Michael Gabel Es klingt wie ein Weihnachtsgeschenk für gefrustete Urlauber: Der Bund springt ein, damit Betroffene ihr Geld zurückbekommen. Von Michael Gabel

Kunden des insolventen Reiseveranstalters Thomas Cook können hoffen: Die Bundesregierung will die Opfer der Firmenpleite  entschädigen. Wir geben Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Warum will die Bundesregierung eingreifen? Weil immer deutlicher wurde, dass das eigentlich existierende Sicherungssystem für Pauschalreisende die Schäden durch die Insolvenz des Unternehmens nicht ausgleicht. Der Veranstalter Thomas Cook war bei der Zurich Gruppe nur bis zur gesetzlich festgelegten Obergrenze von 110 Mio. € versichert. Doch der größte Teil der Summe sei bereits für das Rückholen gestrandeter Urlauber verwendet worden, teilte der Versicherer vor Kurzem mit. Die Kunden bekommen 17,5 Prozent ihrer Ansprüche von der Versicherung erstattet, hieß es am Mittwoch.

Wieso ist das Geld so schnell ausgegangen? Das liegt zum einen da­ran, dass das britische Unternehmen mit seinem deutschen Ableger besonders groß ist. So wurden rund 200 000 Fälle bekannt, in denen deutsche Urlauber durch die Pleite auf Kosten sitzen geblieben sind – allein dies sprengt die Haftungsgrenzen. Aber es gibt offenbar noch ein zweites Problem: Der Fraktionsvize der FDP im Bundestag, Michael Theurer, sieht in dem Eingreifen ein Schuldeingeständnis der großen Koalition, die „die EU-Gesetzgebung offenbar mangelhaft umgesetzt“ habe. Kritiker hatten moniert, dass der aus Brüssel vorgegebene „vollumfängliche Schutz“ mit der deutschen Regelung nicht gegeben sei.

Wie sollen die Cook-Geschädigten an ihr Geld kommen? Das ist noch unklar. Die Bundesregierung hat nur versprochen, „für die Abwicklung und Auszahlung soll ein möglichst einfaches und kostenfreies Verfahren“ geschaffen werden. Ziel sei es, „eine Prozesslawine“ zu verhindern. Dass jeder Kunde für sich sein Geld notfalls einklagen müsse, sei diesen „nicht zumutbar“. Aus welchem Topf das Geld für die Entschädigungen kommen soll, ist innerhalb der Bundesregierung strittig. Weder das Bundeswirtschaftsministerium noch das Verbraucherschutzministeriums erklärten sich für zuständig. Ebenso ist offen, ob der Bundestag zustimmen muss.

Um wie viel Geld geht es? Die Zurich Gruppe Deutschland meldete am Mittwoch, dass der Gesamtschaden 287,4 Mio. € betrage. Davon könne die Versicherung aber nur 50,4 Mio. € erstatten.

Warum hat die Bundesregierung nicht früher gehandelt? Das deutsche Reiserecht orientiere sich „an der Größe der bisher bekannten Insolvenzen“, argumentiert die Bundesregierung. Die Thomas-Cook-Pleite habe diesen Rahmen bei Weitem gesprengt. Bei der Opposition will man diese Sicht der Dinge nicht teilen. Die Grünen drangen schon vor Monaten darauf, dass der Versicherungsschutz auf „bis zu 300 Mio. €“ erhöht wird. Die Verbraucherschutz-Expertin der Linken, Kerstin Kassner, betont, mögliche Schadenssummen seien „lächerlich niedrig“ angesetzt worden. „Die Versicherung kommt nun billig davon.“

Bleibt das Chaos nach der Cook-Pleite ein Einzelfall? Verbraucherschützer fordern schon länger, dass, um dies zu erreichen, die Absicherungssumme deutlich höher sein müsste. „Ob das durch eine höhere Versicherungssumme oder einen Fonds geschieht, in den die Reiseanbieter einzahlen, ist zweitrangig“, sagt der Reiserechtsexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Felix Methmann, dieser Zeitung. „Hauptsache, es ist wirksam.“ Bei einer Absicherung müssten mögliche Pleiten der großen deutschen Anbieter Tui und DER ebenso bedacht werden wie Insolvenzen von Mittelständlern wie Schauinsland und Alltours. Aus der Koalition ist zu solchen Vorschlägen wenig zu hören. Immerhin forderte Jan-Marco Luc­zak, ein Rechtsexperte der Unionsfraktion, „schnellstmöglich rechtssichere Neuregelungen im Pauschalreiserecht“ zu finden.

Bleiben Pauschalreisen beliebt? Ja. In einer aktuellen Forsa-Umfrage äußern sich 94 Prozent „zufrieden“ oder „sehr zufrieden“ mit den Dienstleistungen ihres Pauschalreiseveranstalters.

Boeing verhagelt Tui die Bilanz

Der weltgrößte Reisekonzern Tui hat im Geschäftsjahr 2019 deutlich weniger Gewinn gemacht als im Vorjahr. Belastet vom Flugverbot für den Mittelstreckenjet Boeing 737 Max sackte der Nettogewinn von 727,2 Mio. € auf 416,2 Mio. € – ein Minus von 42,8 Prozent. Tui musste für seine 15 Boeing 737 Max Ersatzflugzeuge mieten. Der um Sondereffekte bereinigte operative Gewinn (bereinigtes Ebita) fiel um knapp 22 Prozent auf 893,3 Mio. €. Zudem teilte Tui mit, dass die Aktionäre künftig mit deutlich geringeren Dividenden rechnen müssen. dpa