Sie könnten jede Fußgängerzone der Nation vollkommen unerkannt durchschreiten, doch wenn sie den Mund öffnen, werden sie auf einmal zu Stars: Synchronsprecherinnen und -sprecher gibt es in Deutschland so viele wie in wenig anderen Ländern auf der Welt. Ihre Stimmen sind oftmals untrennbar mit Hollywood-A-Promis verbunden. Dieter Gring ist in Giengen geboren, wohnhaft in Heidenheim, und arbeitet neben seinen Tätigkeiten als Schauspieler, Autor und Regisseur unter anderem als professioneller Synchronsprecher. Im Interview erklärt er, wie der Weg zum Profisprecher aussieht, warum Dialekt Vor- und Nachteil zugleich sein kann und warum die Synchronsprecherbranche derzeit Netflix boykottiert.
Wie wird man eigentlich Synchronsprecher?
Da gibt es verschiedene Wege. Als ich in der Branche angefangen habe, hat man als Schauspieler sowieso eine Sprecherausbildung bekommen. Dazu zählen zum Beispiel Stimmbildung und Phonetik. Es liegt dann nahe, dass man sich später auch im Sprecherbereich bewirbt, um möglichst breit aufgestellt zu sein. Mittlerweile gibt es auch reine Sprecherausbildungen an verschiedenen Akademien, allerdings denke ich, dass eine Schauspielausbildung auch als Synchronsprecher nicht schadet.
Warum?
Durch sie hat man ein anderes Fundament, um Rollen zu entwickeln, die nur über ein einzelnes Mittel, also die Stimme, zum Leben erweckt werden.
Gelegentlich sieht man in Making-of-Videos, wie Synchronsprecher auch hinter dem Mikrofon schauspielerische Mittel einsetzen. Sie bewegen sich dabei, nutzen ihre Mimik. Tun Sie das ebenfalls?
Auf jeden Fall. Wenn in einer Szene, die man einspricht, gerannt und intensiv geatmet wird, kann man zwar nicht unbedingt kurz durchs Studio rennen. Aber natürlich werden der eigene Körper, die eigene Atmung ins Sprechen einbezogen.
Hatten Sie von Anfang an die Synchronbranche im Blick?
Mikrofonarbeit war auf jeden Fall etwas, das mich schon früh interessiert hat. Das hat man damals aber nicht speziell gelernt. Man musste sich konkret bei Studios oder Aufnahmeleitern bewerben. Nach meinem Schauspielstudium habe ich genau das getan, und habe dann vor allem Werbespots eingesprochen. Irgendwann kam der ganze Gamingbereich dazu, außerdem Synchronarbeit für Filme und Serien, zudem Hörbücher und Hörspiele.
Dialekt sprechen zu können, ist prinzipiell gut, weil man dadurch breiter aufgestellt ist.
Dieter Gring über Vor- und Nachteile von Dialekt-Sprechern
Gab es eine Zusatzausbildung oder etwas Bestimmtes, das Sie zu Beginn Ihrer Sprecherkarriere zwingend lernen mussten?
In meinem Fall nicht. Ich hatte das Glück, in Frankfurt Studios gefunden zu haben, die in mir ein gewisses Talent, mit der Stimme zu arbeiten, gesehen haben. Die haben mich sehr gefördert. Vieles war „learning by doing“. Bestimmte Begrifflichkeiten musste ich erst mal lernen.
Was für welche zum Beispiel?
Manchmal steht im Synchronbuch etwa „Anatmer“ oder „Ausatmer“. Für den Werbebereich musste ich lernen, was „Voiceover“ oder „Claim“ bedeutet.
Klingt nach einer mehrsprachigen Branche. Apropos Sprache: Sie sind gebürtiger Ostälbler. Würden Sie sagen, dass Dialekt zu sprechen, eher Vor- oder Nachteil für diesen Beruf ist?
