Onkologie und Palliativ

Ernährungsmedizin: Warum sie so wichtig ist und wie sie im Klinikum Heidenheim angewendet wird

Der Ernährungsmedizin wurde am Heidenheimer Klinikum lange kaum Beachtung geschenkt. Wie zwei Ärzte und eine Ernährungstherapeutin daran jetzt etwas geändert haben und warum es bisher nur in der Onkologie und Palliativmedizin angewendet wird:

Die Bedeutung der Ernährungsmedizin wird im Krankenhausalltag häufig unterschätzt. Dabei spielt sie gerade für schwer erkrankte Menschen eine zentrale Rolle. Am Klinikum Heidenheim wurde deshalb ein Projekt ins Leben gerufen, das sich gezielt mit Mangelernährung bei Patientinnen und Patienten befasst, was wiederum aber nichts mit Essstörungen zu tun hat. Entstanden ist das Projekt aus einer Kombination aus fachlicher Überzeugung, langjähriger Beobachtung und dem Willen, bestehende Strukturen zu verbessern.

Den Ausgangspunkt bildete in Heidenheim ein Vortrag: „Ein Team aus Tübingen vom onkologischen Schwerpunkt kam 2017 zu uns und gab eine Fortbildung zum Thema Ernährungsmedizin“, berichtet Dr. med. Martin Grünewald, Chefarzt der Medizinischen Klinik I. Zu dieser Zeit arbeitete die 34-jährige Jennifer Binder zwar schon seit fünf Jahren als Diätassistentin am Heidenheimer Krankenhaus, jedoch sei ihrer Arbeit und Abteilung kaum Beachtung geschenkt worden. „Nach dem Vortrag wurde mir klar, dass die Ärzte in unserer Klinik keine Notiz von unserem Fachbereich nahmen. Als wären wir gar nicht da. Und das hat mich echt geärgert“, sagt Binder. Allerdings war das nicht alles: „Über die Jahre hatte ich gehofft, dass sich im Bereich Ernährungsmedizin hier am Klinikum etwas verändert, aber nichts ist passiert. Der Ärger und der Wille, etwas zu ändern, waren mein Ansporn, das Thema anzugehen.“

Weg von der Küche, hin zum Patienten

Parallel zu ihrer Tätigkeit absolvierte sie also ein Fernstudium zur Ernährungstherapeutin und knüpfte schließlich Kontakt zu eben jenem Arzt, über den sie sich einst noch ärgerte. „Trotzdem fragte ich Dr. Grünewald als Betreuer für meine Bachelorarbeit an“, sagt die 34-Jährige. So wurden Erhebungen durchgeführt, um die aktuelle Situation im Klinikum zu analysieren. Zudem seien Vergleiche zwischen dem Soll- und Ist-Zustand aufgestellt worden. „Das Ergebnis zeigte uns, dass Ernährungsmedizin im Klinikbetrieb wenig bekannt war und kaum systematisch eingesetzt wurde“, so Grünewald.

„Jetzt war Frau Binder aber immer noch ‚nur‘ die Frau aus der Diätküche, und da wollte ich sie herausholen“, erzählt der Chefarzt. Allerdings wurde für die Umsetzung des Projekts zusätzlich ein speziell qualifizierter Arzt benötigt. Dafür absolvierte Dr. Alexander Maier, Oberarzt der Gastroenterologie, eine Weiterbildung, um diesen medizinischen Schwerpunkt behandeln zu dürfen.

Aktuell liegt der Fokus auf Patienten aus der Onkologie und der Palliativmedizin. „Das Ziel wäre natürlich eine Ausweitung auf die anderen Fachbereiche, das ist aktuell jedoch aus finanziellen Gründen nicht möglich“, sagt Grünewald.

