Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) haben am Mittwoch eine virtuelle Führung durch das Cyber Valley in Tübingen erhalten. Kretschmann warb dafür, den Forschungsverbund für Künstliche Intelligenz (KI) zu einem europäischen Zentrum auszubauen. Merkel nannte das Projekt beispielhaft, machte ihm aber keine konkreten Zusagen. „Das Cyber Valley steht beispielhaft für die Attraktivität des KI-Standortes Deutschland“, sagte Merkel laut einer Pressemitteilung des baden-württembergischen Staatsministeriums. „Wissenschaft und Wirtschaft arbeiten hier Hand in Hand und zeigen, wie der Transfer aus exzellenter Forschung in innovative Anwendungen und Geschäftsmodelle gelingen kann.“

Die Bundesregierung werde KI-Forschung und ihren Transfer weiterhin unterstützen. „Die KI ist eines der wichtigsten Zukunftsthemen für Deutschland und Europa“, erklärte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). „Wir würden diese wichtige Forschungskooperation gerne weiter ausbauen, am besten in enger Abstimmung mit der Bundesregierung.“ Gemeinsam mit privaten Partnern könne ein europäisches Zentrum finanziert werden. Landes-Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) ergänzte: „Wenn wir vom europäischen Kontinent aus die KI-Entwicklung mitgestalten wollen, brauchen wir ein attraktives wie agiles Umfeld.“ Die Vernetzung der Spitzenforschung sei dabei ein zentraler Baustein. „Deshalb brauchen wir jetzt einen Impuls in Richtung Europa.“ Bauers Bundeskollegin Anja Karliczek (CDU) hatte ebenfalls an der rund zweistündigen Schaltung teilgenommen. Die Konferenz war nicht öffentlich.

Unter dem Begriff Cyber Valley arbeiten seit 2016 Universitäten, Firmen, Stiftungen, das Land Baden-Württemberg und die Max-Planck-Gesellschaft am Aufbau eines international konkurrenzfähigen Standorts für Künstliche Intelligenz im Raum Stuttgart-Tübingen. Seit 2019 ist auch die Fraunhofer-Gesellschaft mit von der Partie. Nach eigenen Angaben ist der Verbund mittlerweile Europas größtes Forschungskonsortium in seinem Bereich. Ein unabhängiger Ethik-Beirat prüft Forschungsvorhaben auf ihre mögliche Folgen. Das soll einen „europäischen Weg“ zwischen dem marktgetriebenen US-Ansatz und dem autoritären chinesischen Modell eröffnen.

Nach Angaben des Wissenschaftsministeriums verzeichnet Cyber Valley inzwischen rund 1000 Forschende. Bosch und Amazon bauen am Tübinger Campus ebenfalls Forschungszentren für Künstliche Intelligenz auf. Zu den Zielen gehört auch die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses an der interdisziplinär angelegten International Max Planck Research School for Intelligent Systems.

Die enge Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft soll außerdem einen Nährboden für Start-ups bieten, ähnlich wie im US-amerikanischen Silicon Valley. Bislang gibt es 15 solcher Spin-off-Unternehmen. Diese Woche gab der Verbund die Gründung eines „Cyber Valley Investor Networks“ bekannt. Die ersten Mitglieder sind die Venture-Capital-Unternehmen Atlantic Labs (Berlin), IT-Farm (Tokio/Palo Alto), BMW iVentures (Mountain View/München), Grazia Equity (Stuttgart) und Gründermotor (Stuttgart). Sie sollen Wissenschaftlern helfen, Ideen in Firmen zu verwandeln.

Baden-Württemberg steckt Insgesamt rund 180 Millionen Euro in das Projekt. Davon wurden 41 Millionen Euro in den Neubau des Max-Planck Institut für Intelligente Systeme in Tübingen investiert.

Neckar-Alb und Stuttgart wollen sich bewerben


Ein weltweit konkurrenzfähiger Innovationspark für künstliche Intelligenz (KI) soll nach den Plänen der Landesregierung in Baden-Württemberg entstehen. Laut Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) sind sechs Regionen daran interessiert, den Zuschlag und damit Fördergelder in dreistelliger Millionenhöhe für diesen KI-Campus zu bekommen. Die Region Neckar-Alb hatte sich bereits früh Gedanken über eine Bewerbung gemacht, doch fehlen hier vor allem die erforderlichen Flächen. Nach Informationen dieser Zeitung will sich die Region nun aber zusammen mit Stuttgart bewerben, um so ihre Chancen zu erhöhen. Wolfgang Epp, der Hauptgeschäftsführer der IHK Reutlingen, betont, dass die Region Neckar-Alb die zweithöchste Anzahl an KI-Ingenieuren in Baden-Württemberg habe. „Außerdem bekommen wir von 100 neuen IT-Studienplätzen in Baden-Württemberg insgesamt 50 für die beiden Hochschulen in Reutlingen und Albstadt.“ tdm