Frankfurt / Rolf Obertreis Die Folgen der Corona-Pandemie bekommen auch junge Firmen zu spüren. Statt für Mobilität  interessieren sich Investoren für Gesundheitsthemen. Von Rolf Obertreis

Die Folgen der Corona-Pandemie bekommen auch Start-ups zumindest zum Teil zu spüren. Die Zahl der  Start-ups in Deutschland, die Finanzspritzen erhalten, ist zwar gestiegen, die investierte Summe jedoch gesunken. Zu diesen Ergebnissen kommt eine am Montag veröffentlichte Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY). Der Analyse zufolge gab es in der ersten Hälfte dieses Jahres zwar 8 Prozent mehr Finanzierungen als noch im Vorjahreszeitraum. Das Investitionsvolumen sank im Vergleich jedoch um mehr als ein Fünftel auf 2,2 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2019 sei das Investitionsvolumen noch mehr als 600 Millionen Euro höher gewesen.

In Deutschlands Start-up-Hauptstadt Berlin wurde das Investitionsvolumen sogar um fast die Hälfte auf 1,1 Milliarden Euro gekappt, obwohl mit 149 nahezu 14 Prozent mehr Unternehmen unterstützt wurden. In Bayern dagegen kletterte die Zahl der Vereinbarungen zwischen Januar und Juni um ganze 60 Prozent auf 83 und die Investitionen vervierfachten sich auf 773 Millionen Euro. Der Start-up-Standort Baden-Württemberg rutschte dagegen weiter ab: Nur noch 17 Unternehmen und damit ein Drittel weniger als im ersten Halbjahr 2019 wurden finanziert. Das Volumen schrumpfte um 30 Prozent auf nur noch 105 Millionen Euro.

Das sind die zentralen Ergebnisse des Start-up-Barometers der derzeit wegen des Wirecard-Skandals umstrittenen Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. „Es gibt eindeutig einen Corona-Effekt bei den Risikokapitalinvestitionen“, erläuterte EY-Partner Thomas Prüver. Vor allem die Zahl großer Finanzierungen mit mehr als 100 Millionen Euro sei deutlich zurückgegangen – von sieben auf nur noch zwei.

Mit 218 Millionen erhielt der Münchner Flugtaxi-Entwickler Lilium den höchsten Betrag, dahinter rangiert der Verleiher von Technikgeräten Grover aus Berlin mit 195 Millionen auf Platz zwei. Die Smartphone-Bank N26 konnte 91 Millionen Euro einsammeln. 73 Millionen gingen an Content ebenfalls in Berlin und 68 Millionen an das Software-Start-up Personio in Bayern.

Im Januar vor der Krise waren es noch 90, im März dann nur noch 49 und im Juni gerade noch 34 Finanzierungen. Immerhin seien nur wenige geplante Finanzierungen komplett abgesagt worden. Die Folgen der Krise werden nach Angaben von Prüver erst noch sichtbar werden.

Bei den Standorten sieht der Experte München auf dem Vormarsch. „Da bildet sich nach Berlin ein zweiter großer Start-up-Standort heraus.“ München sei vor allem im Technologiebereich stark. Noch aber ist Berlin mit einem Anteil von 41 Prozent an allen Abschlüssen deutlich vorne. Bayern kommt auf 23, Nordrhein-Westfalen auf 9 und Baden-Württemberg auf nur 5 Prozent.

Gut Ideen stießen zwar nach wie vor auf großes Interesse, aber generell seien die Investoren vorsichtiger geworden. „Der Markt befindet sich im Umbruch, aber nicht in Schockstarre“, erläutert Prüver. Zwar dürften die Investoren angesichts der Wirtschaftslage vorübergehend weniger Geld in Jungunternehmen stecken. „Aber die Risikokapitalgeber verfügen nach wie vor über erhebliche liquide Mittel, die angelegt werden wollen“, sagte Thomas Prüver.

Er sieht in der aktuellen Situation auch eine Normalisierung nach der Überhitzung der Vorjahre: „Die Investoren achten jetzt mehr auf Qualität, die Bewertungen rücken sich zurecht, einige Hype-Themen sind in der Realität angekommen – das muss keine schlechte Entwicklung sein.“

Gefragt waren im ersten Halbjahr vor allem die Bereiche Software und Analytics mit Investitionen von einer halben Milliarde Euro, ein Plus von 30 Prozent. Dagegen litt das Interesse an Mobilitäts-Start-ups und Fintechs mit einem Minus um ein Drittel auf 434 Millionen Euro. Immer stärker gefragt sind auch Gesundheits-Start-ups. „Digital Health wird weiter boomen. Und auch Biotech und Medtech haben in den vergangenen Monaten enorm an Bedeutung gewonnen“, sagt Prüver.

Kommentar

85 Prozent sind Männer

Die meisten Start-ups werden laut Statistikportal Statista im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie gegründet. Immerhin 30 Prozent alle Gründungen finden in dieser Branche statt, gefolgt von knapp 11 Prozent in Ernährung und Konsumgüter, 8 Prozent im Bereich Medizin- und Gesundheitswesen und fast 7 Prozent in der Auto- und Logistikbranche. Die durchschnittliche Mitarbeiterzahl liegt bei rund 13 Angestellten. Über 80 Prozent der Neugründer finanzieren das Unternehmen zumindest teilweise über eigene Ersparnisse. 42 Prozent nehmen weniger als 150 000 Euro externes Kapital auf, bis 500 000 Euro leihen sich 22 Prozent und 20 Prozent nehmen bis zu 2 Millionen Euro auf. Seit Jahren schon sind um die 85 Prozent der Gründer männlich, 15 Prozent sind Frauen. cast