“, sagt sie. Auch für die Zukunft hat sie bereits Ideen: Für das kommende Jahr kann sie sich testweise Abendöffnungen mit Länder- und Themenabenden vorstellen, mit dänischer oder schwedischer oder sonstiger Länderküche. Im Winter sind After-Work-Angebote mit Glühwein, selbst gebackenen Plätzchen und Gegrilltem im Außenbereich denkbar.
Unterstützung bekommt sie dabei auch von ihrer 21-jährigen Tochter Emma, die die Social-Media-Kanäle betreut. Sie will mit Stories und Reels auf Instagram dafür sorgen, dass das „Zemski’s“ noch bekannter wird. Auch eine Website steht schon.
Noch sind nicht alle Umbauarbeiten abgeschlossen, doch Renner-Tausend kann den Start kaum erwarten. „Ich würde schon am liebsten morgen aufmachen, statt noch diesen Monat zu warten.“