Dialekt sprechen zu können, ist prinzipiell gut, weil man dadurch breiter aufgestellt ist. Aber wenn man ein Hörbuch einspricht oder generell auf Hochdeutsch einsprechen muss, sollte man den eigenen Dialekt nicht heraushören. Ich war immer der Meinung, dass ich sehr hochdeutsch spreche. Bei uns zu Hause wurde nicht wirklich Dialekt gesprochen. Aber auf der Schauspielschule haben die Leute teilweise die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, weil sie meinten, sie müssten meinen schwäbischen Dialekt ausmerzen – den ich selbst gar nicht gehört habe.
Wurde er ausgemerzt?
Ja. Ich kann natürlich ins Schwäbische oder auch ins Bayrische verfallen. Aber wenn ich will, hört man keinen Dialekt.
Wird denn manchmal explizit nach einem speziellen Dialekt im Synchronbuch verlangt?
Bei regionaler Werbung ist das immer mal wieder der Fall. Gerade im Film- und Fernsehbereich gibt es inzwischen viele Programme, die regionalbezogen sind und wo Dialekt auftauchen darf. Als ich in den 90ern angefangen habe, war das nicht unbedingt so.

Sie leihen Ihre Stimme Filmen und Serien, Hörbüchern und Hörspielen, Videospielen, Dokumentationen und Werbespots – muss man in sämtlichen Sparten präsent sein?
Es ist auf jeden Fall von Vorteil. Der Markt ist hart umkämpft. Da ist es gut, wenn man möglichst flexibel mit der Stimme ist. Ich spreche manchmal auch Imagefilme für die Industrie ein, oder auch Erklärvideos und Aufnahmen für Museumsbegleitung. Im Gamingbereich ist es zudem gut, wenn man Trickstimmen draufhat, also wenn man die Stimme stark verändern kann. Ich habe das Glück, dass ich von der Tonlage her recht flexibel bin. Ich kann ziemlich tief runter, aber auch ziemlich hoch gehen.
Welche dieser vielen Sparten und Medien macht Ihnen am meisten Spaß, zu synchronisieren?
Eigentlich macht alles Spaß. Hörbücher einzusprechen, ist besonders spannend, weil man die unterschiedlichen Charaktere stimmlich voneinander absetzen muss. Länger als fünf Stunden am Stück kann man aber nicht lesen und einsprechen, weil die Stimme dann irgendwann müde wird. Das sind teilweise harte Tage im Studio. Werbung ist insofern interessant, dass man innerhalb weniger Sekunden mit wenig Text viel beim Zuhörer bewegen muss. Computerspiel-Synchronisation ist oftmals total anstrengend, weil dabei innerhalb kürzester Zeit unheimlich viel Material eingesprochen werden muss.
Seit rund zehn Jahren erleben wir ein neues „Goldenes Zeitalter des Fernsehens“. Hat der Serienboom in der Synchronsprecherbranche zu mehr Aufträgen geführt?
Durch die großen Streamingdienste sind mehr Serienangebote dazugekommen, gleichzeitig ist der Markt heute wesentlich umkämpfter. Es gibt inzwischen viel mehr Sprecher, die in privaten Akademien ausgebildet wurden, ohne vorher eine Schauspielausbildung gemacht zu haben.

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Während der Corona-Lockdowns hat quasi ganz Deutschland pausenlos Serien „gebingt“. Hat die Pandemie den Sprecherberuf angekurbelt?
Auf der einen Seite sind mehr Serien dazugekommen, auf der anderen Seite sind manche Aspekte in der Branche weniger geworden. Mit Corona haben viele Unternehmen begonnen, weniger Werbung zu schalten. Vieles hat sich ins Internet verschoben und läuft jetzt mehr über Influencer und weniger über Werbespots. Es wird auch nicht mehr so viel in der Werbung synchronisiert wie früher, vieles läuft heute über Untertitel.
Viele Menschen sehen sich Filme und Serien oftmals ausschließlich in der Originalfassung an. Merkt man diese Tendenz in der Synchronlandschaft?
Noch wird für den deutschen Markt immer noch viel synchronisiert. Die wenigsten Filme bleiben im Original. Doch die Branche ist stark im Umbruch. Das Thema KI treibt uns sehr um.
