Berlin / Igor Steinle 20 Mio. Artikel aus Rücksendungen werden laut Uni Bamberg jährlich vernichtet. Die Bundesregierung will gegen Ressourcenverschwendung vorgehen – hat aber kaum Einblick.

Rund die Hälfte aller Bestellungen bei Online-Bekleidungshändlern landen als Retoure wieder beim Händler. 500 Mio. Artikel werden pro Jahr zurückgesandt. Die meisten werden dem Markt zwar wieder als günstigere B-Ware zugeführt. Für 20 Mio. Artikel ist das laut Zahlen der Uni Bamberg jedoch nicht der Fall: Sie werden vernichtet.

„Das ist eine enorme Ressourcenverschwendung, die schädlich für die Umwelt ist, volkswirtschaftlich fatal und auch respektlos gegenüber den Herstellern“, kritisierte Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) in der „Bild am Sonntag“. Sie will dem Treiben mit einer Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes einen Riegel vorschieben. Für Händler und Vertriebe soll eine „Obhutspflicht“ gelten, heißt es in einem Gesetzesentwurf, der dieser Zeitung vorliegt und am Mittwoch im Kabinett beschlossen werden soll.

Das Gesetz verpflichtet Unternehmen dazu, dass bei Retouren die „Gebrauchstauglichkeit erhalten bleibt und diese nicht zu Abfall werden“. Onlinehändler müssten dann auch billigere Waren wieder in den Verkehr bringen, für die es sich bisher nicht lohnt. Doch selbst wenn der Text vom Bundestag ohne Änderungen beschlossen wird und Unternehmen bei Nichteinhaltung somit gegen geltendes Recht verstoßen, hätte der Rechtsbruch keine Folgen für sie. Denn der Regierung fehlt bisher das Wissen darüber, was die Händler mit ihren Retouren anstellen. Genaue Zahlen geben die Firmen bisher nicht preis.

So konnte die Uni Bamberg zwar ermitteln, dass insgesamt 4 Prozent aller Retouren im Schredder landen. Doch beinhaltet diese Zahl nicht Waren wie Saisonartikel oder Unterhaltungselektronik, die, sobald neuere Modelle auf dem Markt sind, ebenfalls oft entsorgt werden – auch im stationären Handel. Dem Kölner Handelsforschungsinstitut EHI zufolge sind es vor allem Gesundheits- und Drogerieartikel sowie Nahrungsmittel, die auf dem Müll landen. Hier jedoch ist die Rücksendequote relativ gering – anders als bei Bekleidung. Greenpeace hat beobachtet, wie alleine an einem Amazon-Standort täglich eine Lkw-Ladung Retouren von einer Entsorgungsfirma abgeholt werden. Valide sind diese Daten jedoch nicht.

Um genaue Zahlen herauszufinden und Erkenntnisse über den Umgang mit Retouren zu gewinnen, werden Online-Händler deswegen zunächst verpflichtet, Transparenz walten zu lassen: Sie sollen dem Bund Bericht erstatten, wie sie mit welchen Artikeln umgehen. Liegen der Regierung diese Daten dann vor, möchte sie genauere Grenzen beim Umgang mit den Rücksendungen ziehen. Wann das der Fall sein wird, ist jedoch unklar.