Schwindende Vereinslust und kollektive Ehrenamtskrise? Die Geschichte von Hans Heyer passt nicht in dieses Raster. Hans Heyer ist einer vom „alten Schlag“, wie man so schön sagt. Er bringt sich ein – und das sogar bis ins hohe Alter. Erst kürzlich ist der 87-Jährige vom Schwäbischen Albverein für 70 Jahre Mitgliedschaft ausgezeichnet worden.
70 Jahre? So viel Treue? Das gibt es noch? „Warum sollte ich aufhören?“, sagt Hans Heyer und lächelt ein andächtiges Lächeln, eines, das dem Gegenüber wieder den Ball zuspielt, ohne zu viel preiszugeben. „Ich erlebe so viel Kameradschaft im Verein. Das ist unglaublich schön“, sagt er. Und diese Kameradschaft erlebe er besonders im Albverein, wo es jenseits sportlicher Erfolge um gemeinschaftliche Erlebnisse geht. Vereinsleben sei wichtig für die Menschen, sagt Hans Heyer. Das müsse man erhalten. Er appelliert: „Geht in Vereine und bringt euch ein.“ Sein Gesichtsausdruck sagt noch mehr als seine Worte.
Mit 17 Jahren kam er zum Schwäbischen Albverein
Hans Heyer ist mit 17 Jahren in die heimische Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins eingetreten, kurz nachdem er zusammen mit anderen Mitstreitern die Dettinger Schützen gegründet hatte (die gibt es heute nicht mehr, Hans Heyer schießt deshalb in Niederstotzingen). Was als Abmachung unter Bekannten begann, wurde zur großen Liebe. Er ist froh über all die Jahre im Albverein. Er hat so viel Bereicherndes erlebt.
Um das zu verstehen, muss man Hans Heyer verstehen. Das Wandern, die Berge, die Natur – Hans Heyer ist mit alldem tief verbunden. Er ist ein Naturbursche, wenn man so will. Er wurde hineingeboren in einen landwirtschaftlichen Betrieb, seine innere Uhr ist gepolt auf Sä- und Erntezeiten, er machte Ferienarbeit im Wald und wollte eigentlich am liebsten Förster werden. Er ist Hobbygeologe und mit den Bäumen im Wald ist er per Du, wie er sagt. Entgegen seiner inneren Stimme machte er als Kaufmann Karriere – war zuletzt 25 Jahre bei Gardena Einkaufsleiter. Doch ein Schreibtischtäter war er nie: „Das habe ich immer versucht zu vermeiden“, sagt er.
Hans Heyer ist ein (Fast-)Alleskönner. Mit seinen 87 Jahren versendet er E-Mails, er pflegt den Garten und kennt die politische Weltlage genauso wie die Population der Singvögel auf der Alb. Er war Leichtathlet, Langläufer und mit Biathlon erfolgreich. Sogar bei den Senioren-Ski-Langlauf-Weltmeisterschaften war er angetreten. Aktiv sein, engagiert sein, teilhaben – das macht ihn aus. Schwächen? „Schwimmen kann ich nicht und ich kann einfach nicht ‚Nein‘ sagen. Helfen muss ich, wo immer es notwendig ist“, lässt er wissen. Das passt zu ihm.
Hans Heyer war Wanderführer, Ermutiger und Ideengeber
Mit dem Albverein entdeckte er die Wanderlust. In den Alpen hat er quasi keinen Gipfel ausgelassen. „Ich war eigentlich in den Bergen daheim“, sagt Hans Heyer. Er war Wanderführer, Ermutiger und Ideengeber. Vor allem das Ötztal hatte es ihm angetan. Eine Tour blieb ihm da besonders im Kopf – als er mit einer Gruppe der Ötzi-Fundstelle sehr nahe kam. „Das war besonders“, sagt er im Rückblick, und seine Augen schweifen in die Ferne, als ob er sich das Gefühl noch einmal zurückholen möchte. Ohnehin: In den Bergen erfüllt ihn die schiere Ehrfurcht vor der Natur. „Das Gefühl da oben auf einem Gipfel ist einfach unbeschreiblich“, sagt er. „Da wird alles zur Nebensache.“
Das Gefühl da oben auf einem Gipfel ist einfach unbeschreiblich.
Hans Heyer
Wie viele Touren er angeleitet und unternommen hat, kann er heute nicht mehr sagen. Es waren unzählige. Immer mit Rucksack auf dem Rücken, der Gefahr im Nacken und dem nötigen Quäntchen Respekt vor der Natur. Über die Jahre hat sich sein Wanderradius verkleinert, heute läuft er lieber in der Region statt im Hochgebirge – das Alter zwingt ihn dazu. Dennoch: Dreimal die Woche geht er mindestens los. Er erkundet Landschaften und Flussläufe, geht die Donau entlang oder an der Blau. „Hier gibt es so viel Schönes zu sehen“, sagt er.
Große Worte: Hans Heyer „ein Edeljuwel“ des Vereins
Kein Wunder, dass der Albverein ihn bei der Ehrung ein „Edeljuwel“ nannte. Seine Verdienste um den Albverein sind nicht ohne: Elf Jahre lang (bis 2024) war er Wegewart. Er war Mitbegründer des Albschäferwegs, er hat Wegepaten ins Leben gerufen, er hat den Männerchor „Die Albkosaken“ gegründet, mit welchem er noch heute aktiv ist, und war stets Säule des Vereins. Er ist einer, der mitträgt. Einer, der nicht hinschmeißt, nicht geht. Hans Heyer ist einer, der bleibt.

