Satirische Jahresvorausschau

Von Tupperdosen bis Tunnelbau: das alles wird sich in Giengen 2026 genau so ereignen

Wie machen die das nur? Und das alles in zwölf Monaten? Außerhalb Giengens reibt man sich die Augen. Förderbeträge für einen Radweg lassen gar in der ganzen Republik aufhorchen. Eine wie immer nicht gänzlich ernstgemeinte Vorschau auf 2026.

Nachdem Giengens Stadtgesellschaft beim Neujahrsempfang 2025 dem Ansturm nach zu urteilen freudige Berührungspunkte mit dem Gericht Fleisch in Brottasche mit Salat (vulgo: Döner) gemacht hatte, tischt die Verwaltung auch beim Empfang 2026 im Januar ordentlich auf: Kaum ist das wie gewohnt in aller Kürze dargebotene Programm zu Ende, wabert vermeintlicher Rauch durch den Vorhang zwischen Besucherschar und Büfett. Als sich die Feuerwehrleute mit Löschern in der Hand zur Brandbekämpfung aufmachen wollen, hebt sich der Vorhang und der Rauch entpuppt sich als Trockeneis-Nebel, der nach und nach ein gigantisches Sushi-Angebot, drapiert auf einem Einhorn, freilegt. Am anderen Ende der Schlemmermeile steht Pächter und Koch Francisco Oliva Gil an einer XXL-Paella-Pfanne und schaufelt fleißig Reis, Gemüse und allerlei Meeresgetier auf die Teller. Die kulinarische Entzückung kennt keine Grenzen. Stammkunden des Neujahrsempfangs lassen Essen in mitgebrachte Dosen verschwinden, weil: Koschd ja nix! Isch scho zahld!

Februar

Die Diskussion um die veranschlagten Kosten in Höhe von mehr als 20 Millionen Euro für den Neubau des Pavillon 5 an der Bühlschule dauern an. Selbst eine nichtöffentliche Wochenend-Klausur des Gemeinderats im alten Gebäude, inklusive Mensa-Verpflegung und Übernachtung in der Turnhalle bringen lange nicht den Durchbruch. Wo sparen am Neubau?  Die Schwarzen im Rat, mit dem spitzesten Rotstift unterwegs, schlagen vor, man könne doch auf Fenster, Toiletten, Heizung und vor allem auf Tafeln verzichten. Eine Unabhängigen-Stadträtin, die beruflich „irgendwas mit Schule“ macht, soll, so wird kolportiert, dem Wählerblock daraufhin mit Klasseneintrag, Strafarbeit und Einsperren im Keller gedroht haben. Als OB Henle mit Nachsitzen bis Montagvormittag drohte, steckten alle die Köpfe zusammen und kamen schließlich auf des Rätsels Lösung: Das inzwischen leerstehende, mit dem Charme einer Baracke ausgestattete Christian-Friedrich-Werner-Haus wird von der Wanne in die Südstadt transportiert. Schließlich ist es genau das, was man haben will: ein Pavillon.

März

Wenige Tage nach der zuvor mehrmals verschobenen Eröffnung des sanierten Hallenbades muss es schon wieder geschlossen werden. Die Stadtwerke brauchen allen verfügbaren Chlor in der Stadt für den exzellenten Geschmack des Leitungswassers.

April

Mitte des Monats sind die Chlor-Bestände wieder aufgefüllt und das Hallenbad könnte theoretisch wieder öffnen. Im Rathaus wird jedoch entschieden, das Hallenbad sein zu lassen und stattdessen frühzeitig die Freibad-Saison einzuläuten – bei sieben Grad Außentemperatur und einer Becken-Heizung, die über den Jordan gegangen ist. Für Bürgermeister Alexander Fuchs ist das alles kein Problem. „Wir haben vorgesorgt und uns rechtzeitig mit Hot Mobilen eingedeckt.  Eigentlich wollten wir nur eins in Betrieb nehmen, um ein angenehmes Baden zu ermöglichen. Ein Förderprogramm ermöglichte uns die kostengünstige Anschaffung von acht Heißmach-Mobilen.“ Weil fünf der Geräte ausreichen, um eine konstante Wassertemperatur von 33 Grad Celsius zu ermöglichen, werden auf der Liegewiese noch Whirlpools und Saunen installiert, zwischen die Palme drapiert werden. Nach ersten Beschwerden über die zu hohe Wassertemperatur wird ein Kaltbadetag eingeführt.  

