SPD-Größe

Giengen trauert um langjährig engagierten Lokalpolitiker Jörg Ehrlinger

Jörg Ehrlinger war 40 Jahre lang Stadtrat in Giengen, ebensolange Mitglied des Kreistags und auch darüber hinaus vielfältig ehrenamtlich engagiert. Jetzt ist der redegewandte Lokalpolitiker im Alter von 86 Jahren gestorben.

Er war jahrzehntelang eine der prägenden Figuren der Giengener Stadtgesellschaft und hat sich ehrenamtlich in vielen Bereichen eingesetzt: Am 23. September verstarb Altstadtrat Jörg Ehrlinger im Alter von 86 Jahren. Dass die Öffentlichkeit erst jetzt über seinen Tod informiert wird, nachdem die Familie sich von ihm verabschiedet hat, war sein eigener Wunsch. Der engagierte SPD-Politiker war 40 Jahre lang – von 1971 bis 2011 – Mitglied des Giengener Gemeinderats und ebenso lange – von 1973 bis 2013 – als Kreisrat im Amt. Für 60 Jahre Mitgliedschaft in der SPD wurde er 2023 geehrt.

Ein anderer und besserer Weg

Die Startvoraussetzungen für den Giengener, der am 24. Februar 1940 in Berlin geboren wurde, waren schwierig: Sein Vater Erich Ehrlinger gehörte als SS-Oberführer zur Führungsriege des NS-Regimes. Nach Kriegsende tauchte er unter falschem Namen unter und verließ seine Ehefrau und die fünf Kinder. Der Großvater Christian Ehrlinger, von 1929 bis 1945 Bürgermeister in Giengen, war NSDAP- und SA-Mitglied.
Von diesem familiären Ballast hat sich Jörg Ehrlinger befreit und setzte sich als SPD-Politiker konsequent für soziale und demokratische Werte ein. Man dürfe nie vergessen, woher man komme und wohin man gehöre, sagte er selbst dazu. Auch angesichts seines hochproblematischen familiären Hintergrunds habe er bewusst einen anderen und besseren Weg gehen wollen.

Dass ihm dies rundum gelungen ist, darf man am Ende seines langen Lebenswegs konstatieren. Dort, wo er sich einbrachte, tat Jörg Ehrlinger das lange und beständig. Für sozialverträgliches Wohnen engagierte er sich im Aufsichtsrat der Kreisbau, den er 2014 verließ – nach 39 Jahren. Ehrlinger hatte das Amt 1975 übernommen und setzte an dieser Stelle – nur, was die Funktion betraf – eine Familientradition fort: Sein Großvater Christian war 1935 eines der Gründungsmitglieder der Kreisbau.

Nahe an den Menschen

2013 zeichnete ihn die SPD für sein fünf Jahrzehnte währendes Engagement in der Partei mit der Willy-Brandt-Medaille aus, der höchsten Auszeichnung der SPD für ehrenamtliche politische Tätigkeit. Als „Mister SPD“ bezeichnete ihn bei dieser Gelegenheit der damalige Kultusminister und SPD-Kreisvorsitzende Andreas Stoch. Er würdigte neben Ehrlingers politischem Talent und Geschick auch dessen ausgeprägte menschliche Qualitäten. Ehrlinger habe niemals abgehoben agiert, sondern habe immer den direkten Kontakt zu den Menschen bewahrt, diesen zugehört und ihnen eine Stimme gegeben. In seiner Dankesrede nannte Ehrlinger als sein Credo: „Wer Ungerechtigkeit hasst, muss Sozialdemokrat sein!“

Als eloquenten Redner erlebte man Ehrlinger als Fraktionsvorsitzenden der SPD im Gemeinderat ebenso wie als Sprecher der SPD im Kreistag. In vier Jahrzehnten gab es unzählige Themen, mit denen sich der Lokalpolitiker beschäftigte, bei denen er Treiber oder Mahner war und die er mit seinen pointierten Beiträgen voranbrachte.

Stadtkapelle, TSG Giengen und Naturfreunde

Beruflich war Ehrlinger in der Werbebranche tätig: Er machte eine Ausbildung als Werbekaufmann, arbeitete zunächst für die Heidenheimer Zeitung, ehe er zu einer Agentur in Aalen wechselte. Später wurde er Werbechef der RUD-Kettenfabrik in Oberkochen und 1989 in den Vorstand der Erlau AG berufen, die mittlerweile mit RUD fusioniert ist. 2003 trat Ehrlinger in den Ruhestand ein.
Neben all dem beruflichen und politischen Engagement blieb daneben noch Zeit für Giengener Vereine, die Ehrlinger am Herzen lagen: 18 Jahre lang war er Vorstandsmitglied der Stadtkapelle, viele Jahre Kassenprüfer der TSG Giengen und mehr als 70 Jahre Mitglied bei den Naturfreunden.