dpa Bis zum Sommer wollen zwei Drittel der Firmen Stellen streichen. Sie sind durch den Umstieg auf E-Mobilität stark belastet. Jan Petermann und Alexander Bögelein

Große Teile der Autozulieferindustrie in Deutschland stellen sich laut einer Mitgliederumfrage des Branchenverbands VDA im Fall anhaltend schwacher Fahrzeugverkäufe auf drastische Jobverluste ein. Allein in den 132 teilnehmenden Firmen sollen demnach schon bis zu 12 500 Arbeitsplätze auf der Kippe stehen. Die Stichprobe der Befragung mittelständischer Zulieferer steht für zusammen rund 187 000 Beschäftigte. Insgesamt beschäftigt die Branche 310 000 Mitarbeiter.

Sollten sich die Bedingungen nicht ändern, werden nach den Angaben des VDA bis Ende Juni 39 Prozent der Unternehmen Personal abbauen. Bis Ende Juli werden es 65 Prozent sein. Derzeit liefen bereits in jedem zehnten Betrieb Stellenstreichungen. Konkrete Pläne hätten drei von fünf Zulieferern. Manche Firmen erwägen demzufolge die Kürzung von bis zu 40 Prozent der Jobs.

Nach der Einschätzung von Peter Fuß, Autoexperte der Unternehmensberatung EY, treffen die Folgen der Corona-Pandemie die Zulieferer in einer ohnehin schwierigen Zeit. Die Branche stecke mitten in der Transformation zur Elektromobilität. Diese erfordere hohe Investitionen, doch fehlten nun die Einnahmen, weil der Automarkt eingebrochen sei. Die Kapitaldecke sei bei zahlreichen Unternehmen trotz der erfolgreichen Jahre der Vergangenheit angespannt. „Das ist kein Jammern auf hohem Niveau, die Situation ist in vielen Fällen existenzbedrohend“, sagt Fuß.

Während die Branchengrößen wie Bosch oder Continental noch die Möglichkeiten hätten, die Rückgänge in anderen Bereichen auszugleichen, sei es für die vielen mittelständischen Zulieferer schwieriger. Selbst gesunde kleine Firmen könnten in Schwierigkeiten geraten, wenn sie keine Vorprodukte mehr erhalten.

Auch VDA-Chefin Hildegard Müller sieht die Mittelständler in Gefahr. Sie fordert vor diesem Hintergrund einen „schnellen und wirksamen Nachfrageimpuls am Automobilmarkt, um einen massiven Verlust von Arbeitsplätzen und wirtschaftlicher Substanz in einer Schlüsselbranche in Deutschland abzuwenden“. Weil die Verkäufe durch die Corona-Krise am Boden liegen, Hersteller auf Lager produzieren und Aufträge auch bei Zulieferern eingebrochen sind, hatten sich zahlreiche Unternehmen und die Ministerpräsidenten der „Autoländer“ Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg für staatliche Kaufprämien ausgesprochen. So sollen Jobs in der Branche gerettet werden, die neben den Pandemie-Folgen wegen des Umbruchs zu Elektromobilität und Digitalisierung bereits stark unter Druck ist.

Bleibe die Lage so angespannt, hätten viele Betriebe keine andere Wahl als Jobabbau, betonte der VDA. Über die Hälfte der befragten Firmen habe erklärt, innerhalb der kommenden drei Monate in Zahlungsschwierigkeiten zu geraten, „wenn keine Personalanpassung erfolgt“. Bei 93 Prozent laufe Kurzarbeit durchschnittlich für etwa die Hälfte der Belegschaft, bei 9 Prozent für alle Mitarbeiter.

VDA-Vize Arndt Kirchhoff, Vertreter der Zulieferer, hatte jüngst vor Entlassungen gewarnt, sollte die Politik Kaufanreize ablehnen. Für E-Autos oder Hybridfahrzeuge gibt es bereits eine Umweltprämie – unter anderem der Wirtschaftsflügel der Unionsfraktion im Bundestag will keine zusätzlichen Subventionen. Aber auch Umweltorganisationen und die Grünen kritisieren, dass die Branche einen Einschluss von Autos mit modernen Verbrennungsmotoren verlangt.

Die Ergebnisse der Umfrage zeigten den dringenden Handlungsbedarf, sagten Müller und Kirchhoff mit Blick auf die Bundesregierung, die nach Pfingsten ein Konjunkturpaket für die deutsche Wirtschaft abschließend beraten wird. Liquiditätshilfen seien ein Baustein, lösten aber nicht das Kernproblem einer fehlenden Nachfrage am Automobilmarkt.

Kommentar

Neuzulassungen gehen zurück

Während der Corona-Pandemie ist der weltweite Autoabsatz drastisch eingebrochen. Alleine in der EU wurden lediglich 270 682 Pkw neu zugelassen und damit 76,3 Prozent weniger als im Vorjahresmonat, teilte der Branchenverband Acea mit. Bereits im Januar und Februar waren die Zulassungszahlen zurückgegangen, ehe sie im März um mehr als die Hälfte absackten. Der Einbruch im April fiel nun nochmals deutlich stärker aus.

Ein Grund waren laut Acea die aufgrund der Pandemie geschlossenen Autohäuser. Jeder der 27 EU-Märkte habe Rückgänge im zweistelligen Prozentbereich. Dem Verband der Automobilindustrie (VDA) zufolge waren die Rückgänge vor allem in Italien, Spanien und dem nicht mehr zur EU gehörenden Großbritannien dramatisch. Mit Rückgängen zwischen 97 und 98 Prozent kam der Absatz in diesen Ländern nahezu vollständig zum Erliegen. Auch Frankreich verbuchte mit einem Rückgang von 88,8 Prozent einen
heftigen Absturz. In Deutschland gingen die Neuzulassungen um 61,1 Prozent zurück. dpa