Was ist Wahrheit, was ist Liebe? - Juli Zehs «Pony Show»
Wo ist Fero? Oder seine Leiche? Der junge und begabte Aufsteiger im Verlag ist verschwunden. Seine deutlich ältere Chefin Betty wird verdächtigt und steht vor Gericht. Brisant ist das auch, weil da offenbar mehr war als nur eine berufliche Verbindung. Bettys Anwalt Mark sucht mühsam nach der Wahrheit. Und ist auch nicht ganz frei von großen Gefühlen.
Verbrechen spielten auch in früheren Büchern der Bestseller-Autorin Juli Zeh eine Rolle. Ihr neuester Roman «Pony Show», der am 14. Oktober erscheint, ist auf den ersten Blick ein Justizdrama. Verwoben allerdings mit Elementen aus weiteren gesellschaftlichen Welten, wie das bei Zeh oft der Fall ist. In diesem Fall dem Innenleben der Literaturbranche, den strittigen Fragen der Geschlechterverhältnisse und nicht zuletzt den Boulevardmedien und Shitstorms im modernen Internetzeitalter.
Erzählt wird «Pony Show» aus der Sicht von Bettys Verteidiger. Die Hamburger Verlegerin ist über 50, erfolgreich, prominent und verheiratet. Ihr Problem: An der Grenze zu Ungarn fällt sie mit einer Pistole und einem Haufen Falschgeld im Auto auf und steht bald vor dem großen Hamburger Strafgericht. Die Anklage lautet auf Mord an ihrem jungen und ehrgeizigen Praktikanten und Mitarbeiter Fero.
Zeh: Ich wollte schon lange einen Justizthriller schreiben
«Ich hatte schon lange den Wunsch, einen Justizthriller zu schreiben, der vor Gericht spielt», sagt Zeh im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. «Mein Ehrgeiz war, möglichst nah dran zu bleiben an den realistischen Abläufen von Strafprozessen und das deutsche Rechtssystem tatsächlich zu einem Schauplatz zu machen.»
Zeh (52) hat Jura studiert und promoviert, sie ist ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht in Brandenburg, wo sie auch lebt. Vor allem ist sie seit ihrem Debütroman «Adler und Engel», der vor 25 Jahren erschien, eine der erfolgreichsten und bekanntesten deutschen Autorinnen mit zahlreichen Romanen in Millionenauflagen. In Debatten und Talkshows äußert sie sich immer wieder zu aktuellen politischen Fragen wie den Erfolgen der AfD und den verschiedenen Sichtweisen von Großstädtern und Menschen auf dem Land.
Spürbar ist in «Pony Show», wie Zeh mit spöttischer Freude die juristischen Abläufe schildert. Als Gegenspieler von Betty und ihrem Anwalt Mark agiert ein ehrgeiziger Staatsanwalt mit durchchoreografierten Auftritten. Darauf spielt auch der Titel des Romans an: eine Zirkusschau, die vor Gericht aufgeführt wird.
Das Spiel mit subjektiven Wahrheiten
Der Leser erfährt die Handlung nur durch den subjektiven Erzähler Mark. Der wiederum wird häppchenweise von Betty informiert. Unklar bleibt, ob Betty aufrichtig berichtet - und wie weit Mark sich seine eigene Geschichte konstruiert. So nimmt die Story auf zwei Ebenen Fahrt auf und vieles dreht sich in «Pony Show» um Fragen, die auch die Juristen beschäftigen: Was ist eigentlich wahr? Was ist wirklich passiert, was ist nur empfunden oder vermeintlich erlebt?
«Wir bilden uns oft ein, dass es unabhängig von Perspektiven objektive Fakten gibt, über die man die Wahrheit sagen oder lügen kann», sagt Zeh. «In mathematischer und naturwissenschaftlicher Hinsicht stimmt das vielleicht. Aber wenn es um das Erleben und das Erinnern von Menschen geht, gibt es diese Objektivitäten nicht.»
Im Lauf von rund 500 Seiten verschiebt sich auch das Verhältnis des Anwalts zu seiner Klientin und wird zunehmend emotionaler. Betty wiederum soll ihrem Mann, dem Gericht und der aufgeregten Öffentlichkeit erklären, was denn nun eigentlich war zwischen ihr als älterer Chefin und dem so viel jüngeren Praktikanten, den sie fördert und bewundert, mit auf Dienstreisen, zu Partys und in Hotelbars nimmt. Überhaupt spielt der intensive Alkoholkonsum in den Insider-Schilderungen aus der Literaturszene eine nicht geringe Rolle.
Ältere Frau, jüngerer Mann - Fragen der Rollenmuster
Zeh sagt, sie habe sich in den letzten Jahren immer stärker auseinandergesetzt mit den Fragen von Geschlechteridentitäten und Rollenmustern. «Als Auslöser kam dazu, dass ich eine sehr enge Freundschaft hatte mit einem mehr als 20 Jahre jüngeren Mann, die zwar nicht amourös war wie im Buch, aber sehr intensiv. Wir sind zusammen gereist und haben zusammengearbeitet, durch diese Verbindung sind viele Themen im Buch angestoßen worden.»
Können Feminismus, ein modernes Frauenbild, Machtgefälle, Midlife-Crisis und Liebe gleichzeitig funktionieren, fragt der Roman. Ältere Chefs und jüngere Mitarbeiterinnen in emotionalen oder sexuellen Verwicklungen sind ein bekanntes Phänomen, umgekehrt ist es selten und für alle Beteiligten verunsichernd. «Durch den Altersunterschied wird man anders wahrgenommen. Warum sollte eine ältere Frau für einen jüngeren Mann attraktiv sein? Da geht es auch stark um die Frage eines Marktwertes - das ist ein hässliches Wort, aber es trifft», sagt Zeh.
Der Spannungsbogen in «Pony Show» wird von der Autorin vor allem dadurch aufrechterhalten, dass Betty sich ihre und Feros Geschichte erst im Lauf von Wochen entlocken lässt. Zeh verknüpft das mit überraschenden Wendungen im Prozess, die wie aus dem Nichts auftauchen. Das wirkt an der einen oder anderen Stelle recht konstruiert und wenig plausibel, ähnlich wie manche Cliffhanger in Serien.
Autorin und Hauptfigur
Für Zeh ist das Zentrum der Geschichte aber nicht nur der Prozess, sondern die Verlegerin Betty. «Um eine Figur durch eine Geschichte führen zu können, versetze ich mich stark auch in ihre Gefühlslage hinein, weil ich nur so psychologisch erzählen kann», sagt sie. Sie knüpfe beim Erzählen immer an etwas an, das sie von sich selber kenne.
«Nicht unbedingt, weil ich es bin, manchmal auch, weil ich es gerade nicht bin. Fantasie und Fiktion nähren sich von Dingen, die ich gehört habe, miterlebt habe, die mir erzählt wurden.» Es gehe beim Schreiben auch um einen «Akt der Identifikation», erklärt Zeh ihr Vorgehen. «Man erschafft etwas, das außerhalb von einem selbst liegt, das man aber fast so gut fühlen kann wie die eigene Person. Nur dann spürt man ja, ob es konsistent ist.»
Die eigentliche Geschichte entstehe erst im Prozess des Schreibens, erklärt Zeh ihr Vorgehen. «Dabei verändern sich die Figuren. Es geht auch darum, dass ich denen diesen Raum gebe. Ich weiß am Anfang noch nicht, wie die Geschichte ausgeht. Es ist ein erhoffter Entwicklungsprozess.»