Mai

Nachdem die Unabhängigen/Grünen im Gemeinderat im Dezember 2025 beantragt hatten, dass Stadträtinnen und Stadträte sowie andere Promis bei Veranstaltungen nicht mehr unbegrenzt Flüssiges und Festes gratis bekommen sollen, präsentiert Oberbürgermeister Dieter Henle in der Sitzung vor dem Kinderfest den „1. Giengener VIP-Schlemmerblock“  – mit Gutscheinen für den Nationalfeiertag und das Stadtfest. Ganz ausgereift scheint das Gutscheinheftchen jedoch noch nicht zu sein. Beim Kinderfest wird der Tanzkreis schon nach einer halben Stunde zur Tauschbörse. Eher durstige Zeitgenossen bieten zwei Leberkäswecken gegen einen Gutschein für einen halben Liter Gerstensaft an.

Juni

Bei der Umsetzung des Radfahrkonzepts auf der Planiestraße geht es für die Stadt mit sieben Meilenstiefeln voran. Wie jetzt bekannt wird, hatte der Gemeinderat in nichtöffentlicher Sitzung schon 2024 einen Radweg-Manager und einen Tunnelbau-Manager angestellt. Beide haben offenbar Hand in Hand ganze Arbeit geleistet: Oberbürgermeister Dieter Henle verkündet gerührt, dass es gelungen ist, der Grün-geführten Landesregierung vor der Wahl alle erdenklichen Fördermittel für die Untertunnelung von Straßen bei gleichzeitiger Einrichtung von Fahrradstraßen obendrüber aus dem Ärmel zu leiern. Giengen wird mit sage und schreibe 166,895 Millionen bedacht. Wie Henle erklärt, sind die Pläne schon fertig. Tags drauf rücken Bohrtrupps aus Italien und der Schweiz (aus der Gotthardt- und Bernardino-Region) an und untertunneln innerhalb von vier Tagen die Planie- und Memmingerstraße von der Höhe des ehemaligen Steingass bis zum Ende der Memminger Wanne. Acht weitere Tage später sind die Straßenbauarbeiten, die unter Leitung von Tiefbau-Bürgermeister Alexander Fuchs stehen, erledigt. Obendrüber pinselt der Bauhof unter Anleitung des ADFC Radfahr-Piktogramme auf die Straße. Die Einweihung der Radstraße wird zum Happening. OB Henle fährt mit seinem E-Bike in Dauerschleife hin und her. Von Stadtrat Wilhelm Oszfolk kommt allerdings Protest: „Tunnel jetzt für Hohenmemmingen“ lautet die Forderung.

Juli

Kaum haben OB Henle und Bürgermeister Alexander Fuchs alle erdenklichen Auszeichnungen für den Coup mit dem Tunnel entgegengenommen, steht schon der nächste Superlativ an: die Pre-Opening Sause für VIPs des Barfüßer – Test-Übernachtung in King-Size-Betten im Hotel inbegriffen. Die frisch gebrauten Kaltgetränke munden ebenso wie die Einweihungs-Schnitzel. Die Stadträtinnen und Stadträte sind froh, dass sie keine Gutscheine aus dem Schlemmerblock benötigen. In guter Verbundenheit bestreitet der Handharmonika-Spielring Schnaitheim die musikalische Untermalung der Party mit passendem Liedgut á la „Es gibt kein Bier auf Hawai“ oder „Trink, trink, Brüderlein trink“.

