Ulm / Julia Kling Die Agentur für Arbeit rechnet für September mit einem Lehrstellen-Rückgang von zehn Prozent. Regionaldirektor Christian Rauch macht sich jedoch mehr Sorgen um die Lage im kommenden Jahr. Von Julia Kling

Fünf Gespräche, jedes etwa zehn Minuten lang. Kein Handschlag zur Begrüßung, kein Blickkontakt – alles per Telefon. „Bewerbungsgespräche laufen normalerweise bei uns anders ab“, sagt Heike Nagel-Lang mit Blick auf ihr erstes digitales Azubi-Speed-Dating. Nagel-Lang ist noch auf der Suche nach einem Lehrling für das im September startende Ausbildungsjahr. „Normalerweise haben wir den Kontakt zu den potenziellen Azubis spätestens im März“, sagt die Geschäftsführerin eines Spanntechnikbetriebs in Gingen Aufgrund der Pandemie war das in diesem Jahr nicht möglich.

Messen und Veranstaltungen an den Schulen mussten abgesagt werden. Trotz der Krise wolle ihr Betrieb auf jeden Fall weiter ausbilden. „Wir brauchen die Fachkräfte“, betont Nagel-Lang. Zwar seien die Aufträge weniger und umkämpfter geworden, aber der Betrieb hänge zum Glück nicht allein von der Autoindustrie ab. Auf diese Einstellung setzt  Christian Rauch. „Der Fachkräftemangel war in den vergangenen Jahren allgegenwärtig und er verschwindet wegen Corona nicht“, betont der Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Baden-Württemberg. Die Jugendlichen, die in diesem Jahr keine Lehrstelle bekommen, fehlten in drei oder fünf Jahren als Fachkräfte.

Kein dramatischer Einbruch

Insgesamt rechnet Rauch über alle Branchen hinweg mit einem Rückgang der Ausbildungsplätze um 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, als der Agentur knapp 83 000 Stellen gemeldet wurden. „Das ist nicht wirklich dramatisch.“ Aber das sei ein Mittelwert. „In der Gastronomie oder der Tourismusbranche, auch teilweise im Handel sind die Zahlen deutlich höher.“

Für die Jugendlichen, die derzeit noch auf der Suche nach einer Lehrstelle sind, fallen so ganze Berufszweige weg. „Hinzu kommt, dass junge Leute, die sonst etwa ein Jahr Work and Travel nach der Schule unternommen hätten, jetzt direkt weitermachen wollen.“ Sei es mit einer Ausbildung, einem freiwilligen sozialen Jahr oder einer weiterführenden Schule. So treffen mehr potenzielle Azubis auf weniger Stellen. „Ich bin aber überzeugt, dass die Einrichtungen in der Lage sind, die zusätzlichen Bewerber aufzunehmen“, zeigt sich Rauch optimistisch.

Im vergangenen Jahr habe die Zahl der unversorgten Jugendlichen im Land bei etwa 1000 gelegen. „Auch wenn es in diesem Jahr doppelt so viele sind, steht Baden-Württemberg im Ländervergleich immer noch gut da“, sagt Rauch mit Blick auf die Statisitk. Probleme bei der Lehrstellensuche sieht der Leiter der Regionaldirektion vor allem für „Jugendliche mit nicht so überzeugenden Leistungen. Sie tun sich etwa auch bei digitalen Bewerbungsformaten schwerer. Sie können häufig im persönlichen Gespräch überzeugen.“

Die vom Bund angedachte Prämie für kleine und mittelständische Betriebe, die gleich viel oder mehr ausbilden als im Vorjahr, könne manche vielleicht zu einem Umdenken bewegen. „Aber nur, wenn die finanzielle Situation es zulässt“, sagt Rauch.

Fünfte Jahreszeit entscheidend

Mehr noch als sonst setzt er in diesem Jahr auf die Eigeninitiative der Jugendlichen und die fünfte Jahreszeit, wie er sagt. „Von Oktober bis Dezember laufen bei uns die Nachvermittlungen. Diese haben dieses Jahr einen besonders hohen Stellenwert, da Betriebe dann ihre betriebswirtschaftliche Situation besser einschätzen können und sich vielleicht noch für einen Azubi entscheiden.“ Generell sieht Rauch für 2021 ein größeres Risiko als derzeit. „Die großen Betriebe hatten die Bewerbungsphase für 2020 schon vor der Pandemie abgeschlossen. Sie können jetzt nicht mehr zurück.“ Für 2021 jedoch werden jetzt die Weichen gestellt.

Heike Nagel-Lang ist derweil guter Dinge, dass sie einen angehenden Werkzeugmechaniker einstellen kann. Eines der fünf Telefonate verlief so vielversprechend, dass der Bewerber bereits am Donnerstag ein Praktikum im Familienbetrieb begonnen hat.

Kommentar

Land schafft Anreize 

Bestehende Ausbildungsverhältnisse sind einer Umfrage der IHK Baden-Württemberg zufolge weniger gefährdet als zunächst befürchtet. In vier von fünf Betrieben sind die Azubis nicht von Kurzarbeit betroffen. Um die Lehrlinge abzusichern, zahlt das Land Betrieben eine Prämie, die Azubis aus einem insolventen Betrieb übernehmen oder zeitweise für einen Betrieb einspringen.