Der Leserbrief von Frau Kuhlmeier-Prinz offenbart vor allem eines: einen erstaunlichen Mangel an Sachkenntnis bei gleichzeitiger moralischer Empörung. Ausgerechnet der Vorwurf, die Autorin des Artikels kenne Herrn Kammel gar nicht, bildet den Kern der Kritik – vorgetragen von jemandem, der selbst grundlegende Fakten nicht beherrscht.
So wird im Leserbrief vom Hellenstein-Gymnasium gesprochen. Herr Kammel ist jedoch seit jeher am Schiller-Gymnasium tätig. Wer sich anmaßt, öffentlich für eine Person zu sprechen, deren angebliche Kränkung zu beklagen und deren menschliche Integrität zu verteidigen, sollte zumindest wissen, wo diese Person unterrichtet. Diese Ironie bleibt im Leserbrief leider unreflektiert.
Ich war bei dem Konzert anwesend. Nicht zufällig, sondern als ehemaliger Schüler des Schiller-Gymnasiums und als jemand, der die Geschichte des Neuen Kammerchors, seine Alumni sowie Herrn Kammel gut kennt. Deshalb halte ich den Leserbrief für problematisch. Er lenkt den Blick weg von dem, worum es an diesem Abend eigentlich hätte gehen sollen: die Sängerinnen und Sänger und das Jubiläum ihres Chors.
Dass ein Chorleiter im Rahmen eines Jubiläums erwähnt wird, ist selbstverständlich legitim. Dass jedoch erneut der Eindruck entsteht, der Chor diene vor allem als Bühne für die Selbstdarstellung seines Leiters, ist keine böswillige Unterstellung, sondern eine Wahrnehmung, die viele ehemalige Schülerinnen und Schüler teilen. Der Leserbrief stellt jede kritische Beobachtung automatisch einer persönlichen Diffamierung gleich. Er verkennt, dass genau diese Dynamik seit Jahren immer wieder thematisiert wird.
Befremdlich ist der Versuch, Kritik mit dem Hinweis auf die Gefühle aktueller Schüler moralisch zu delegitimieren. Öffentliche Berichterstattung ist keine pädagogische Schonzone. Wer ein Jubiläumskonzert öffentlich inszeniert, muss auch öffentliche Einordnung und Kritik aushalten. Gerade, wenn es um Rollenverhältnisse, Gewichtungen und Außenwirkung geht. Erst recht, wenn der Chorleiter seinem Chor unter Applaus und Verbeugung einen eigenen besonderen Moment verwehrt.
Der Leserbrief ist weniger eine Verteidigung des Chorleiters, als eine unbeabsichtigte Bestätigung des Problems: Der Fokus verschiebt sich erneut weg von den Musikerinnen und Musikern, hin zu einer Person, deren Rolle offenbar nicht hinterfragt werden darf. Das ist dem Chor, seiner Geschichte und seinen Mitgliedern nicht angemessen.
Antonio Puccia, Heidenheim