August

Nach einem einwöchigen Urlaub im neuen Barfüßer-Hotel (mit nächtlichem Ausflugsprogramm an den Schreibtisch im benachbarten Büro) fühlt sich Oberbürgermeister Dieter Henle bestens ausgeruht und verkündet der Lokalpresse bei einer Pressekonferenz: „Schon in nicht mal sieben Jahren sind in Giengen wieder Oberbürgermeisterwahlen. Ich bin bereit und will mit den fünf Sternen Giengen in neue Galaxien führen.“ Die Reporter der HZ freuen sich auf sieben Jahre spannenden Wahlkampf – bis zum Schluss ohne Gegenkandidaten.

September

Beim ersten Arbeitseinsatz des vom Verein „Bürger für Giengen" gepachteten Kolumbarium-Geländes wird Efeu zurückgeschnitten und Unkraut gejätet. Als einem Mitglied zufällig ein Stein aus der Hand auf eine Bodenplatte fällt, dreht sich diese zur Seite und eine Treppe, die unter das Mausoleum führt, wird sichtbar. Gänzlich unerschrocken gehen die Mitglieder die Stufen hinab – allen voran Vorsitzender Michael Zirn in Indiana-Jones-Manier. Nach 155 Stufen befürchten die Unerschrockenen schon, auf den neuen Tunnel durch die Stadt zu stoßen. Eine Gabelung später offenbart sich ihnen ein viele Kammern umspannendes Untergeschoss, aus denen es scheint und blitzt. Den Mitgliedern wird schnell klar, worauf sie im Untergrund gestoßen sind: das Bernsteinzimmer, die Kronjuwelen Irlands, das Rheingold und den Heiligen Gral. Die Mitglieder vereinbaren bis zum Ende des Jahres Stillschweigen und verhängen als erste Amtshandlung einen Aufnahmestopp. Bis 2027 soll entschieden werden, wie sie die Funde im Sinne der Bürgerschaft und bei der Vermeidung von Windrädern im Stadtwald einsetzen können.

Oktober

Es ist da! Oberbürgermeister Dieter Henle schraubt das neue Kennzeichen „GIE – OB 1“ an seinen Boliden. Und er ist nicht der einzige. Hunderte Giengenerinnen und Giengener haben sich ebenfalls mit den neuen Schildern versorgt und begrüßen sich in den ersten Tagen nach Einführung des neuen Kennzeichens auf der Straße mit dem Stolz der ehemaligen freien Reichsstädterinnen und Reichsstädter mit Lichthupe. Nur gut, dass es Henle gelungen ist, die von ihm im Kreistag geführte Fraktion und die anderen Giengener Kreisrätinnen und Räte davon zu überzeugen, dass die KfZ-Zulassungsstelle am besten in Giengen aufgehoben ist. Die Stadt ist von nun an in Sachen Landkreis-Kennzeichen der Place to be. Dort werden allerdings nur „GIE“-Schilder ausgestellt. Die Anzahl der Lichthupenden im Kreis Heidenheim nimmt rasant Fahrt auf.

November

Etwa fünf Jahre nach dem ersten Verkauf und gefühlt 27 Eigentümerwechseln und ebenso vielen gescheiterten Nutzungskonzepten später geht die Grabenschule zurück an die Stadt. Die überlegt kurz, ob sie dort den zweiten Verwaltungsstandort unterbringen kann, will ihren Mitarbeitenden so viel Komfort und historischen Charme aber nicht zumuten. Die zündende und ebenso kostensparende Idee hat wie immer Kulturamtsleiter Andreas Salemi: Weil Kunstausstellungen in den Räumen zuletzt so gut funktioniert haben, wird das ganze Gebäude zum Kunstobjekt deklariert und lockt vom ersten Tag unter dem Titel „der Zerfall“ Kunstschaffende, Denkmalschutzfetischisten und Ostalgiker (wegen der Ähnlichkeit mit Ost-Bauten vor der Wende) aus der ganzen Welt nach Giengen.

Dezember

Kurz vor Weihnachten schließt das Bergbad nach der bislang längsten Saison aller Zeiten. Vom Gaslieferverband und der Wirtschaftsministerin des Bundes bekommt die Stadt eine Auszeichnung verliehen: Thermalbad des Jahres.