Aulendorf / Simone Dürmuth Abschalten in Zeiten der Pandemie ist nicht ganz einfach. Wohnmobil und Caravan mausern sich zur beliebten Reiseform. Von Simone Dürmuth

Urlaub in Zeiten der Pandemie ist ein wenig komplizierter als sonst: Wohin soll es gehen? Wie soll man umgehen mit den steigenden Infektionszahlen? Will man in ein Flugzeug steigen? Viele setzen darum auf Urlaub zu Hause – entsprechend voll ist es in manchen Reiseregionen. Doch in der Breite sieht es eher mau aus: Im Mai sind die Übernachtungen im Inlandstourismus um 75 Prozent zurückgegangen. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor.

Doch eine Art von Urlaub geht immer: Campen. Im Zelt, Wohnmobil oder Caravan ist man flexibel, muss sich nicht am Frühstücksbuffet anstellen und kann ganz einfach Abstand zu anderen Feriengästen halten. Das scheint inzwischen bei vielen Urlaubern angekommen zu sein: Campingplätze an Ostsee und Bodensee sind auf Wochen ausgebucht. Und während bei fast allen anderen Fahrzeugen die Neuzulassungen teils deutlich unter Vorjahresniveau liegen, vermeldet die Caravaning-Branche Rekordwerte.

Die Neuzulassungen von Freizeitfahrzeugen stiegen im Mai  im Vergleich zum Vorjahresmonat um fast 16 Prozent auf mehr als 14 000 Fahrzeuge. Bei den Wohnmobilen kletterten die Neuzulassungen im Juni im Vergleich zum Vorjahr um rund 65 Prozent. Mit mehr als 10 000 neu zugelassenen Fahrzeugen war der Mai der beste Monat der Branchengeschichte für dieses Segment, teilt der Caravaning Industrie Verband (CIVD) mit. Aktuell sind mehr als 500 000 Reisemobile auf deutschen Straßen unterwegs.

Auch beim Hersteller Carthago aus Aulendorf kommt das an. „Unsere Händler berichten, dass die Nachfrage deutlich gestiegen ist“, erklärt Bernd Wuschack, Geschäftsführer Vertrieb, Marketing und Kundendienst der Carthago-Gruppe. Das schlägt allerdings nicht direkt auf die Produktion durch. Vielmehr fungiert der Handel als Puffer – und der konnte während des Lockdown wochenlang nichts verkaufen. „Die leben jetzt erst mal aus dem Bestand. Außerdem werden viele Gebrauchtfahrzeuge verkauft“, erklärt Wuschack.

Außerdem hat die Nachfrage im Ausland noch nicht so stark angezogen, wie in Deutschland. Carthago exportiert etwa 50 Prozent seiner Fahrzeuge. Aber auch hier ist ein Zuwachs zu sehen. Laut CIVD legte Frankreich im Vergleich zum Vorjahresmonat bei Reisemobilen um 58 Prozent zu, die Zulassungen in Italien stiegen um 50 Prozent, in Belgien und den Niederlanden haben sie sich mit 84 Prozent sogar fast verdoppelt. Für Carthago gilt auf jeden Fall: „Wenn die Nachfrage so bleibt wie in den vergangenen Wochen, werden wir auf Sicht mehr produzieren müssen.“

Die Pläne dafür sind bereits gemacht: Auf dem Firmengelände in Aulendorf herrscht zur Zeit Baustellenbetrieb – hier entsteht ein zweites Verwaltungsgebäude. Und auch im Werk in Slowenien würden gerade die Voraussetzungen geschaffen, um in drei bis fünf Jahren die Kapazitäten zu erhöhen, so Wuschack. Das sei allerdings nicht auf das Nachfrageplus in der Pandemie zurückzuführen, sondern sei schon länger geplant. „Wir kommen aus einem starken Wachstum“, erklärt Johannes Stumpp, Geschäftsführer für Personal bei Carthago. Auch beim Personal soll tendenziell eher aufgebaut werden. Derzeit beschäftigt Carthago 580 Mitarbeiter in Aulendorf und 850 in Slowenien. Wie viele dazu kommen sollen ist unklar. „Wir fahren auf Sicht und machen keine großen Sprünge“, so Stumpp.

Doch zwischenzeitlich drohte Corona, einen ordentlichen Strich durch die Rechnung zu machen: Als die Grenzen nach Italien geschlossen waren, hatte Carthago seine liebe Not, die Basisfahrzeuge, genannt Chassis, herzubekommen. Die Reisemobile werden auf einem Fiat Ducato aufgebaut, der in Italien produziert wurde – und der einfach nicht über die Grenze kam. Auch verschiedene Teile für den Innenausbau aus Italien und Kunststoffteile aus China drohten knapp zu werden.

Doch heute ist Wuschack überzeugt: „Unsere Urlaubsform liegt im Trend, die Situation wird unserer Branche zuträglich sein.“

Privat weitervermieten mit „Paul Camper“

Über Plattformen wie „Paul Camper“ können private Besitzer ihre Campingbusse, Wohnmobile und Wohnwagen gegen Geld verleihen, denn diese stehen viele Wochen im Jahr ungenutzt herum. Inzwischen sind mehr als 6000 Fahrzeuge in Deutschland, Österreich und den Niederlanden registriert. Gründer Dirk Fehse stellt eine deutlich erhöhte Nachfrage nach kontaktarmen und flexiblen Urlaubsalternativen fest. „Der Camping-Trend wird nicht nur weiter anhalten, sondern durch Corona noch beschleunigt“, meint er. Seit Anfang Mai verzeichnet das Unternehmen mit fast 9000 Buchungen ein Wachstum von 100 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. dpa