Mangelernährte Patienten bleiben oft unbemerkt

Die Ernährungsmedizin umfasst die Versorgung der Erkrankten während eines Krankenhausaufenthalts. Viele Menschen würden bereits mangelernährt in die Klinik kommen oder während ihres Aufenthalts hineingeraten. „Besonders betroffen sind Personen mit konsumierenden Erkrankungen wie Krebs und schweren Lungen-, Leber- oder Herzerkrankungen. Diese Krankheiten erhöhen den Energiebedarf deutlich, da der Körper gleichzeitig seine Grundfunktionen aufrechterhalten und gegen die Erkrankung arbeiten muss“, erklärt Grünewald.

Doch wie kommt es, dass dieses Thema bisher so wenig Aufmerksamkeit bekommen hat? „Oft bleibt eine Mangelernährung unbemerkt, da der Fokus im Klinikalltag auf anderen medizinischen Maßnahmen liegt“, sagt Oberarzt Maier. Teilweise würden Patienten über mehrere Tage kaum oder gar nichts essen, etwa an Wochenenden, wenn der Betrieb auf Station ruhiger ist. Der Körper greife dann auf eigene Reserven zurück, die jedoch auch begrenzt seien.

Gründe für die Mangelernährung sind vielfältig

Um dem frühzeitig entgegenzuwirken, wird inzwischen bei der Aufnahme ein kurzer Test durchgeführt. Dieser soll zeigen, ob bereits eine Mangelernährung besteht oder ein erhöhtes Risiko vorliegt. Trifft das zu, wird Jennifer Binder hinzugerufen und geht mit den Betroffenen ins Gespräch. „Dabei geht es vorab um die Frage, warum nicht ausreichend gegessen wird. Neben der Krankheit können auch Nebenwirkungen von Therapien oder seelische Belastungen Gründe dafür sein“, berichtet die Ernährungstherapeutin.

Ziel sei es nicht, Patienten pauschal künstlich zu ernähren, sondern Lösungen zu finden, die sie auch nach der Entlassung daheim umsetzen können. „Oft reichen kleine Anpassungen, etwa andere Lebensmittel oder Trinknahrung.“ Auch die Anreicherung von Speisen mit Proteinpulver oder einfache Zusätze wie Zitronensaft im Wasser können helfen. „Wichtig ist, dass die Menschen selbst essen, soweit es möglich ist“, so Binder.

Gerade eine Krebstherapie ist kaum möglich, ohne auf die Ernährung zu achten.

Dr. med. Martin Grünewald, Chefarzt

Je nach Erkrankung kommen unterschiedliche Formen der Ernährung zum Einsatz. Etwa über eine Nasensonde, mit Ernährung über die Bauchdecke oder in speziellen Fällen über die Blutbahn. Jedoch sei künstliche Ernährung in der öffentlichen Wahrnehmung oft negativ besetzt, da sie häufig erst sehr spät eingesetzt wird. „Dadurch entsteht der Eindruck, sie ist ein Zeichen für das Lebensende“, so die 34-Jährige. In bestimmten Situationen stößt Ernährung jedoch an medizinische Grenzen. „Wenn Organe wie die Leber nicht mehr ausreichend arbeiten, kann selbst künstliche Ernährung nicht mehr richtig verarbeitet werden.“

Das Projekt am Klinikum Heidenheim startete im Januar 2024. „Wir machen das alle aus tiefer Überzeugung, weil wir wissen, was mit Ernährungsmedizin alles erreicht werden kann. Gerade eine Krebstherapie ist kaum möglich, ohne auf die Ernährung zu achten“, ergänzt Grünewald.

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Projekt noch in der Testphase

Bis zur Anerkennung des Projekts war eine finanzielle Vorleistung notwendig. „Die haben wir zunächst privat erbracht und später wurde sie vom Klinikum übernommen“, sagt der 62-jährige Chefarzt. Für das Projekt hat das Klinikum jetzt eine Kooperation mit der AOK und der Techniker Krankenkasse. Es gibt einige wenige sogenannte „Projekthäuser“, die finanziell unterstützt werden. „Wir müssen hierfür alles dokumentieren, die Kassen lassen alles prüfen und auswerten, und dann wird entschieden, ob es sich auch finanziell lohnt“, so Grünewald.