Berlin / Dorothee Torebko Ein Expertengremium der Bundesregierung sieht bis zu 410 000 Stellen bedroht.

Einem Expertengremium der Bundesregierung zufolge sind mehr Jobs in der Autoindustrie gefährdet, als bisher angenommen. Die Kommission „Nationale Plattform Zukunft der Mobilität“ (NPM) geht davon aus, dass durch den Strukturwandel vom Verbrenner hin zu alternativen Antrieben bis zu 410 000 Arbeitsplätze bis 2030 wegfallen werden. Automobilexperten kritisieren das Extremszenario, sie halten diese Zahlen für wenig realistisch.

Die Kommission geht in ihrem am Montag vorgestellten Bericht davon aus, dass in zehn Jahren 10 Mio. Elektroautos auf deutschen Straßen fahren werden. Da die Produktion weniger Bauteile erfordert, weniger wartungsintensiv ist und die Fertigung der Motoren automatisierter ist als die von Verbrennern, werden ihrer Einschätzung nach Hunderttausende ihre Arbeitsplätze verlieren. Das Gremium, das sich aus Vertretern der Gewerkschaften, Verbänden und Nonprofit-Organisationen zusammensetzt, zieht dazu zwei Studien heran. Aufgrund der gravierenden Umstrukturierung sei es wichtig, dass die volle Wertschöpfungskette der Autoindustrie in Zukunft in Deutschland angesiedelt werde, betont der Vorsitzende der NPM-Ar­beitsgruppe, der IG-Metall-Vor­sitzende Jörg Hofmann.

Es würden zwar hunderttausende Arbeitsplätze wegfallen, stimmt der Direktor des Center of Automotive Management (CAM), Stefan Bratzel, dem Bericht zu. Doch so dramatisch, wie es das Gremium darstelle, sei es nicht. Die Wissenschaftler in Bergisch Gladbach rechnen in einer eigenen Studie von einem Wegfall von 135 000 bis 215 000 Jobs bei Zulieferern und Herstellern.

Tesla wird Jobs schaffen

„In den Berechnungen der Nationalen Plattform sind nicht die Entwicklungen der letzten anderthalb Jahre berücksichtigt“, sagt Bratzel. „Dazu zählt etwa, dass Tesla sich in Brandenburg ansiedelt und Arbeitsplätze schafft.“ Auch der Verband der Automobilindustrie bekräftigt, dass deutsche Hersteller ihr Angebot an E-Autos bis 2023 auf 150 Modelle verdreifachen werden. Ein Großteil davon werde in Deutschland produziert.

Nichtsdestotrotz müsse die Branche den Umbruch abfedern, sagt Wissenschaftler Bratzel. Vor allem die gut bezahlten Jobs würden wegfallen. „Das Gehaltsniveau wird für die im Dienstleistungsbereich neu entstehenden Arbeitsplätze deutlich niedriger sein“, sagt der Autoexperte. Daraus könnten sich soziale Spannungen entwickeln, wie etwa in Frankreich mit der Gelbwestenbewegung. Wichtig sei – und das betont auch die NPM –, Maßnahmen zur Weiterqualifizierung zu entwickeln. Dorothee Torebko