Frankfurt / Rolf Obertreis Auf der IAA in Frankfurt geben sich die Hersteller alle betont elektrisch und klimabewusst. Doch das Geschäft machen die Unternehmen mit den Dickschiffen. Von Rolf Obertreis

Haben die Auto-Hersteller verstanden? Ja, es scheint so. Auf der Internationalen Automobilausstellung IAA in Frankfurt ist dieser Eindruck nicht von der Hand zu weisen. Obwohl sich die Klimaproteste in Grenzen halten. Nur Greenpeace hat sich vor dem Messegelände mit einem riesigen schwarzen Ballon und einem Monster-SUV positioniert und fordert eine „Verkehrswende ohne Klimakiller“.

Ob BMW-Chef Oliver Zipse, der erste Mercedes-Mann Ola Källenius, VW-Chef Herbert Diess oder Opel-Chef Michael Lohscheller: Der Begriff SUV fällt bei ihren Präsentation ganz selten. Verschämt in den Ecken stehen die dicken Autos trotzdem nicht. Schließlich sind sie, wie Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer bei seinem Gang über die Messe sagt, die Profitbringer der Branche. Aber sie sind damit auch die Basis für die notwendigen Investitionen in die Elektromobilität und den Klimaschutz. „Mit E-Autos verdienen die Hersteller in den nächsten fünf Jahren nichts“, sagt Dudenhöffer.

Öffentlicher Druck wirkt

E-Autos und Klimaschutz rücken in den Mittelpunkt wie selten zuvor. Der öffentliche Druck und die massive Kritik von Umweltschützern zeigen Wirkung. BMW-Chef Zipse sieht den Münchner Konzern heute schon an der Spitze der Elektromobilität. „In Deutschland hat kein anderer Hersteller 2019 bislang mehr elektrifizierte Automobile verkauft als die BMW Group“, sagt er am dicht umlagerten Stand in Halle 3. „In zwei Jahren werden wir über eine Million elektrifizierter Fahrzeuge verkauft haben“. Zipse setzt allerdings im Gegensatz zu anderen Herstellern parallel auch auf die Brennstoffzelle.

Nachhaltigkeit rücke in den Mittelpunkt. In keinem E-Motor verwende BMW seltene Erden, der Strom für die Produktion werde zum größten Teil aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen. In Europa sei die Produktion bereits jetzt CO2-neutral. Dass auch BMW massiv von SUVs lebt, sagt Zipse nicht. Im August hatten die X-Modelle einen Anteil von fast 50 Prozent an allen verkauften BMW-Fahrzeugen.

Am anderen Ende des Messegeländes hat Mercedes vor allem seine G-Modelle aufgereiht. Drinnen auf der Bühne preist Konzernchef Källenius den Wandel auch in Stuttgart: „Mercedes ist elektrisch“. Bis zum Jahresende gebe es aus Stuttgart 20 Elektro-Modelle und Plug-in Hybride. „Viele sind ungeduldig. Wir sind es auch“, sagt er und verspricht einen noch schnelleren Wandel. Bis 2022 werde die Fahrzeugproduktion CO2-neutral sein, bis 2030 seien mehr als die Hälfte der Mercedes-Neuwagen elektrisch.

„Die Klimawende ist eine Mammutaufgabe. Wir leisten unseren Beitrag, aber Politik und Industrie müssen den Weg gemeinsam gehen“, ist Källenius überzeugt. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird am Donnerstag bei der offiziellen Eröffnung der IAA darauf antworten.

Die Kanzlerin wird bei VW in Halle 3 vorbeischauen. Vier Jahre nach der Aufdeckung des Dieselskandals sehen sich die Wolfsburger neu aufgestellt. Sie präsentieren ihr neues vermeintliches Wunder-Elektro-Auto ID.3. Mit dem Modell, das für einen Basis-Preis von weniger als 30 000 € nach Überzeugung von VW-Konzernchef Herbert Diess die E-Mobilität für alle erschwinglich macht und zu einem echten „Volks“-Wagen werden soll, will man Marktführer in diesem Bereich werden.

Freilich: Es gibt zwar 30 000 Reservierungen für die erste, knapp 40 000 €-Version des ID.3. Breit verfügbar wird das Auto aber erst ab 2021, wie Auto-Experte Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler eher kopfschüttelnd am VW-Stand bemerkt.

Von Reservierungen will Opel-Chef Jürgen Lohscheller dagegen mit Blick auf den elektrischen Corsa nicht sprechen. „Wir berichten, wenn wir im nächsten Jahr die ersten Autos ausliefern.“ Der Manager ist bester Stimmung, schließlich sieht er Opel nicht nur elektrisch auf dem richtigen Weg, sondern auch bei der Rendite. „Opel erholt sich viel schneller als erwartet“. Schon 2019 soll eine Umsatzrendite von 6 Prozent erreicht werden, trotz der hohen Investitionen in die Elektrifizierung der Flotte. Kein Wunder, dass Lohscheller zusammen mit Opel-Markenbotschafter Jürgen Klopp in die Kameras lacht.

Der Erfolgstrainer des FC Liverpool ist einer der wenigen Promis am ersten, den rund 8000 Journalisten aus aller Welt vorbehaltenen, IAA-Tag. Die Kosten, Klopp einzufliegen, hat Opel nicht gescheut.

Deutlich abgespeckte Auftritte

Der Stand von Opel ist um ein Drittel kleiner als auf der letzten IAA, die Kosten seien um ein Drittel geringer. Auch BMW hat kräftig gespart. 2017 noch hatten die Münchner die gesamte Messehalle elf belegt. Jetzt teilen sie sich die Halle unter anderem mit Opel, Hyundai, Jaguar und Landrover. Mercedes hat geradezu dramatisch abgespeckt. Hatten sie früher die Autos auf drei Ebenen präsentiert, die mit eigens eingebauten Rolltreppen verbunden waren, ist davon nichts mehr zu sehen. Auf Show- und Tanzeinlagen wird diesmal überall verzichtet. Abgespeckt hat auch die ganze Ausstellung: Auf der IAA sind rund 800 Aussteller vertreten – 200 weniger als vor zwei Jahren.