Frankfurt / Von Rolf Obertreis Die Zahl der Gründungen werde dieses Jahr steigen, weil es mehr Arbeitslosigkeit gibt, sagt die KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib. Sie vermisst das Thema „Unternehmertum“ in der Schule. Von Rolf Obertreis

Die Corona-Pandemie veranlasst viele potenzielle Gründer erst einmal dazu, ihre Pläne zu verschieben, auch wenn nur wenige ihre Absicht, ein Unternehmen zu gründen, ganz aufgeben. Trotzdem könnte es nach Ansicht von Fritzi Köhler-Geib, der Chef-Volkswirtin der staatlichen Förderbank KFW, in diesem Jahr mehr Neugründungen geben als 2019. Hauptgrund: Die steigende Arbeitslosigkeit und damit die Notwendigkeit, neue Einnahmequellen zu erschließen. „Aufgrund von krisenbedingt zunehmender Erwerbslosigkeit dürfte die Zahl so genannter Nordgründungen steigen, also Gründungen mangels besserer Erwerbsalternativen“.

Möglicherweise sähen sich aber auch viele Experten und Wissenschaftler wegen Corona veranlasst, Ideen im Medizin-Bereich in die Gründung eines Unternehmens umzusetzen, sagt Köhler-Geib. Sicher sei, dass die Krise zu einem Innovationsschub führen wird. Generell aber seien Prognosen für das Gründungsgeschehen in diesem Jahr sehr schwierig.

Gebremst werden könnten Gründer auch durch die Zurückhaltung der Banken. Die werden nach Ansicht von Köhler-Geib in der Krise noch genauer auf die Geschäftsmodelle schauen, zumal sie ohnehin mit einer vermutlich deutlich steigenden Zahl von Kreditausfällen bei Firmenkunden rechnen müssen.

Die Vorzeichen für das Gründungsgeschehen in diesem Jahr seien eigentlich gut gewesen, sagt die Volkswirtin. Die Planungsquoten hätten kräftig zugenommen. Und das, nachdem die Gründungstätigkeit 2019 erstmals seit fünf Jahren endlich wieder angezogen habe.

Die Zahl der Gründungen neuer Firmen, vor allem auf Basis des Internets und digitaler Dienstleistungen, ist um 58 000 auf 605 000 gestiegen. Köh­ler-Geib: „Der Trend zu mehr innovativen, digitalen und internetbasierten Gründungen ist positiv, denn sie kreieren neue Märkte, treiben den strukturellen Wandel voran und stärken die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft.“

Allerdings waren für den Anstieg vor allem Nebenerwerbsgründungen verantwortlich. Ihre Zahl erhöhte sich um 85 000 auf 377 000. Dagegen registrierte die KfW 27 000 weniger Vollerwerbsgründungen und damit einen neuen Tiefstand von 228 000. Köhler-Geib hat dafür allerdings eine nachvollziehbare Begründung: die hohe Erwerbstätigkeit und sichere Arbeitsplätze.

Nach wie vor werden Unternehmen vor allem von Männern gegründet (390 000, 59 000), weniger von Frauen (215 000, gleichbleibend). Generell ist nach Ansicht der KFW-Chef-Volkswirtin eine bessere Schulbildung im Blick auf Unternehmertum und unternehmerische Tätigkeiten nötig. Die Mängel in Deutschland seien in diesem Punkt beträchtlich.

Ganz allgemein sei Deutschland aber ein guter Standort für Gründungen, sagt Köhler-Geib. Unter anderem wegen der Infrastruktur und des guten Beratungsumfeldes. „Global rangiert Deutschland unter den 15 Ländern mit den besten Gründer-Ökosystemen.“

Nord-Süd-Gefälle bei Firmengründungen

Berlin steht an der Spitze der Unternehmensgründungen. Im Schnitt der Jahre 2017 bis 2019 sind dort – bezogen auf 10 000 Erwerbstätige – jährlich 198 Unternehmen gegründet worden. In Brandenburg waren es 155, in Hamburg 122. Bayern kommt auf 121, Baden-Württemberg auf 115. In Ostdeutschland ist Sachsen hinter Berlin und Brandenburg mit 86 Gründungen pro 10 000 Erwerbstätigen drittwichtigster Gründungsstandort.