Viereinhalb Monate nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie steht die US-Wirtschaft an einem Scheideweg. Die rasche Lockerung von Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen hatte am Anfang des Sommers die Zuversicht bei Verbrauchern und Unternehmen geschürt, dass es schon im zweiten Halbjahr wieder bergauf gehen könnte. Nun scheint sich das Blatt wieder zu wenden.

Aufs Jahr hochgerechnet brach die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal erwartungsgemäß um fast ein Drittel ein. Das war der tiefste Sturz in der Geschichte, einschließlich der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre. Gegenüber der Vergleichsperiode 2019 schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 9,5 Prozent. Vor wenigen Wochen war noch von einem möglichen Konjunkturboom im Spätsommer und Herbst die Rede.

Der Einzelhandel erfuhr im Frühjahr eine Belebung. Die Umsätze stiegen im Mai um mehr als 18 Prozent und legten auch im Juni kräftig zu. Zuwächse gab es vor allem bei Bekleidung, Heimelektronik, Sportartikeln und im Gastgewerbe. Dank der Autoindustrie zog auch die Industrieproduktion nach einigen schwachen Monaten wieder an. Verbraucher ebenso wie Unternehmer sahen der wirtschaftlichen Zukunft wieder positiv entgegen, und selbst der Immobilienmarkt, wo Besichtigungen und Verkäufe unter den Kontaktbeschränkungen gelitten hatten, präsentierte sich bis zuletzt wieder sich in robuster Verfassung.

Folglich erwarteten Wirtschaftsforscher in der zweiten Jahreshälfte kräftiges Wachstum. Die Zuversicht ist verpufft. Denn in mehr als zwei Dritteln der 50 US-Staaten zieht die Zahl der Infektionen wieder an, teilweise in beängstigendem Tempo. Die Gouverneure großer Staaten, die bisher eher auf Lockerungen setzten, steuern angesichts des dramatischen Anstiegs um. Die Kehrtwende könnte den Aufschwung abwürgen.

Selbst der republikanische Gouverneur von Texas, Greg Abbott, in dessen Staat Krankenhäuser und Intensivstationen hoffnungslos überlastet sind, ordnete nun eine Maskenpflicht an und drohte mit einem vollständigen Lockdown. In Kalifornien ließ der demokratische Gouverneur Gavin Newsom Kneipen und Restaurants wieder schließen, die mit Kontaktbeschränkungen nur im Freien servieren dürfen. Den Betrieb einstellen müssen in vielen Bezirken ferner Fitnessstudios, Einkaufszentren, Friseure und andere „nicht essenzielle“ Unternehmen.

Allein das Beispiel Kaliforniens zeigt, dass eine gesamtwirtschaftliche Wende zum Schlechteren unausweichlich erscheint. Schließlich wäre der Westküsten-Staat an der Wirtschaftsleistung gemessen hinter Deutschland und vor Indien die weltweit fünftgrößte Volkswirtschaft. Müssen dort – und womöglich auch in Texas – Firmen aus dem Gastgewerbe, der Tourismusindustrie und anderen Branchen nun zurückrudern, befürchten  Ökonomen einen Schneeballeffekt für die US-Wirtschaft.

Vor den Konjunkturrisiken warnt auch Notenbankchef Jerome Powell. Er erinnert daran, dass selbst während der einsetzenden Erholung „Produktion und Beschäftigung deutlich unter dem Vorkrisenniveau“ lagen und diese nun noch tiefer einbrechen könnten. Umso wichtiger wird die Verabschiedung eines neuen Konjunkturpakets sein.  Vergangene Woche liefen jene zusätzlichen 600 Dollar an wöchentlicher Arbeitslosenhilfe, die im März beschlossen wurden, aus.

Die Republikaner wollen die Zusatzleistung aber um zwei Drittel kürzen. Die Begründung: Gepaart mit der Arbeitslosenhilfe der einzelnen Staaten führten die Subventionen dazu, dass Arbeitslosigkeit besser bezahlt werde als die Rückkehr in manche Jobs. Ohne das zusätzliche Geld könnte der Privatkonsum, der mehr als zwei Drittel der Wirtschaftsleistung ausmacht, tief einbrechen, warnen Ökonomen.

Ringen um weiteres Konjunkturpaket


Angesichts der großen Gefahr eines erneuten Konjunktureinbruchs als Folge der Pandemie planen der von den Republikanern dominierte US-Senat und das von Demokraten dominierte Repräsentantenhaus ein weiteres Konjunkturpaket. Vorgesehen sind unter anderem eine Aufstockung der Arbeitslosenhilfe, Direktzahlungen an Haushalte und Hilfsgelder für Unternehmen, die massive Umsatzeinbußen erlitten haben. Auch sollen zusätzliche Mittel für mehr Corona-Tests in Krankenhäusern und Schulen bewilligt werden. Das Maßnahmenbündel dürfte zwischen 1 Billion (tausend Milliarden) und 3 Billionen Dollar Wert sein. Für den höheren Betrag plädieren die Demokraten. dth