Bildung darf nicht vom Wohnort und der Herkunft abhängen
Verpflichtende Bildungsleitlinien und strukturelle Investitionen sind dringend notwendig. Die Ergebnisse der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 waren ein Schock für das deutsche Bildungssystem. Sie führten in den Bundesländern zu zahlreichen Analysen und Reformen – auch im Bereich der frühkindlichen Bildung. Bildungs- und Erziehungspläne wurden entwickelt und verbindlich eingeführt. In Bayern beispielsweise der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan (BayBEP), in Baden-Württemberg der Orientierungsplan für Bildung und Erziehung.
Damit wurde eine wichtige Erkenntnis aufgegriffen: „Auf den Anfang kommt es an.“ Denn bereits in der frühen Kindheit werden wesentliche Grundlagen für die weitere Bildungsbiografie gelegt.
Doch mehr als 25 Jahre nach dem Pisa-Schock zeigen die aktuellen Ergebnisse erneut erheblichen Handlungsbedarf. Gleichzeitig bleibt Bildung in Deutschland weitgehend Ländersache. Die 16 Bundesländer setzen unterschiedliche Schwerpunkte und Prioritäten. Das führt zu erheblichen Unterschieden bei Standards, Rahmenbedingungen und Bildungsangeboten.
Natürlich müssen regionale Besonderheiten berücksichtigt werden. Aber bei den grundlegenden Bildungschancen von Kindern dürfen der Wohnort und die Herkunft nicht darüber entscheiden, welche Voraussetzungen sie vorfinden.
Deshalb brauchen wir verbindlichere, bundesweit geltende Bildungsleitlinien, insbesondere für die frühkindliche Bildung. Gleichzeitig sind erhebliche strukturelle Investitionen notwendig: in Kindertageseinrichtungen, qualifiziertes Personal, bessere Rahmenbedingungen (kostenlose Kita.) und einen bedarfsgerechten Ausbau der Ganztagsbetreuung. Der ab dem Schuljahr 2026/2027 schrittweise geltende Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter bietet hierfür eine große Chance, Bildung und individuelle Förderung zu ermöglichen.
Schon einmal gab es in Deutschland ein Gremium, das sich länderübergreifend mit Bildungsplanung beschäftigte: den Deutschen Bildungsrat, der von 1966 bis 1975 bestand. Fachleute entwickelten damals Strukturvorschläge, ermittelten den Finanzbedarf und formulierten Empfehlungen für die Bildungsplanung.
Angesichts der aktuellen Pisa-Ergebnisse wäre es an der Zeit, über einen neuen Deutschen Bildungsrat nachzudenken. Ein unabhängiges, fachlich besetztes Gremium könnte bundesweite Empfehlungen und verbindliche Qualitätsstandards entwickeln sowie den notwendigen Finanz- und Investitionsbedarf aufzeigen.
Denn eines sollte Konsens sein: Bildung ist keine Frage des Wohnortes und der Herkunft, auch keine freiwillige Zusatzleistung. Sie ist eine zentrale Zukunftsinvestition in jedes Kind und damit in unsere gesamte Gesellschaft.
Werner Eitle, Dettingen