Leserbrief

Hinter jeder Akte steht ein Mensch

Leserbrief zur verzögerten Auszahlung von Sozialhilfe:

Wie kann es sein, dass ein Mensch, der auf Sozialhilfe angewiesen ist, tagelang ohne Geld dasteht, obwohl alle erforderlichen Unterlagen fristgerecht eingereicht wurden? Als gesetzlicher Betreuer eines Sozialhilfeempfängers musste ich kürzlich eine Erfahrung machen, die mich sehr nachdenklich stimmt. Die Sozialhilfe für Oktober war am 1. Oktober nicht auf dem Konto meines Betreuten. Nach meiner Nachfrage wurde mir zunächst ein Zahlungseingang für den 7. Oktober zugesichert. Doch auch am 8. war kein Geld eingegangen.

Bei einer weiteren Nachfrage hieß es zunächst, mein Betreuerausweis liege nicht vor. Dabei ist dieser nach meinem Kenntnisstand bereits seit Jahren bei der Behörde hinterlegt. Anschließend wurde erklärt, der Vorgang sei noch nicht abschließend geprüft, und man habe viel zu tun. Erst nachdem ich mit Nachdruck auf die Angelegenheit hingewiesen hatte, wurde der Vorgang innerhalb etwa einer Stunde geprüft. Das Ergebnis: Alles war in Ordnung.

Trotzdem wurde mir als Auszahlungstermin erst der 15. Oktober genannt. Ich stellte deshalb eine einfache Frage: Wovon soll ein Mensch bis dahin Lebensmittel kaufen, wenn er kein Geld mehr hat? Auf meine Bitte um eine sofortige Überbrückung der Notlage erhielt ich sinngemäß die Antwort, mein Betreuter solle sich an die Caritas wenden. Natürlich leisten karitative Einrichtungen wertvolle und unverzichtbare Arbeit. Aber kann es wirklich die Lösung sein, Menschen an solche Einrichtungen zu verweisen, wenn die Auszahlung existenzsichernder Sozialleistungen auf sich warten lässt?

Mir ist bewusst, dass Behörden viel zu tun haben und Anträge sorgfältig geprüft werden müssen. Doch hinter jeder Akte steht ein Mensch. Wer auf Sozialhilfe angewiesen ist, kann nicht einfach eine Woche länger ohne Geld auskommen. Lebensmittel und andere notwendige Dinge des täglichen Lebens lassen sich nicht auf später verschieben. Ich erwarte keine Sonderbehandlung. Ich erwarte eine rechtzeitige Bearbeitung, verlässliche Auskünfte und vor allem Menschlichkeit, wenn jemand nachweislich in eine finanzielle Notlage gerät. Ein Sozialstaat muss sich auch daran messen lassen, ob seine Hilfe die Menschen rechtzeitig erreicht. Wenn jemand ohne Geld für Lebensmittel dasteht, darf der Hinweis auf eine karitative Einrichtung nicht die einzige Antwort sein. Darüber sollten wir nachdenken.

Hans-Peter Vogler, Neresheim