Leserbrief

Heidenheims Umgang mit Rommel ist beispielhaft

Leserbrief zur Forderung nach einer Umgestaltung des Rommel-Denkmals in Heidenheim:

Ich staune immer wieder, mit welcher Hingabe weiterhin am Rollback im Umgang mit dem Rommel-Denkmal gebastelt wird. Jetzt soll sein Text dahingehend erweitert werden, dass Rommel einem verbrecherischen Regime gedient habe, womit aber keine Aussage über persönliche Schuld verbunden sei.

Ja, geht’s denn noch? Ein Ehrenmal, weil einer für das Terrorregime tätig geworden ist? Hat er denn keine andere Wahl gehabt, als über lange Jahre seine Karriere voranzutreiben? Und dann zur Untermauerung dieses schrägen Vorhabens auch noch eine Unterschriftenaktion, als wäre das Bemühen um historische Wahrheit primär eine quantitative statt eine qualitative Frage?

Als Scheinargument wird der Zeitgeist bemüht: Wegen des Ukrainekriegs gäbe es auch bei uns steigende Wertschätzung fürs Militär. Das scheint mir genauer besehen lediglich typisch rechter, bewusst verkürzender Populismus zu sein. Tatsächlich geht es wohl vor allem um Abscheu gegenüber dem durch Putin verkörperten Imperialismus und um Bewunderung für das aufrechte Bemühen der Ukrainerinnen und Ukrainer im Zuge einer Befreiung der besetzten Gebiete bzw. grundsätzlich um ihre Freiheit.

Abgesehen davon steht die Bundeswehr als demokratisch legitimierte Parlamentsarmee historisch im Gegensatz zur Naziwehrmacht, die, so Rommel, aggressives „Schwert der neuen Weltanschauung“ wurde. Für diesen Zweck mag Rommel „seinen Kopf hingehalten“ haben, aber doch nicht für „unser Land“, das seit 1949 eine Demokratie ist.

Wieso eigentlich soll am Status quo des Rommel-Denkmals gedreht werden, nachdem es wieder in Dornröschenschlaf gefallen ist? Der Geniestreich des Rainer Jooß, ihm eine Ergänzung zuzugeben, wirkt wie Alexanders Schwert angesichts des Gordischen Knotens: Das Pühn’sche Kunstwerk wurde, wie vom damaligen OB Ilg und vielen Stadträtinnen und Stadträten gewünscht, nicht verändert, aber der kleine Kriegsversehrte, dessen Schatten gelegentlich auf Rommels Monument fällt, führt den Betrachter reflektierend zurück in die Realität.

Im Ergebnis bleibt ein Kunstwerk, das viel über den Zeitgeist des Jahres 1961 und auch ein wenig vom Nazigeneral und der Hybris rund um ihn verrät. Aus heutiger demokratisch-rechtsstaatlicher Sicht ist das Herrenmenschen-Monstrum vom Zanger Berg relativiert worden, und das war gut so.

Heidenheim hat in beispielhaftem Verfassungspatriotismus einen guten Weg im Umgang mit dem von Goebbels und Speidel zur Propagandafigur hochstilisierten Erwin Rommel gefunden, was für historisch Interessierte den Weg freimachte zur Beschäftigung mit den wirklichen zentralen NS-Größen von Stadt und Landkreis, wie Zusammenkünfte der Geschichtswerkstatt bzw. soeben die Veranstaltung des Heimat- und Altertumsvereins in Sachen Gottlob Berger zeigen. Den erzielten Kompromiss zu Rommel heute infrage zu stellen, zeugt von bemerkenswerter Rückschrittlichkeit und Ignoranz: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ (Bertolt Brecht).

Dr. Wolfgang Proske, Gerstetten