Sie sprechen von dem derzeitigen Netflix-Boykott durch deutsche Synchronsprechinnen und -sprecher. Der Streaming-Gigant möchte Sprecher dazu bringen, neue Verträge inklusive einer KI-Klausel zu unterzeichnen. Diese würde Netflix dazu berechtigen, Sprecherstimmen zum Training künstlicher Intelligenz zu nutzen.
Genau. Das wollen wir natürlich nicht, wir würden uns dadurch ja selbst abschaffen. Schlimmstenfalls lernt die KI durch unsere Stimmen irgendwann so gut das Synchronisieren, dass man uns Sprecher nicht mehr braucht. Durch den Boykott liegen derzeit viele Projekte auf Halde.
Ich kann nur hoffen, dass Zuschauer und Zuhörer KI-Stimmen nach wie vor von menschlichen Stimmen unterscheiden können.
Dieter Gring über die Rolle von künstlicher Intelligenz in der Branche
Erleben Sie das Thema KI-Klausel auch abseits von Film- und Fernsehsynchronisation?
Auf jeden Fall. In der Gamingbranche ist es ähnlich. Ich habe viele Jahre lang in vielen Computerspielen Hauptcharaktere gesprochen. Solche Anfragen lehne ich zurzeit ganz bewusst ab, weil Produktionsfirmen inzwischen immer diese KI-Klauseln in Verträgen drin haben. Auch in der Industrie werden KI-Tools verwendet, um zum Beispiel Produktfilme zu synchronisieren. Bei Werbespots ist das noch nicht so häufig der Fall, denn das klingt meistens nicht so gut. Ich hoffe, dass KI nicht in den Hörspiel- oder Hörbuchbereich überschwappt.
Wie ist Ihre Prognose: Ist der KI-Feldzug in der Sprecherbranche unaufhaltsam? Stirbt der Synchronsprecherberuf irgendwann aus?
Im Moment finde ich es ganz schwierig, da eine Einschätzung abzugeben. Ich kann nur hoffen, dass Zuschauer und Zuhörer KI-Stimmen nach wie vor von menschlichen Stimmen unterscheiden können. Die KI wird das, was Menschen können, etwa Emotionalität rüberbringen, hoffentlich nie können. Je mehr jedoch mit KI gearbeitet wird, desto mehr verändern sich auch die Hörgewohnheiten der Menschen. Das geht relativ schnell. Die Gefahr ist natürlich, dass der Job aussterben könnte. Ich hoffe es natürlich nicht.

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„Star Wars“-Videospiel und Netflix-Boykott
Geboren wurde Dieter Gring 1970 in Giengen, seit drei Jahren wohnt er wieder in Heidenheim. Im Naturtheater Heidenheims stand er zwischen 1985 und 1987 auf der Bühne. Von 1988 bis 1992 besuchte er die Stage & Musical School in Frankfurt am Main. Seit 1989 steht Dieter Gring als Schauspieler für Filme und Serien vor der Kamera, wirkt auf verschiedenen Bühnen und arbeitet als Sprecher. Von 2007 bis 2013 war Gring zudem Intendant der Brüder Grimm Festspiele in Hanau.
Zu hören ist die Stimme von Dieter Gring nicht zuletzt in verschiedenen Videospielen, dazu gehören die „Gothic“-Reihe, „StarCraft“, „Star Wars: The Old Republic“, „Death Stranding“ oder auch die Neufauflage von „Destroy All Humans!“.
Aus Protest gegen die KI-Vertragsklausel boykottieren derzeit rund 800 deutsche Synchronsprecher den Streamingdienst Netflix. Der Verband Deutscher Sprecher:innen (VDS) hatte ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, das zu dem Ergebnis gekommen ist, dass der Passus gegen die Datenschutz-Grundverordnung und das Urheberrecht verstoße und demnach rechtswidrig sei.
Der VDS hat die Befürchtung geäußert, dass Netflix versuche, die Sprecher „auszuhungern“, bis sie aus finanzieller Not unterschreiben. Zudem hat der Verband die Sorge, dass Hintergrundrollen, die häufig von Berufseinsteigern gesprochen werden, künftig nicht mehr von Menschen, sondern eben von KI-generierten Stimmen gesprochen werden.

