Der Heidenheimer Dennis Friedrich möchte eine unsichtbare Erkrankung sichtbar machen
Er möchte ein heikles Thema aus der Tabu-Zone holen: Der 39-jährige Dennis Friedrich aus Heidenheim lebt seit seinem 18. Lebensjahr mit einer kombinierten Harn- und Stuhlinkontinenz und ist seitdem auf Windeln angewiesen. Dass darüber offen gesprochen wird, ist ihm ein großes Anliegen.
„Inkontinenz ist ein Thema, das in der Regel hauptsächlich auf alte Menschen oder auf Babys bezogen wird“, sagt Friedrich. „Die Altersgruppe dazwischen geht vollkommen unter.“ Genau diese Wahrnehmung möchte er ändern. Vor allem junge Betroffene hätten oft Angst, offen mit ihrer Erkrankung umzugehen. „Viele denken dann, mit ihnen stimmt etwas nicht.“
Diese Gedanken kennt der 39-Jährige selbst nur allzu gut. 2005 erlitt der damals 18-Jährige durch einen Arbeitsunfall einen Wirbelbruch. „Ich habe damals direkt gemerkt, dass etwas nicht stimmt“, erzählt Friedrich. Im Krankenhaus wurde schnell klar, was Sache ist. „Durch den Wirbelbruch wurden die Nervenbahnen zu den Schließmuskeln beschädigt. Von da an hat sich mein Leben verändert.“
Meine ersten Gedanken waren: Jetzt ist alles vorbei!
Dennis Friedrich lebt, seit er 18 ist, mit Inkontinenz
„Meine ersten Gedanken waren damals: Jetzt ist alles vorbei, wie soll das weitergehen?“, erinnert sich der heute 39-Jährige. „Ich war gerade 18 Jahre alt, eigentlich sollte das Leben jetzt richtig losgehen.“ Das erste Jahr sei das schlimmste gewesen, da habe er sich hauptsächlich zu Hause eingeschlossen, erzählt Friedrich. „Man möchte nirgends mehr hin, immer aus Angst, jemand könnte etwas sehen oder es könnte etwas passieren.“ Auch Besuch wollte er kaum empfangen. „Man fragt sich, ob man jemals einen Partner findet oder wie man das jetzt auf der Arbeit kommuniziert.“
Mit der Zeit begann Dennis Friedrich, sich in verschiedenen Internetforen mit anderen Betroffenen auszutauschen. Dort wurde ihm klar, dass er mit seinem Schicksal keineswegs allein ist. Er hat dort auch erlebt, wie manche Menschen mit dem gleichen Problem sich über Jahre hinweg vollständig zurückzogen. „Da habe ich gemerkt, dass ich so nicht enden möchte.“ Auch andere negative Erfahrungen, hin zu Beschimpfungen von Fremden im Supermarkt, weil diese bemerkten, dass der 39-Jährige eine Windel trägt, bestärkten ihn zusätzlich in seinem Entschluss, offen mit seiner Erkrankung umzugehen. „Viele sollten sich an Kindern ein Beispiel nehmen“, sagt er. „Die fragen einfach direkt, warum ich eine Windel anhabe, und tuscheln nicht hinter meinem Rücken wie Erwachsene.“
Scham macht alles schwerer und Verstecken kostet mehr Kraft als Offenheit.
Dennis Friedrich lebt, seit er 18 ist, mit Inkontinenz
Dass diese Offenheit vieles verändern kann, erlebt er bis heute, über 20 Jahre später. „Seit ich offen über meine Inkontinenz rede, hat sich mein Umfeld verändert.“ Auch an seinem früheren Arbeitsplatz erfuhr er viel Rückhalt. Kollegen beschützten ihn vor neugierigen Blicken und unangebrachten Kommentaren, wie er erzählt. „Scham macht alles schwerer und Verstecken kostet mehr Kraft als Offenheit.“ Wer sich ständig Ausreden überlegen muss, setzt sich dauerhaft unter Stress. Deshalb möchte er auch anderen Betroffenen Mut machen, offen mit ihrer Situation umzugehen.
Doch das Schicksal stellte ihn erneut auf die Probe. Vor fünf Jahren erlitt Friedrich einen weiteren Wirbelbruch sowie mehrere Bandscheibenvorfälle. Kurz darauf folgte die nächste schwere Diagnose: Bei einer Untersuchung wurde Knochenkrebs festgestellt. 2022 folgte dann eine schwerwiegende Operation, um den Tumor zu entfernen. Dabei mussten ihm unter anderem eine künstliche Hüfte und ein künstlicher Oberschenkelknochen eingesetzt werden. Arbeiten kann der 39-Jährige seitdem gar nicht mehr. Als Jugendlicher hatte er eine Ausbildung zum Koch absolviert, arbeitete später im Rettungsdienst und im Verkauf.
Mut für andere
Fast drei Jahre hat es gedauert, bis er nach der Operation wieder richtig laufen konnte. „Das war extrem hart und schlägt sich natürlich auch auf die Psyche nieder“, erzählt er. Depressionen und Panikattacken waren die Folge. Sie begleiten ihn teilweise bis heute. „Ich wusste immer: Aufgeben ist keine Option. Aber es ist nicht immer so einfach, wie es vielleicht nach außen hin aussieht.“
Auf seinem Tik-Tok-Kanal „dynamixtechno“, auf dem er leidenschaftlich Musik macht, begann er, auch Einblicke in seinen Alltag mit Inkontinenz zu teilen. Einen zweiten Kanal wollte er dafür bewusst nicht eröffnen. Er wollte Betroffene erreichen, gleichzeitig aber auch Menschen, die bislang kaum Berührungspunkte mit dem Thema hatten. Auch auf seinem Blog „Noch ganz dicht?“ gibt Dennis Friedrich transparente und ehrliche Einblicke. Sein Ziel ist dabei immer dasselbe: Tabus abbauen, Verständnis schaffen und anderen Betroffenen Mut machen. Negative Reaktionen bleiben dennoch nicht aus. Beleidigende Kommentare im Internet bekomme er zwar nur gelegentlich. „Meistens prallen sie an mir ab, aber es gibt eben auch andere Tage.“
Blick nach vorne
Mit seiner Frau und seiner Tochter lebt der gebürtige Bochumer seit 2011 in Heidenheim. Seine Frau kennt er bereits aus der Ausbildungszeit – damals noch vor seiner Inkontinenz. Als sie sich Jahre später wiederbegegneten und ein Paar wurden, war Friedrich bereits inkontinent. „Nach dem Wiedersehen damals bin ich sofort mit der Tür ins Haus gefallen und habe ihr davon erzählt.“ 2016 heirateten die beiden.
Mittlerweile macht Dennis Friedrich wieder fast alles, was auch andere Menschen tun – nur auf Schwimmen verzichtet er. Und er blickt nach vorn: Zu seinem 40. Geburtstag möchte er mit seiner Frau erstmals seit seiner Krebsoperation wieder verreisen. „Die Inkontinenz wird immer ein Teil meines Lebens sein. Aber sie bestimmt es nicht.“
